Loblied auf eine eher ungeliebte Substanz

Der Chemiker Jens Soentgen: Die Welt braucht Staub

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Jens Soentgen
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Foto: Alois Bierl

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Der Augsburger Wissenschaftler Jens Soentgen beschäftigt sich mit dem Staub.

Fein, leicht, schwebend, etwas anarchisch und in jeder Hinsicht unverzichtbar: Wenn Jens Soentgen über Staub spricht, erklingt ein Loblied. Der Chemiker und Philosoph beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und weiß auch dem Aschekreuz einiges abzugewinnen.

Jens Soentgen bewundert Staub. Auch wenn er ihn vom Schreibtisch und den Regalen wegwischt, bevor er einen Besucher in seinem Büro erwartet. Mit einem Tuch in der Hand schaut der Professor, ob sich auf den Oberflächen oder den Ecken nicht zu viel davon abgesetzt hat. Das passiert ja schnell. Das weiß er spätestens seit seinem Zivildienst: „Da war ich vorwiegend im Putzdienst eingesetzt und habe Staub in allen Formen kennengelernt.“  

Seitdem verfolgt den Philosophen und Chemiker die Materie nicht nur beim Saubermachen, sondern fordert ihn auch wissenschaftlich heraus. Sogar ein Buch hat er darüber geschrieben. Denn Staub steckt voller Rätsel, lässt sich schwer greifen und schon gar nicht festhalten. „Eigentlich beschreibt der Begriff alles, was so fein und leicht ist, dass es sich aufwirbeln lässt und dann eine Weile in der Luft schwebt.“ 

Diese Definition hat schon der Heilige und Universalgelehrte Isidor von Sevilla im 6. Jahrhundert aufgebracht, so Soentgen. Deshalb zählen auch winzige Wassertröpfchen dazu, die etwa in der Gischt zerstäuben. Auch wenn der allgemeine Sprachgebrauch allein trockene Schmutzteilchen zum Staub zählt: Er kann auch nass sein.

„Die meisten Menschen würden sagen, eine staubfreie Welt wäre eine bessere Welt, dann müsste niemand mehr putzen“, sagt Soentgen. Auch in der Bibel, die in einer Region mit langen Trockenperioden und entsprechenden Staubmengen entstanden ist, hat er keinen guten Ruf, steht als Symbol für Schwäche, Trauer, Buße oder Vergänglichkeit. Doch ohne ihn hätte die Welt gewaltige Probleme: „Keine Blume, kein Getreide entsteht ohne Pollen, also ohne Staub“, erklärt Soentgen, der das Wissenschaftszentrum Umwelt an der Universität Augsburg leitet. 

Zu viel Staub wäre auch schlecht 

Die winzigen Teilchen sorgen für Regenwolken, transportieren anhaftende Dünge- und Nährstoffe, sind Boten und Vermittler zwischen den Öko-Systemen. Sie halten die Sonneneinstrahlung zurück und sorgen damit für ein lebensfreundliches Klima. Und selbst für die Schriftkultur sind sie unentbehrlich: Denn getrocknete Tinte ist nichts anderes als verklebter Staub. 

Allerdings darf es nicht zu viel sein: „Schon vor Jahrzehnten haben Physiker ausgerechnet, dass ein umfassender Atomkrieg so viel Staub aufwirbeln würde, dass es zu dem oft zitierten nuklearen Winter käme“, sagt Soentgen. Die Abkühlung wäre so stark, dass an Land fast alles Leben abstürbe, weil dann zu wenig Licht den Boden erreicht. Aktuell belastet die massenhafte Verbrennung fossiler Energien die Atemluft mit Feinstaub. Im Wissenschaftszentrum forscht Soentgen unter anderem über solche Zusammenhänge von Gesundheit und Staub. 

Der unscheinbare, leichte Stoff schlägt ihn aber nicht allein naturwissenschaftlich, sondern genauso philosophisch in Bann. Denn er stellt schwere Fragen: „Weil Staub sozusagen an der Grenze zwischen Etwas und Nichts steht.“ Philosophen treibt etwa um, was denn ein „Ding“ sei: „Also etwas, das fest existiert, sich gleichbleibt und zu etwas dient, und da fällt der Staub heraus, obwohl es ihn ja spürbar gibt.“ Soentgen nennt ein schlagendes Beispiel: „Wer Goldstaub verschüttet, bekommt den nie wieder komplett eingesammelt, einen Goldring dagegen schon.“ Staub mache eben, was er will, „lässt sich nie ganz einfangen und ist sozusagen der Anarchist im System“. 

Wer hätte gedacht, dass Staub sozial ist?

Gleichzeitig ist er sehr sozial und organisiert sich rasch, „denn er verbrüdert sich gerne mit anderer Materie, Fasern oder auch Mikroorganismen oder sogar Tieren wie Milben“. Daraus entstehen etwa die Wollmäuse unterm Bett. Im Weltall bindet und verdichtet er seit Jahrmilliarden mineralische Stoffe und Gase, kurz:  ohne Staub keine Sterne, keine Planeten. 

Der Staub hat also ein Loblied verdient, das ihm Soentgen eifrig singt. Ihn beeindruckt der „sphinxhafte Stoff, der sich ständig verändert“. Das gelingt ihm lautlos und sanft. „Man macht die Fenster zu, die Türen zu und denkt: Staub, du bleibst draußen, aber er findet seinen Weg – mit der Zeit, ganz ohne Gewalt.“ 

Von dieser verachteten Materie „kann man Geduld und Zähigkeit lernen, wie von kaum etwas anderem“, meint Soentgen, den natürlich das Aschekreuz begeistert, das sich Katholiken zu Beginn der Fastenzeit auf die Stirn zeichnen lassen: „Es ist ja ein Symbol dafür, wie etwas Festes, eine komplexe Struktur zu Staub geworden ist.“ Was auch eine freundliche Seite hat. „Denn es bleibt ja etwas, aus dem Lebendiges entstehen kann.“ Und Soentgen zitiert einen seiner berühmten Kollegen unter den Philosophen: „Für Leibniz war Staub eine Zustandsveränderung, bei der nichts verloren geht.“ 

So betrachtet lässt sich das Aschekreuz so leicht tragen wie der Staub, aus dem es gemacht ist. Diesem widersprüchlichen und beharrlichen Stoff, der sich nicht unterkriegen lässt. Der sich in einem ständigen Übergang befindet, neue Beziehungen eingeht und sich verwandelt. Staub kann Hoffnung machen.

Alois Bierl

Buchtipp

Jens Soentgen: Staub. Alles über fast nichts. DTV, 15 Euro