Kapellenglocke im Bremer St.-Joseph-Stift saniert
Das Gewicht hing nur noch an einer Schraube
Foto: Anja Sabel
Eike Scherler aus Wiesmoor hat die Glocke im Dachreiter der Kapelle des St.-Joseph-Stifts saniert.
Die Otto-Glocke war eine tickende Zeitbombe – gehalten nur noch von einer rostigen Schraube, locker, nach allen Seiten hin beweglich. Als Eike Scherler vor einigen Monaten zum Dachreiter der Kapelle des Bremer St.-Joseph-Stifts aufstieg und die gravierenden Mängel sah, legte er die Anlage sofort still. Zu groß war die Gefahr, dass 40 bis 50 Kilogramm Bronze oder Teile davon abstürzen und Menschen treffen. „Da hätte auch das Krankenhaus nebenan nichts mehr ausrichten können“, sagt Scherler mit ernster Miene.
Seit über einem Jahrhundert ist die im neugotischen Stil erbaute Kapelle des katholischen Krankenhauses ein Ort der Stille und des Gebetes. Zunächst für die Franziskanerinnen, die dort in der Krankenpflege und anderen Diensten tätig waren. Heute für viele Patienten und Besucher. Regelmäßig läutet die Glocke zum Angelusgebet und zu den Gottesdiensten, die per Bildschirm auch in die Krankenzimmer übertragen werden.
Doch irgendwann im Frühjahr fiel Klinikseelsorger Klaus Elfert auf, dass die Glocke merkwürdig klang – und schließlich gab sie gar keinen Ton mehr von sich. „Da konnte man den Schalter in der Sakristei drücken, so oft man wollte“, sagt er. Auf der Suche nach einer Wartungsfirma stieß er auf den Kunst- und Glockengießer Eike Scherler aus Wiesmoor in Ostfriesland.
Ein erster Termin wurde vereinbart, und Scherler übernahm dann gern den Auftrag. Er beherrscht nicht nur das alte Handwerk des Glockengießens, -formens und -verzierens; der junge Unternehmer ist auch ein versierter Dreher, Schlosser, Schweißer und Tischler. Das heißt, er bietet alle Arbeiten aus einer Hand an: saniert und wartet alte Glocken, baut Glockenstühle, montiert die gesamte Elektronik.
Die Glocke kann man sich nicht mal eben so über die Schulter werfen
Die Glocke aus dem St.-Joseph-Stift war noch intakt und blieb im Dachreiter stehen. Alles andere, Klöppel, Aufhängung, verrostete Metallteile und Läutemaschine, demontierte Eike Scherler und nahm es mit in seine Werkstatt, um es dort zu überarbeiten und zu erneuern. Die Läutemaschine beispielsweise wurde vollständig ersetzt. Auch alle Steuerelemente in der Sakristei und im Krankenhaus sind neu. „Die Glocke kann jetzt von unten mit einer Fernbedienung gesteuert werden. Ich habe alles auf Funk umgebaut“, erklärt der Fachmann.
Was war das Schwierigste? Scherler überlegt kurz. „Die Montage der Läutemaschine, die sitzt unter dem Dachreiter, man klettert von innen über den Dachstuhl in den Dachreiter hinein. Das war schon sehr eng.“ Aber noch viel kniffliger wäre es gewesen, die unhandliche Glocke abtransportieren zu müssen. „Da hätte ich mit einem Doppelkettenzug arbeiten müssen, die Glocke kann man sich nicht mal eben so über die Schulter werfen.“
Glocken faszinieren Eike Scherler seit Kindheitstagen. In Esens, seiner Heimatstadt, arbeitete er neun Jahre ehrenamtlich im Kirchturmmuseum. Er sagt: „Ich wollte immer eine eigene Glocke haben. Kein touristisches Glöckchen, sondern eine richtige Bronzeglocke, wie sie in Kirchen hängt.“ Ein kostspieliger Traum. Deshalb beschloss er, sich eines Tages „selbst eine zu gießen“. Der Beginn seiner beruflichen Laufbahn.
Klinikseelsorger Klaus Elfert hält im Gespräch kurz inne und lauscht den ersten Glockentönen. Er ist froh, dass die Geschäftsführung des St.-Joseph-Stifts trotz Sparmaßnahmen einer Sanierung zugestimmt hat. Das Krankenhaus habe seinen Ursprung im früheren Franziskanerinnenkloster – dessen sei man sich noch immer bewusst, sagt er. Es gibt Tage, an denen 40 bis 50 Kerzen in der Kapelle brennen. Viele Patienten und auch Besucher sitzen dort, manchmal fließen Tränen. Dann fragt Elfert behutsam, ob er einen Augenblick bleiben dürfe. Und oft ergeben sich daraus „ganz wertvolle Gespräche“.
Zur Sache
Die Glocke aus dem St.-Joseph-Stift entstand 1959 und stammt aus der bekannten Glockengießerei Otto in Bremen-Hemelingen. 1874 gegründet, hat das Unternehmen 100 Jahre lang Glocken gegossen und ganz Deutschland beliefert. Die älteste noch erhaltene Otto-Glocke aus dem Jahr 1876 hängt in der St.-Jakobi-Kirche in der Bremer Neustadt.