„Du musst Schnee mitbringen !“

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Dorothee Boß zeigt Aneena aus Indien wie Stricken geht.
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Foto: privat/Boß

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Freude am Stricken: Dorothee Boß zeigt Aneena, wie es geht.

Die 23-jährige Aneena aus Indien macht ein Freiwilliges Soziales Jahr in Deutschland: wie sie in Elmshorn zurechtkommt, was sie von ihrer Gastfamilie hält und was ihre Cousine unbedingt einmal in Händen halten möchte.

Von ihrer Heimat trennen sie ungefähr 7 600 Kilometer. Dort ist es derzeit rund 40 Grad Celsius wärmer. Und es gibt jede Menge kulturelle, gesellschaftliche und politische Unterschiede: Aber das bedeutet nicht, dass Aneena sich in Schleswig-Holstein nicht wie zu Hause fühlen kann. Die 23-Jährige kommt aus Kerala in Südindien und lebt seit August dieses Jahres bei einer Gastfamilie in Elmshorn. Hier macht sie ein FSJ, ein Freiwilliges Soziales Jahr, in einer Kindertagesstätte.      

Aneenas Gastmutter ist Dorothee Boß, engagiertes Gemeindemitglied in der Gemeinde St. Mariä Himmelfahrt. Sie tut viel dafür, dass Aneena sich in Deutschland und in ihrer Familie wohlfühlt, gerade jetzt in der Weihnachtszeit. Schon zu Beginn von Anee­nas Aufenthalt in Elmshorn hat Dorothee Boß ihr das Stricken beigebracht. Das kannte Aneena noch nicht, sie hat aber sofort begeistert damit angefangen.      

So konnte sie auch direkt bei der Solidaritätsaktion „Orangene Schals“ mitmachen, die in der Pfarrei Heiliger Martin 2023 schon zum dritten Mal von Dorothee Boß organisiert wurde. Im November wurden viele selbstgestrickte, orangene Schals anlässlich des Welttages der Armen rund um die Kirche St. Mariä Himmelfahrt in Elmshorn aufaufgehängt und luden zum Mitnehmen und Spenden zugunsten des Elmshorner Winternotprogrammes ein.      
Aneena hat für diese Aktion das Stricken geübt und seitdem richtig Spaß daran. Mittlerweile strickt sie einen grau-grünen Schal für sich, und ein Stirnband ist ebenfalls schon in Arbeit. „Später möchte ich auch für andere stricken und anderen einen Schal geben“, sagt Aneena.      

Bei den winterlichen Temperaturen in Norddeutschland kann ja auch jeder ein warmes Kleidungsstück gebrauchen – besonders, wenn man die Kälte nicht gewohnt ist: „Ich habe das erste Mal in meinem Leben Schnee gesehen!“, schwärmt Aneena. Aus ihrer Heimat Kerala kenne sie keine Temperaturen unter 25 Grad. Und das sei für ihre Heimatregion schon richtig kalt. Momentan ist in Kerala Winter, da seien es meis­tens eher so 36 Grad, im Sommer klettern die Thermometer auf über 40 Grad Celsius.      

Deshalb war der Schnee, der Anfang Dezember das ganze Land in Weiß hüllte, ein echtes Highlight. Auch für ihre Familie im fernen Kerala: Ihre Cousine habe ihr schon aufgetragen, Schnee mitzubringen, wenn sie nächstes Jahr zurück nach Indien komme. „Aber ich habe ihr gesagt, das ist Wasser, ich kann das nicht mitbringen“, widersprach Aneena. Da habe ihre Cousine gesagt „Du musst!“      

Zum Glück gibt es noch andere Traditionen und Bräuche, die Aneena in Elmshorn kennenlernt und die nicht ganz so vergänglich sind wie der Schnee. In der Adventszeit hat sie von ihren Gasteltern Dorothee und ihrem Mann einen Schokoladenadventskalender bekommen. Das Prinzip, jeden Tag im Advent ein Türchen zu öffnen und dahinter etwas Schokolade oder ein kleines Geschenk zu finden, kannte sie aus Indien auch noch nicht. Besonders das mit der Schokolade findet sie aber richtig gut – Aneena liebt die Süßigkeit und findet, dass Schokolade zusammen mit dem Schnee fast das Beste an der Weihnachtszeit in Deutschland ist.


Im Dezember gehen christliche Kinder täglich in die Kirche

In Kerala wird der Advent religiöser gelebt: „Man muss jeden Tag zum Beten, das finde ich nicht so gut wie die Schokolade“, sagt die junge Frau. Vom 1. bis zum 24. Dezember gehen die christlichen Kinder jeden Tag in die Kirche. Wer immer da war, bekommt an Heiligabend in der Kirche ein Geschenk. Weihnachtsgeschenke spielen in Kerala aber eine nicht ganz so große Rolle wie hierzulande. Es gibt sie vor allem in der Kirche für Kinder und Jugendliche. Die Eltern geben vorher Geld in der Kirche ab, von dem die Geschenke gekauft werden.      

In Elmshorn fragte Gastmutter Dorothee Boß, was Aneena sich zu Weihnachten wünsche. Aber einen konkreten Wunsch hatte sie nicht. Aneena ist damit bescheidener als viele deutsche Kinder, die manchmal schon im November einen langen Wunschzettel an den Weihnachtsmann oder das Christkind schreiben. Rund 610 000 Briefe sollen in der Vorweihnachtszeit in den sieben deutschen Weihnachtspostfilialen eingegangen sein.      

In Kerala sind zu Heiligabend andere Bräuche wichtig: An dem Tag kommt der Weihnachtsmann in jedes Haus, es gibt Musik, es wird getanzt und gesungen und es wird das Jesuskind zu einer großen Krippe gebracht, die in der Kirche steht. Aber auch dort geht man traditionell spätabends oder nachts in die Christmette.      

Was Aneena am meisten von ihrer Heimat vermisse? „Das Essen!“ Am liebsten isst sie Biryani, ein Reisgericht, in das außerdem noch Zwiebeln, Zimt, Nelken, Kardamom, Rosinen, Cashewnüsse und Ghee (Butterschmalz) hineinkommen. Hier in Deutschland schmecken ihr Lasagne und „alles mit Kartoffeln“ am besten.      

Stricken, Schokoadventskalender, Schnee – alles Dinge, die für Aneena in ihrem Auslandsjahr in Deutschland neu sind. Aber auch so bereichernd, dass sie zumindest so manchen Brauch nächstes Jahr mit nach Hause nehmen will: Das Stricken macht ihr so viel Spaß, dass sie es in Indien weitermachen will. Und ihren Cousinen und Cousins will sie vielleicht nächstes Jahr in der Weihnachtszeit einen Adventskalender schenken.      

Das Schönste, das sie mitnehmen wird, ist aber sicherlich, nun noch ein zweites Zuhause so weit weg von Südindien zu haben. Über ihre Gasteltern sagt Aneena: „Ich habe hier in Deutschland eine andere Mama und einen anderen Papa gefunden.“ Dorothee Boß ist von dieser Aussage sichtlich berührt: „Ein schöneres Geschenk kann man nicht bekommen.“

Melanie Giering