Was uns diese Woche bewegt
Eiszeit
Sicher haben Sie sich in den vergangenen Tagen beim Blick aus dem Fenster auch erschrocken: Straßen und Gehwege auch in Osnabrück: spiegelglatt. Selbst die Rasenfläche vor meinem Haus trug einen dicken Eispanzer. Ein frostiges Bild. Faszinierend, aber auch gefährlich. Ich konnte mich jedenfalls gestern nicht auf den geplanten Weg nach Bremen machen. Der Termin fand dann per Video statt. Das Witzige dabei: Eiszeit draußen, Eiszeit im Gespräch.
Nein, nicht was Sie vielleicht vermuten. Die Gesprächsatmosphäre war sehr angenehm. Vielmehr hatte ich eine Geologin vor mir, die das Eisfieber gepackt hat. Manuela Brocksieper erzählte mir unter anderem von ihrer Arktis-Expedition nach Spitzbergen, wo sie zur Geschichte des Walfangs geforscht und Tierknochen untersucht hat, Wale aus nächster Nähe beobachten konnte – und sich sogar freiwillig zur Eisbärenwache meldete. Ein Jugendbuch, das sie nach der Expedition geschrieben hat, ist inzwischen auch auf Englisch erschienen, deshalb plant sie im Sommer Autorenlesungen in Norwegen und Grönland.
Wie der Blick in eine Glaskugel
Der Kontakt zu jungen Menschen ist ihr wichtig – weil es oft Jugendliche sind, die leidenschaftlich für unseren Planeten kämpfen. Die Geologin ist überzeugt: Unsere Zukunft entscheidet sich an den Kältepolen, dort, wo sich die Erde so schnell erwärmt wie nirgendwo sonst. Das Meereis in der Arktis schwindet. Die Fjorde frieren nicht mehr zu. Permafrostböden tauen auf und setzen dabei das besonders klimaschädliche Methangas frei. Die zunehmende Schiffbarkeit erleichtert den Abbau von Bodenschätzen durch neue marine Transportwege, was Brutgebiete von Zugvögeln, Kinderstuben von Eisbären und jahrhundertealte Wanderwege der Rentierherden zusätzlich gefährdet. Das hochempfindliche Ökosystem, in dem die Blütezeiten der Pflanzen und der Lebenszyklus von Insekten genau aufeinander abgestimmt sind, gerät aus dem Gleichgewicht.
Die langfristigen Folgen des Klimawandels in der Arktis sind noch nicht abzusehen. Aber die Reise dorthin, sagt Brocksieper, sei wie der Blick in eine Glaskugel gewesen; er habe ihr gezeigt, was auch auf uns zukommt. Da fröstelte ich selbst im warmen Homeoffice.
Manuela Brocksieper arbeitet übrigens nicht nur als Geologin. Sie ist auch Sozialdiakonin in einer evangelischen Gemeinde in Bremen. Wie sie Wissenschaft und Glaube zusammenbringt – das lesen Sie in einem der nächsten Kibo-Magazine. Für mich ist es immer wieder eine Freude, solch spannenden Menschen zu begegnen.