Seelsorge im Kriegsfall

Eine Frage des Gewissens

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Militärseelsorge
Nachweis

Foto: kna/Markus Nowak

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Militärseelsorger haben ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Soldatinnen und Soldaten. 

In einem ökumenischen Konzept denken die Kirchen darüber nach, wie sie Seelsorge im Kriegsfall leisten können. Kluge Vorausschau oder „Kriegstreiberei“? Die katholische Friedensbewegung Pax Christi übt Kritik in einem Offenen Brief an zwei norddeutsche Bischöfe.

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine lastet seit vier Jahren wie ein dunkler Schatten auf Europa. Durch die Bedrohungslage verändert sich die demokratische Gesellschaft. Die Verteidigungsausgaben bewegen sich in schwindelerregenden Höhen. Die Bundeswehr hat die ersten Fragebögen für den neuen Wehrdienst auf den Weg gebracht. Und selbst die Kirchen befassen sich stärker mit Fragen zu Krieg und Frieden.

So lässt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) seit eineinhalb Jahren ein Konzept ausarbeiten, wie sie Seelsorge im Kriegsfall leisten kann. Die katholische Kirche wurde inzwischen mit einbezogen. Über das Arbeitspapier mit dem Titel „Ökumenisches Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“ wird noch abgestimmt. So viel aber ist bekannt: Das Papier beschreibt, wie Gemeinde-, Notfall- und Krankenhaus- sowie Polizei- und Gefängnisseelsorge den Staat im Kriegsfall unterstützen können.

Ist das vorausschauend oder dient es – wie Pax Christi befürchtet – der Kriegsvorbereitung? Der Regionalverband der katholischen Friedensbewegung hat in einem Offenen Brief an den Hamburger Erzbischof Stefan Heße und den Osnabrücker Bischof Dominicus Meier scharfe Kritik geäußert. Er wirft den Kirchen in Deutschland „Kriegstreiberei“ vor; sie entwickelten gemeinsam mit dem Militär Konzepte, um sich auf Szenarien im Kriegsfall vorzubereiten. Solche Planungen drohten Kirche und Seelsorge in eine „sicherheitspolitische Logik“ einzubinden, die dem Evangelium und der kirchlichen Friedensethik widersprächen.

Das Arbeitspapier ist noch nicht spruchreif

Weiter warnt Pax Christi vor einer Instrumentalisierung kirchlicher Dienste: „Seelsorge ist zweckfrei. Sie dient dem Menschen und seinem Gewissen – niemals der Stabilisierung militärischer Einsatzfähigkeit oder gesellschaftlicher Durchhalteparolen.“ Die Friedensbewegung ruft die Kirchenleitungen in Hamburg und Osnabrück dazu auf, sich gegen eine sicherheitspolitische Logik zu positionieren, die Krieg wieder als planbare Realität sehe. In Zeiten wachsender globaler Spannungen brauche es eine Kirche, die widerspreche – und die den Frieden Christi ohne Abstriche bezeuge.

Die Bischöfe in Osnabrück und Hamburg, so erklären die Pressesprecher der Bistümer, hätten auf das Pax-Christi-Schreiben reagiert, ohne ausführlich auf das Arbeitspapier einzugehen. Denn das sei noch gar nicht spruchreif, solange würden sich die Bischöfe auch nicht öffentlich äußern. Unstrittig aber sei, dass in einem Krisen- und Kriegsfall wichtige seelsorgliche Aufgaben auf die Pfarreien zukämen. Sich darauf gedanklich einzustellen, sei notwendig und nicht verdächtig.

Die Militärseelsorge bereite sich ohnehin längst auf den Ernstfall vor, weil sie sich vom Bundesverteidigungsministerium fragen lassen müsse, ob sie im Kriegsfall in der Lage sei, sich an der Nato-Ostflanke um Verletzte zu kümmern, Rücktransporte zu begleiten, Todesnachrichten zu überbringen und Bestattungen durchzuführen, sagt der Theologe Heinrich Dierkes, wissenschaftlicher Referent beim Hamburger Institut für Theologie und Frieden/Zentrum für ethische Bildung in den Streitkräften. Doch diese Aufgaben könnten die Militärgeistlichen allein nicht bewältigen.

Die Kirchen als Teil der demokratischen Gesellschaft müssten in Notlagen alles dafür tun, Menschen beizustehen. Ihre Ressource: die Seelsorge in den verschiedenen Bereichen. Genau das ist für Dierkes entscheidend im Arbeitspapier. „Es geht um die Begleitung von Menschen, um Seelsorge, nicht um Kriegstreiberei. Von den Kirchen wäre es fahrlässig, in einem hoffentlich niemals eintretenden Verteidigungsfall handlungsunfähig zu sein.“ Aber letztendlich müsse jeder Christ für sich selbst eine Position finden, die er vor sich und seinem Gewissen verantworten kann.

Anja Sabel