Christlicher Religionsunterricht in Niedersachsen

Jetzt spricht der Experte

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Porträtfoto Weßler
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Foto: Matthias Petersen

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Thomas Weßler ist Vorstandsvorsitzender der Schulstiftung Osnabrück.

Der für Niedersachsen geplante Christliche Religionsunterricht ist in Verruf geraten, bevor er begonnen hat. Jesus komme kaum vor, titelten Medien. Stimmt nicht, erwidert ein Experte aus Osnabrück.

Wenn alles so bleibt, wie es vorgesehen ist, dann startet in Niedersachsen mit Beginn des neuen Schuljahres ein neues Unterrichtsfach. Schon lange sind die Kirchen und die Landesregierung miteinander im Gespräch, um aus dem katholischen bzw. evangelischen Religionsunterricht einen gemeinsamen, den christlichen, in gemeinsamer Verantwortung zu machen. Vertreter der Kirchen hatten den Anstoß gegeben. „Ein kluger Schritt, wenn wir auf die Zukunftssicherung dieses Faches blicken“, sagt Thomas Weßler, Oberschulrat im Kirchendienst und Vorstandsvorsitzender der Schulstiftung, die für das Bistum Osnabrück die Aufgaben zu Schulen und Hochschulen übernimmt.

Immer weniger Kinder, immer weniger Taufen, gleichzeitig immer mehr Ökumene. Schon vor fast 30 Jahren führte das zum konfessionell-kooperativen Religionsunterricht in Niedersachsen. So kann Religionsunterricht erteilt werden, bei dem neben katholischen Perspektiven auch die Anliegen und Sichtweisen evangelischer Schülerinnen und Schüler mitgedacht werden und umgekehrt. Weil sich der demografische Trend mit der Zeit fortgesetzt hat, „drehen wir dieses Rädchen jetzt weiter und wollen christlichen Religionsunterricht anbieten“, sagt Weßler. Das geschehe auch aus ökumenischen Überlegungen heraus: „Der überwiegende Teil des Inhalts entspricht gemeinsamen Vorstellungen der Konfessionen.“ Daneben gebe es organisatorische Vorteile für die Schulen, wenn der Unterricht aus der Hand einer Lehrkraft erteilt werden kann, deren Lehrerlaubnis von beiden Konfessionen anerkannt wird.

„Das ist deutlich unsachlich“ 

Begeisterung allerorten? Ohne Zweifel. Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Bündnis 90/Die Grünen) habe unlängst noch einmal deutlich gemacht, dass der Christliche Religionsunterricht zum neuen Schuljahr starten soll, sagt Weßler. Soll heißen: Alles läuft nach Plan. Wasser in den Wein haben unlängst allerdings verschiedene Medien gegossen, die sich den derzeit diskutierten Entwurf für Unterrichtspläne angesehen haben. Jesus komme kaum vor, wurde da geschrieben. Vertreter verschiedener Verbände, teils kirchlich, teils staatlich, widerlegten die Aussage. Thomas Weßler hat eine klare Position: „Das ist deutlich unsachlich“, sagt er. Wer speziell nach dem Wort „Jesus“ suche, müsse berücksichtigen, dass der Name nicht überall auftauche, wo er eigentlich drinstecke. „Nehmen Sie zum Beispiel die Bergpredigt. Da redet zwar Jesus, aber es steht nicht dabei, dass er spricht.“ Das wisse aber natürlich die Lehrkraft, die das Fach schließlich studiert habe, und könne es vermitteln. 

Die breite Basis des Unterrichts sei der christliche Glaube, aus dessen Position auf andere Glaubensgemeinschaften ge-schaut werde. Etwa beim Fasten, das es sowohl in christlicher als auch in islamischer Tradition gibt. Es gehe aber nicht darum, sich systematisch eine andere Religion zu erschließen.

Reagiert hat auf die mediale Kritik auch der Landesschülerrat. Das Gremium urteilt, es handele sich „um einen wichtigen Schritt für einen zeitgemäßen Religionsunterricht“. Weßler nimmt das auf, spricht von der religiösen Dimension in der Wahrnehmung von Wirklichkeit. „Wenn wir die ausblenden, fehlt den jungen Menschen ein wichtiger Teil der Allgemeinbildung“, sagt er. Viele aktuelle Probleme seien sonst nur schwer zu verstehen. Die Schülerperspektive zum Ausgangspunkt des Religionsunterrichts zu machen, werde im neuen Lehrplan konsequent verfolgt. Die fachlichen Inhalte des Lehrplans würden von dort her sortiert und vermittelt. 

Sollte sich die „Religionsdemografie“, wie es Weßler ausdrückt, in den nächsten Jahren wie erwartet fortsetzen, sollte es also immer weniger getaufte Schülerinnen und Schüler in den Bänken geben, dann sieht er schon heute weitere Veränderungen auf den Religionsunterricht zukommen. „Wenn das Projekt gut läuft, werden wir wahrscheinlich in zehn Jahren über weitere Schritte nachdenken müssen.“

 

Matthias Petersen