Das Ruhegebet als Lebensthema
Peter Dyckhoff: Auf den Sprossen zum Himmel
Foto: Kerstin Ostendorf
Der Schriftsteller und Priester Peter Dyckhoff bei sich zuhause.
Es habe sich angefühlt, als habe er noch einen Auftrag, sagt Peter Dyckhoff. Als müsse er dieses eine Buch noch schreiben. Der 88-jährige Priester sitzt auf dem Sofa in seinem Arbeitszimmer. Vor ihm auf dem Tisch liegt sein neuestes Werk: Das Goldene Buch vom Ruhegebet. Es ist sein vielleicht letztes. „Ein Fazit“, sagt Dyckhoff.
Vor drei Jahren wurde bei Dyckhoff Parkinson diagnostiziert. Sechsmal täglich muss er Medikamente nehmen, um die Folgen der Krankheit im Griff zu behalten. Dennoch schmerzen oft seine Muskeln und Gelenke. Er ist schnell erschöpft, leidet unter Übelkeit, kann nicht mehr gut gehen, ist auf einem Auge erblindet. Über all das spricht er nicht gern. „Viele haben diese Krankheit. Ich bin da nichts Besonderes“, sagt Dyckhoff. Viel lieber spricht er über das, was ihn seit mehr als fünf Jahrzehnten bewegt: das Ruhegebet.
Diese uralte christliche Gebetsweise geht auf die Wüstenväter zurück. Alles Denken, alle Bilder und Vorstellungen von Gott sollen darin zurückgelassen werden. Oft wird nur ein Bibelvers oder ein Wort, etwa „Jesus Christus“, wiederholt.
Dyckhoff sagt: „Das Gebet schenkt mir eine tiefe, eine göttliche Ruhe.“ Er blickt hinüber zu seinen Bücherregalen, die bis unter die Decke reichen: theologische Werke, Lexika, Bibelausgaben. Dyckhoff hat selbst um die 50 Bücher geschrieben, die meisten zum Ruhegebet. „Aber ich habe gespürt, dass ich noch etwas zu sagen habe“, sagt Dyckhoff.
Ein Vermächtnis in vier Teilen
Er hatte nicht vor, noch einmal über 300 Seiten zu füllen: „Das hat sich einfach so ergeben.“ Aus vielen seiner Werke habe er eine Essenz genommen, sie in kurzen Artikeln zusammengefasst und in vier Hauptabschnitte gegliedert: der Ursprung des Gebets, die geistliche Bedeutung, eine praktische Anleitung und die nachhaltige Wirkung für das eigene Leben.
Fast drei Jahre lang hat sich Dyckhoff immer am Nachmittag für gut zwei Stunden an seinen Schreibtisch gesetzt – dann, wenn die „Wirkung der Medikamente für eine kleine Hochphase sorgt“, wie er sagt. „Der erste Schritt war eine Überwindung für mich.“ Zu groß sei ihm die Aufgabe erschienen, noch ein Buch zu schreiben: „Aber dann war es eine Freude und eine Erleichterung.“ Er habe gespürt, wie sich seine Nerven beim Schreiben entspannt hätten. Am Abend habe er eine tiefe Dankbarkeit gespürt: „Jedes Mal habe ich gebetet: Herr, ich danke dir, dass ich diese Passagen schreiben durfte, dass ich diese Zeilen noch weitergeben darf.“
Dyckhoff ist stolz auf sein letztes Buch. Er will das Ruhegebet bekannter machen und noch fester in der christlichen Gebetspraxis verankern. Denn es galt über Jahrhunderte in der katholischen Kirche als verpönt. „Es ist eine enorme Freiheit mit diesem Gebet verbunden“, sagt Dyckhoff. Das Ruhegebet ist nicht ritualisiert, es macht keine Vorgaben, die Gedanken dürfen frei fließen. „Ein Wesenszug, der einigen Kirchenleuten Angst machte“, sagt Dyckhoff.
Noch heute schlägt ihm manchmal Ablehnung entgegen. So schreiben ihm alte Priester oder Ordensleute, dass er es verdient habe, so krank zu sein. „Es ist so ein engstirniges Denken. Es trifft und schmerzt mich“, sagt Dyckhoff. „Aber ich bleibe da kindlich-gläubig, blicke zum Kreuz und sage: Herr, du machst es schon gut mit mir. Du bist die Wahrheit, der Weg und das Leben.“
Woher kommt Dyckhoffs Begeisterung für das Ruhegebet? Er lernte es Anfang der 1970er Jahren kennen. Sein Vater war tödlich verunglückt, Dyckhoff musste sein Psychologiestudium abbrechen und im münsterländischen Rheine das Familienunternehmen mit 200 Mitarbeitern übernehmen. „Als Geschäftsführer musste ich Leistung bringen, immer präsent sein“, sagt er.
Berufung statt Beruf
Das Ruhegebet half ihm: „Diese Zeit, in der ich nichts tun musste, war eine gesegnete. Ich musste niemandem etwas beweisen. Und ich lernte: Vor Gott muss ich nichts leisten. Ihm reicht es, wenn ich da bin, wach, empfangsbereit, hörend.“
Nach zehn Jahren gab er seinen Posten als Geschäftsführer auf. „Das war einfach nicht meine Welt. Ich konnte meine Frottier-Ware so schlecht anbieten“, sagt er. Dyckhoff studierte Theologie und wurde 1981 zum Priester geweiht. Als Seelsorger war er im Marienwallfahrtsort Kevelaer tätig, dann im Bistum Hildesheim. Heute lebt er mit seiner Haushälterin wieder in seiner Heimatdiözese Münster, abgeschieden, in einem Haus auf dem Land.
Er liebt die Natur und die Ruhe. Oft öffnet er das Fenster, lässt die Luft herein, hört die Vögel zwitschern. „Mehr brauche ich nicht“, sagt Dyckhoff. Regelmäßig kommt ein Priester und bringt ihm die Kommunion. Mehr Besuch möchte er nicht, er würde ihn zu sehr anstrengen. Dyckhoff sagt: „Mein Körper ist mein Gefängnis, aber zugleich lebe ich in größter innerer Freiheit.“
So lange wie möglich möchte er in diesem Haus bleiben. Sein Wunsch ist, dass irgendwann einfach sein Herz stehen bleibt. Doch noch schlägt es – für das Thema seines Lebens. Dyckhoff sagt: „Wenn der Himmel offen ist und eine Leiter hinunter ragt, dann stehe ich jetzt auf den Sprossen.“
Peter Dyckhoff: Das Goldene Buch vom Ruhegebet, fe-medienverlag, 360 Seiten, 15 Euro