Interview mit dem Hildesheimer Diözesanadministrator

Unterwegs in großen Fußspuren

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Weihbischof Marahrens im Gespräch mit zwei Personen
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Foto: Chris Gossmann

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Martin Marahrens war erst wenige Wochen Weihbischof, als er schon die Leitung des Bistums Hildesheim übernehmen musste.

Plötzlich steht er an der Spitze des Bistums Hildesheim: Weihbischof Martin Marahrens (49) führt als Diözesanadministrator die Geschicke des Bistums, nachdem Bischof Heiner Wilmer im Juni nach Münster gewechselt ist. Wir fragen nach, wie er seine Interimsaufgabe ausüben möchte, welche Gedanken ihn antreiben und wie sich die Suche nach einem neuen Bischof gestaltet.

Als Sie zum Weihbischof ernannt wurden, war klar, dass Sie eines Tages Leitungsverantwortung übernehmen würden. Wann ist Ihnen das zum ersten Mal bewusst geworden?

Das war tatsächlich in dem Augenblick, als mir Bischof Heiner mitgeteilt hat, dass er Bischof von Münster wird. (lacht)

Dann hätten Sie nicht damit gerechnet, dass der Fall so schnell eintreten würde?

Ehrlich gesagt, war es für mich tatsächlich eine Überraschung, dass Bischof Heiner nach Münster wechselt. Ich hatte mich innerlich darauf eingestellt, in den kommenden Jahren mit ihm zusammenzuarbeiten, ihn zu unterstützen und in dieser Weise ins Bischofsamt hineinzuwachsen.

Welches Gefühl verbinden Sie mit Ihrem neuen Amt als Diözesanadministrator?

Respekt vor der Verantwortung. Bischof Heiner war sehr beliebt und hat in den letzten Jahren viele Prozesse angestoßen, große Fußspuren hinterlassen. Mir geht es jetzt einerseits darum, im Bistum die Sicherheit zu vermitteln, dass diese Dinge weitergehen. Wir lassen uns in der Zeit ohne neuen Bischof nicht lähmen, sondern werden mutig in diesen Fußstapfen weitergehen.

Andererseits stehen wir vor einer großen Transformation in der Kirche, aber auch in der gesamten Gesellschaft. Da braucht es die Kirche als starke Stimme, die eintritt für Menschlichkeit, für eine liberale Gesellschaft, für Demokratie. Ich empfinde es als große Herausforderung, bei all den Polarisierungen, die es in der Gesellschaft wie auch in der Kirche gibt, alles gut zusammenzuhalten.

Zugleich ist es auch eine Chance, oder?

Sicher, es gibt den schönen Ausdruck der „kreativen Minderheit“ von Bischof Gerhard Feige. Wir werden als Kirche kleiner werden, aber das muss nicht schlimm sein, wenn wir uns nicht nur mit uns selbst beschäftigen, sondern den Blick nach außen richten und die Hoffnung des Evangeliums in die Gesellschaft vermitteln. Dann werden Veränderungen tatsächlich zur Chance. Dazu möchte ich beitragen.

Bei Ihrer Bischofsweihe im Februar sprachen Sie davon, dass wir „am Grab einer bestimmten Gestalt von Kirche stehen“ und das Grab auch immer ein Ort der Verheißung sei, weil der christliche Glaube auf die Auferstehung hoffe. Wenn wir in dieser Metapher bleiben: Wie stellen Sie sich die Auferstehung der Kirche vor? 

An vielen Stellen erleben wir, dass eine vertraute Gestalt von Kirche stirbt und wir in der Weise tatsächlich an einem Grab stehen. Verheißung heißt, dass der Auferstandene uns nach Galiläa vorangeht – an den Ort, wo alles angefangen hat mit den Jüngern. Wir müssen als Kirche an diesen Ursprung zurückkehren. Dafür scheint es mir entscheidend, geistliche Unterscheidungsprozesse einzuüben und uns die Offenheit zu bewahren, uns von Gott nicht nur führen, sondern in letzter Konsequenz auch überraschen zu lassen.

Sehr wichtig ist dabei die Synodalität. Je mehr es uns gelingt, einander wirklich zuzuhören, beieinander zu bleiben und immer wieder zu fragen: Was möchte Gott von uns, was heißt es heute, das Evangelium zu leben und zu verkünden? Wenn wir uns in dieser Weise vortasten, werden wir, um in dem Bild zu bleiben, nach Galiläa finden.

Welche Rolle kann hierbei der neue Bischof spielen?

Es geht darum, zu schauen, wo dieses Galiläa ist, in das Jesus vorangeht, und wohin uns der Weg führt. Papst Franziskus hat das schön gesagt, dass der Hirte hinter der Herde hergeht, weil die bisweilen besser weiß, wo sie die Nahrung findet. Der Bischof behält von hinten alle im Blick, damit sie beieinanderbleiben. Dieses Bild scheint mir zeitgemäßer als jenes eines Bischofs, der vorangeht. So handelt er dann auch im Sinne der synodalen Prozesse: allen zuzuhören und alle mit einzubeziehen und mutig ins Wort zu bringen, was er wahrnimmt.

Wie kann Kirche denn an ihre Anfänge zurückfinden?

Vom Evangelium geschaut, ist das Entscheidende, dass wir einen Weg einschlagen, der uns zu den Menschen führt. Ich glaube, dass wir das Christentum noch einmal als Bewegung neu entdecken müssen – als eine Kraft, die den Anspruch hat, Welt und Gesellschaft konstruktiv mitzugestalten. Aber nicht mehr aus einer Machtposition heraus, die die Kirche früher hatte, sondern als kreative Minderheit, um noch einmal Bischof Feiges Worte aufzugreifen.

Könnte das Bistum Hildesheim als Diasporabistum demnach eine Blaupause für weitere kirchliche Veränderungen sein?

Mit einem Augenzwinkern würde ich sagen, dass wir uns deswegen manchmal ein bisschen als Avantgarde verstehen. Tatsächlich ist der Katholikenanteil im Erzbistum Hamburg, in unserem Bistum und in den ostdeutschen Diözesen deutlich geringer als in den anderen Bistümern. Insofern glaube ich, dass wir hier vielleicht manche Entwicklung jetzt schon haben, die woanders in zehn oder 20 Jahren entsteht.

Wie prägt Ihr Wahlspruch als Weihbischof „Du bist der Christus“ nun auch Ihre Rolle als Diözesanadministrator?

​Der gute Gedanke dahinter ist, dass Kirche kein Selbstzweck ist. Es geht auch nicht um den Bischof und nicht um den Diözesanadministrator. Ich stehe nicht im Mittelpunkt, sondern es geht darum, auf Christus zu verweisen. Das scheint mir ganz entscheidend, gerade in einer Zeit, wo sich viele gern in den Mittelpunkt stellen oder vielleicht auch als Erlösergestalt inszenieren.

Das Kirchenrecht schränkt Ihre Handlungsmöglichkeiten ein, Sie sind nicht gleichgestellt mit einem Diözesanbischof. Mal abgesehen vom Alltagsgeschäft: Welche Entscheidung darf nicht warten?

Ein großes Thema wird weiterhin der Strategieprozess mit dem Zukunftsbild „Wegbegleiterin für ein erfülltes Leben“ sein, der weiter konkretisiert werden soll. Ebenso werden der Immobilienprozess „Zukunftsräume“ und das Thema der Leitung von Pfarreien durch Laien mit einem moderierenden Priester weitergeführt.

Wie sieht es aus mit der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker? Bischof Heiner wollte jeden Stein umdrehen. Was bleibt noch zu tun?

Entscheidend ist, dass wir uns klarmachen: Das ist kein Thema, das irgendwann abgehakt ist, sondern eine Aufgabe, die uns dauerhaft begleitet. Aufarbeitung, Prävention und Intervention werden weitergehen. Das wird auch unter einem neuen Bischof so sein. Ich würde sogar sagen: Das gehört klar zum Aufgabenprofil eines künftigen Bischofs. 

Die Bistumsleitung möchte Laien an der Kandidatenfindung eines neuen Bischofs beteiligen – acht Domkapitulare feiern am 15. September acht Gottesdienste in acht Städten. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Vier Personen sitzen um einen Tisch herum und sprechen miteinander
Diözesanadministrator Weihbischof Martin Marahrens im Gespräch mit der KirchenZeitung: Links Redaktionsleiter Matthias Petersen, rechts Redakteurin Adrienne-Janine Marske, ganz rechts Pressesprecher Volker Bauerfeld. Foto: Chris Gossmann

Als Domkapitel sind wir uns bewusst, dass wir in diesem Wahlprozess für einen neuen Bischof eine besondere Verantwortung tragen. Letztlich geht es uns darum, einen Bischof zu finden, der eine breite Akzeptanz im Bistum erfährt. Darum möchten wir ein breites Meinungsbild einfangen: Wie stellen sich die Gläubigen diesen Bischof vor? Was scheint ihnen wichtig in unserer spezifischen Situation im Bistum Hildesheim? Die Gläubigen hierbei stärker einzubeziehen, gehört zum Selbstverständnis einer sich zunehmend synodal verstehenden Kirche. Im geistlichen Prozess noch mal gut zu hören: Was sagt uns das Evangelium? Was sagen die anderen? Und dann zu überlegen, wer ein guter Bischof für unser Bistum sein könnte.

Wenn in rund einem Jahr ein neuer Bischof feststeht: Welche Schlagzeile wünschen Sie sich für den Tag der Bekanntgabe?

Gläubige freuen sich auf den neuen Bischof. (schmunzelnd)

Und wie wäre es mit der Überschrift: „Martin Marahrens ist Bischof von Hildesheim“?

Nein, das glaube ich nicht. Ich bin sehr gerne Weihbischof im Bistum Hildesheim.

Interview: Adrienne-Janine Marske/Matthias Petersen