Adolf Kardinal Bertram

Wächter mit Weitblick und Klugheit

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Auf dem Gebiet der neueren Kirchengeschichte ragt das Buch von Johannes Gottwald heraus „Adolf Kardinal Bertram. Kirchenfürst zwischen Anpassung und Widerstand“. In seiner Biografie kommt der Autor hinsichtlich der Haltung des Kardinals gegenüber dem NS-Staat zu einer Neubewertung.


Adolf Kardinal Bertram (1859–1945) gehört zu den bedeutendsten, aber auch umstrittensten Kirchenfürsten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Viele Nachkriegshistoriker werfen ihm vor, er habe eine Politik der Anpassung betrieben und sei damit indirekt zur Stütze des NS-Regimes geworden.

„Bis heute ist Kardinal Bertram eine umstrittene Gestalt geblieben. Auch mehr als 75 Jahre nach seinem Tode ist es nicht leicht, zu einem gerechten und fairen Urteil zu kommen“ schreibt Johannes Gottwald. In seiner Biografie des letzten Fürsterzbischofs von Breslau und früherem Bischof von Hildesheim versucht er den Fragen nachzuspüren, warum Bertram sich so verhielt, ob es Alternativen zu seinem Handeln gab, welche moralischen und sittlichen Maßstäbe er setzte, in wie weit er durch seine Herkunft und sein Umfeld, aber auch durch tiefgreifende Erlebnisse geprägt war.

So wird im ersten Teil des Buches ein intensiver Blick auf die Hildesheimer Zeit Bertrams geworfen, auf die Kinder und Jugendzeit und natürlich die Jahre als Bischof von Hildesheim.

Bertram war in erster Linie Seelsorger, schrieb aber auch viele religiöse Bücher und Abhandlungen. Außerdem machte er sich einen Namen als Kirchenhistoriker. Sein Hauptwerk ist die dreibändige Bistumsgeschichte.
Im Oktober 1914 folgt er dem Ruf auf den fürsterzbischöflichen Stuhl nach Breslau. Es ist eine Zeit des Umbruchs vom Ersten Weltkrieg über die Weimarer Republik zum Dritten Reich.

Immer wieder zitiert Gottwald den Kardinal und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, lässt aber auch enge Mitarbeiter und Wegbegleiter von ihm zu Wort kommen, um das Bild vom NS-treuen Erzbischof geradezurücken. So hat Bertram bereits nach dem Wahlerfolg der Nazis 1930 in seinem Silvester-Hirtenbrief geschrieben: „Wir katholischen Christen kennen keine Rassen-Religion, sondern nur Christi weltherrschende Offenbarung, die für alle Völker ... die gleichen Gebote und Heilseinrichtungen gebracht hat.“ Und an die Jugend richtet er die Aufforderung, „sich nicht vom Redestrom großprahlerischer Verführer betören zu lassen“.

Bertram war gut informiert

Gottwald lässt keinen Zweifel daran bestehen, dass Bertram vieles über die Situation im besetzten Polen, dem Warthegau, das der Vatikan nicht als deutsches Staatsgebiet anerkannte und deshalb aus Sicht Hitlers nicht unter den Schutz des Konkordats fiel. Prälat Kurt Engelbert, ein enger Mitarbeiter Bertrams, schrieb, dass der Apostolische Administrator Pater Hilarius Breitinger wiederholt in Breslau dem Kardinal über die Gewaltmaßnahmen der Nazis im Warthegau berichtete. Engelbert schreibt: „Etwa 450 Priester wurden mit leichtem Gepäck nach Lodz bestellt, etwa 50, die Verwandte im Reich hatten, durften zu diesen gehen und sich Arbeit suchen. Die anderen 400 verschwanden in Gefängnissen und Konzentrationslagern.“

Genau wie der Papst, den Bertram informiert hatte, schwieg er in der Öffentlichkeit, „aber den staatlichen Behörden ließ er keine Ruhe. Immer wieder formulierte er Protestnoten. Im Dezember 1941 richtete er im Namen aller Bischöfe ein Memorandum an die Reichsregierung und forderte darin die Einhaltung der allgemeinen Menschenrechte. Der Kardinal schreibt: „Demgegenüber ist es Unrecht und Gefährdung der Gemeinschaftsordnung, wenn in Deutschland und in den besetzten Gebieten durch Gewaltakte der Geheimen Staatspolizei Männer und Frauen in großer Zahl ohne den Beweis einer Schuld aus Heimat und Wirkungskreis vertrieben und verbannt, gefangen gehalten, ja mißhandelt und ums Leben gebracht werden.“ im gleichen Schriftstück geht Bertram auch auf die Euthanasiegesetzgebung ein: „Wir deutschen Bischöfe werden nicht nachlassen, gegen die Tötung  Unschuldiger Verwahrung einzulegen. Niemand ist seines Lebens sicher, wenn nicht unangetastet dasteht: ‚Du sollst nicht töten!‘“

 Am 6. Juli 1945 starb Bertram auf Schloss Johannesberg in Jauernik, seinem Sommersitz, wohin er vor dem Krieg hatte fliehen müssen. Bei der ersten Tagung der Bischofskonferenz nach dem Krieg hielten die Bischöfe fest: „Wenn einmal die Schriftsätze und Eingaben veröffentlicht werden, die er, allein in den letzten 12 Jahren, in allen schwebenden Fragen an die Regierungsstellen eingereicht hat, wird die Welt staunen über den Weitblick und die Klugheit, mit der er auf Wache stand und für die Rechte Gottes und seiner Kirche und zum Wohle aller Notleidenden und Gedrückten eintrat.“
Auch in Polen wurde das Bild gerade gerückt

Auch polnische Historiker revidierten inzwischen ihr Urteil über Bertram. Gottwald schreibt: „Wurde er in den ersten Jahrzehnten nach seinem Tod von der Parteipropaganda und nationalpolnischen Kirchenvertretern als ‚Germanisator‘ und Polenfeind verunglimpft, gewinnt man heute den Eindruck, dass Bertram auf polnischer Seite sogar etwas positiver beurteilt wird, als in Deutschland.“

Nach dem Studium der persönlichen Akten Bertrams, die sich im Breslauer Diözesanarchiv befinden, war die einhellige Meinung der polnischen Historiker: „Wir sind froh, wenn wir im Erzbischöflichen Archiv zu Breslau Spuren der objektiven ... Tätigkeit des verstorbenen Kardinals Bertram während des Krieges entdecken ... Wir hätten nicht geglaubt, dass Bertram so gut wegkommt.“

Im November 1991 wurden Kardinal Bertrams sterbliche Überreste von Jauernik nach Breslau überführt und in der Krypta des Breslauer Domes  beigesetzt.

Johannes Gottwald zieht ein Fazit  in seinem Buch, das deutlich macht, dass „Kardinal Bertram kein bequemer Ja-Sager und Opportunist war, sondern eine hohe Auffassung von seinem Priestertum hatte und seine moralische Wächterrolle als Bischof ernst nahm. Zwar verzichtete er auf lautstarke Proteste, führte stattdessen jedoch einen zähen Abwehrkampf hinter den Kulissen, unterstützte zahlreiche Juden und setzte sich für die verfolgte Kirche in Polen ein.“

Edmund Deppe

„Adolf Kardinal Bertram“ von Johannes Gottwald ist bei Kolhammer erschienen und kostet 59 Euro. ISBN 978-3-17-042526-2