Drei junge Menschen berichten, wie sie auf die Zukunft blicken
Was bewegt die Generation Z?
Fotos: Thomas Osterfeld, Anja Sabel, Anton Kensbock. Grafik: Kirchenbote
Drei junge Menschen – drei Lebensentwürfe. Sie erzählen uns, wie sie über die Zukunft denken – und, was ihnen Sorgen macht.
Marisa
Ein Jahr noch bis zum Abitur. Das Stresslevel steige spürbar, sagt Marisa. Mehr Klausuren, mehr Hausaufgaben. Und noch mehr Zeit, die die 18-Jährige in der Schule verbringt. An einigen Tagen bis zum späten Nachmittag. „Das ist gerade wirklich nicht einfach“, sagt sie. Manche „kriegen Druck von zu Hause“. Da habe sie Glück. „Meine Eltern sagen: wenn ich mein Bestes gebe, reicht das aus.“ Es ist eher so, dass sich die Zwölftklässlerin selbst motiviert und Spaß hat an vielen Unterrichtsthemen, die jetzt „richtig in die Tiefe gehen“.
Marisa, deren Nachnamen wir auf ihren Wunsch nicht nennen, gehört zu einer Generation, die mit Internet, Smartphones und Sozialen Medien aufwächst. Das prägt ihren Alltag, ihre Kommunikation und ihre Informationsbeschaffung. Manchmal wird jungen Menschen unterstellt, sie könnten keine kompletten Bücher mehr lesen. Marisa lacht, denn Lesen ist eine ihrer Leidenschaften; sie hilft sogar ehrenamtlich in der katholischen Gemeindebücherei in ihrem Dorf im südlichen Landkreis Osnabrück. Sie sei ein „Bücherwurm“, sagt sie selbst, aber einer, der gern unterwegs ist: Sport macht, Ballett tanzt, Klavier spielt, im Chor singt und Messdienerin ist. Ein Vorhaben noch in diesem Jahr: Die Schülerin plant einen Austausch über das Erasmus-Programm. Vermutlich geht es nach Skandinavien.
Marisa ist eine reflektierte junge Frau, das spiegelt sich auch in ihrem Medienverhalten wider. Zu Hause schaut sie Nachrichten und folgt im Internet seriösen Angeboten. Als sie sich auf dem Handy zum Beispiel ein Video mit Politikern anschaut, stutzt sie. „Hä? Das würden die doch so niemals sagen.“ Und tatsächlich: Der Inhalt wurde von einer Künstlichen Intelligenz erstellt. Wischen statt Wissen – keine Option für die 18-Jährige. Aber sie weiß, dass sich Gleichaltrige über Politik oft ausschließlich auf Plattformen wie Tiktok oder Instagram informieren. Das findet sie gefährlich, „weil man sieht, wie schnell dort Meinungsmache passiert. Es muss viel mehr hinterfragt werden“. Populistische Botschaften durchschaut Marisa längst: „Wenn Leute einfache Lösungen für große Probleme vorschlagen, kann das meistens nicht so ganz passen.
“In der Familie und mit Freunden diskutiert sie über die Wahlerfolge für die AfD oder den politischen Wandel in den USA. Auch in ihrem Gymnasium wird thematisiert, was gerade weltweit passiert, wie Kriege entstehen und wie gefährlich es sein kann, wenn sich Geschichte wiederholt. „Darüber bin ich froh“, sagt sie, denn die Weltlage macht ihr Sorgen: der Krieg im Iran, der Krieg in der Ukraine, die Demokratieunzufriedenheit, der Rechtsruck, der Klimawandel. All das „löst noch keine Panik aus, aber Unbehagen“.
Ihr Ruhepol, der Ort, der sie erdet, ist die Familie, ihr Zuhause. Eltern, Schwester, Oma – „das sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Sie sind immer für mich da, ich kann einfach so sein, wie ich bin“, sagt Marisa. Aber auch Freunde sind ihr wichtig – und hier: „lieber wenige, mit denen ich mich sehr gut verstehe, als viele Freundschaften, die oberflächlich bleiben“.
Nach dem Abitur will sie auf jeden Fall studieren. Am liebsten Psychologie. Auch Linguistik, Germanistik, Anglistik und Romanistik interessieren sie. Was genau das Richtige ist, will sie noch herausfinden. Und überlegt, nicht sofort von der Schule an die Uni zu wechseln, sondern ein Jahr lang erst mal etwas anderes zu machen – vielleicht die Welt, andere Länder, zu entdecken.
Im späteren Berufsleben wünscht sie sich einen Job, der „abwechslungsreich ist und gut bezahlt“. Sie hofft, dass es trotz Künstlicher Intelligenz weiterhin eine Vielfalt an Berufen geben wird. Wichtig ist ihr vor allem Lohngerechtigkeit: Auch wenn Frauen den gleichen Beruf und Erfahrungsschatz haben wie Männer, verdienen sie oft weniger. „Das stört mich persönlich sehr“, sagt Marisa.Kritikpunkte findet sie auch in der Kirche. Sie ist katholisch aufgewachsen, getauft, gefirmt, ehrenamtlich engagiert – der Glaube bedeutet ihr etwas. „Aber ich bin der Meinung, dass sich einiges ändern muss.“ Warum dürfen nur Männer zu Priestern geweiht werden? Warum dürfen sie keine Familien gründen? Sie schüttelt den Kopf. „Da frage ich mich, ob das noch zeitgemäß ist.“
Marisas Blick in die Zukunft ist optimistisch. Uns stünden noch schwierige Zeiten bevor, sagt sie, ist aber überzeugt, „dass die Menschen irgendwann aufwachen“. Die Parlamentswahl in Ungarn beispielsweise „lässt mich trotz aller Sorgen wieder etwas hoffen“: dass es auch in einer Welt voller Autokraten nicht so einfach ist, der Demokratie den Garaus zu machen.
Mathies Thöle
Die Wahl seines Studienfachs hat mit dem großen Verlust in seinem noch jungen Leben zu tun. Obwohl Mathies Thöle das nicht so direkt formuliert, sondern sagt: „Ich will Menschen auch in schweren Zeiten helfen.“ Der 21-Jährige studiert Pflege an der Hochschule seiner Heimatstadt Bremen. Vor zwei Jahren verlor sein älterer Bruder den Kampf gegen den Krebs. „Am Anfang haben wir gedacht, es wird alles wieder gut, bis klar war, dass der Körper es nicht schafft.“ Als der Bruder starb, steckte Mathies Thöle mitten im Abitur. Seine Stimme wird leiser. „Das war nicht schön.“ Kurzes Schweigen.
Trotz dieses Schicksalsschlags sitzt ein lebensfroher junger Mann auf dem Sofa im Wohnzimmer. Er ist gern mit Freunden unterwegs und mit seiner Freundin, er macht Sport, kommt gerade von einer Reise nach Singapur zurück. Und er schmiedet Pläne: will später als Pflegefachkraft arbeiten, im Beruf aufsteigen, eine Familie gründen, ein Haus bauen oder kaufen. „Ich weiß nur noch nicht, ob ich das in Deutschland machen oder lieber auswandern möchte.“
Mathies Thöle ist auch Mitglied im Pfarrgemeinderat St. Franziskus in Bremen – sein letztes Amtsjahr, bevor er stärker ins Studium eingebunden sein wird. Den Glauben, sagt er, hätten ihm seine Mutter und seine Oma in die Wiege gelegt. Schon als kleiner Junge habe er mehr über Religion wissen wollen. „Aber in der Schule war ich fast der einzige Christ und traute mich meistens nicht, meine Fragen zu stellen.“ Als dann sein Bruder erkrankte, verlor er das Interesse. Doch es gab Menschen in der Kirchengemeinde, die ihn auffingen, die zu Freunden geworden sind. Heute sagt er: „Der Glaube gibt mir viel Kraft, er ist eine Energiequelle für mich.“
Mathies Thöle ist vor allem ein Typ, der anpackt. Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal, im Sommer 2021, meldete er sich als freiwilliger Helfer – und war der einzige Jugendliche aus seiner Pfarrei, der sich mit auf den Weg machte, um Schlamm zu beseitigen, Häuser auszuräumen, Möbel zu schleppen. Er sieht es pragmatisch: „Ich hatte gerade Ferien und nichts vor, da konnte ich auch was tun, das anderen Leuten hilft.“
Zwei Wochen war Mathies Thöle im Ahrtal, übernachtete erst in einer Schule, lernte dann „eine nette Familie“ kennen, zu der er noch heute Kontakt hat. Zwei weitere Male fuhr er los, beeindruckt davon, was eine große Gemeinschaft an Freiwilligen bewirken kann. Die Hilfe wurde immer besser koordiniert. Es gab ein Zentrallager mit Sachspenden. Von dort brachte ein Shuttle-Service die Helfer in die einzelnen Gebiete.
„Ich bin ein großer Optimist“, sagt der 21-Jährige. „Man kriegt alles hin, wenn genügend Kraft und Motivation dahintersteckt.“ Dennoch: Sorge bereiten ihm der Klimawandel, die Kriege weltweit, der politische Extremismus. Er findet es wichtig, sich eigenständig zu informieren und sich nicht nur von Social Media beeinflussen zu lassen. Weniger Mitläufertum, mehr abwägen, „was nicht nur gut für mich ist, sondern allgemein für die Gesellschaft“. Viele Unzufriedene, die zum Beispiel die AfD wählten, unterschätzten die Konsequenzen. Welche Werte sind ihm wichtig? Da muss er nicht lange überlegen: Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Ehrlichkeit, „auch mal was für sich machen und nicht immer alles so ernst nehmen“.
Das Familienleben anderer Menschen vor Augen zu haben – daran, sagt Mathies Thöle, habe er noch zu knabbern. „Ich bin nicht neidisch, denke mir aber immer, man sollte die Liebsten wertschätzen, weil man nie genau weiß, wie lange sie da sind.“ Manchmal habe er Angst, selbst an Krebs zu erkranken. „Ich habe ja die ganzen Operationen und Chemotherapien in all den Jahren miterlebt.“ Aber sein Bruder hätte sich gewünscht, dass er nach vorn schaut und das Leben genießt. Davon ist er überzeugt. „Ich freue mich über jeden Tag, den ich noch weiter auf diesem wunderschönen Planeten sein darf, und versuche das Beste daraus zu machen.“
Hanna Koop
Bevor sie 30 wird, möchte sie Hühner im Stall haben. Hanna Koop ist selbstsicher. Das ist ihr „Zeitziel“, wie es die 27 Jahre alte Emsländerin nennt. Aktuell grunzen noch rund tausend Schweine auf dem Hof ihrer Familie in Handrup. Ihre zukünftige Ware ist jetzt schon begehrt: Händler fragen nach, wann sie die Eier abholen können. Dabei hat sie noch nicht mal eine Baugenehmigung für den neuen Stall.
Zeit ist bei Hanna Koop ein knappes Gut. In Vollzeit arbeitet sie bei einem Futtermittelhersteller im Vertrieb, bewirtschaftet den Familienbetrieb gemeinsam mit ihrem Vater und sitzt ehrenamtlich im Diözesanvorstand der Katholischen Landjugendbewegung im Bistum Osnabrück (KLJB). Wochenarbeitszeiten von mehr als 60 Stunden sind nicht unüblich. „Ich bin auf jeden Fall nicht faul“, sagt sie, weiß aber, dass sie diese Auslastung „in zehn Jahren nicht mehr so reißen kann“. Sie ergänzt: „Ich kann einfach nicht gut auf dem Sofa liegen und nichts tun“.
Nach ihrer Ausbildung zur Landwirtin studierte sie Wirtschaftsingenieurwesen mit Agrarschwerpunkt und arbeitet seit vier Jahren im Futtermittelvertrieb. Anfang 2025 wurde ihr der Hof überschrieben. „Das ist jetzt deine Sache, du machst dein Ding“, hatte der Vater ihr mitgegeben. „Verrückt“ ist die neue Verantwortung, über den Betrieb zu entscheiden sei „ganz, ganz aufregend“. Angst vor der Selbstständigkeit hat sie nicht: „Gesunden Respekt habe ich. Und wirklich Lust darauf.“ Sie merkt, „dass ich mehr dafür gemacht bin, für mein eigenes Portemonnaie zu arbeiten und nicht für das von anderen“.
Warum Hanna Koop so motiviert ist, den Hof eigenständig weiterzuführen, kann sie nicht genau erklären. „Das sitzt ganz tief drin. Das ist irgendein Gen, was man einfach hat – oder halt nicht.“ Druck von ihren Eltern oder dem Umfeld kennt sie nicht, sie ist „absolut frei“. Ihr Vater hoffte, dass sie „etwas Vernünftiges lernt, wo man nicht so viel arbeiten muss“. Jetzt tritt sie doch in seine Fußstapfen. Ob Koop auf dem Hof in Handrup für immer so weitermachen möchte? „Am liebsten ja“, antwortet sie, ohne auch nur einen Moment zu zögern.
Auch die Weltlage geht nicht an ihr vorbei. Wenn sie sieht, wie die Futtermittelpreise steigen, weil „die da Krieg führen und eine Seestraße zumachen“ und die Rohstoffe aus Asien nicht nach Europa gelangen können, beunruhigt sie das. „Wir sind in so vielen Sachen abhängig vom Weltgeschehen, das unterschätzt man ganz schnell“, sagt sie.
In der KLJB ist sie seit zwölf Jahren, mittlerweile ehrenamtlich im Vorstand. „Gerade haben wir ein richtig gutes Team“, erzählt sie. Gemeinsames Kochen, Spieleabende, wilde Landjugendparties – das alles macht „einfach Spaß“. Dennoch entfernt sie sich von der Kirche. Es gab ein Gespräch, erinnert sie sich – mit jungen Menschen, die in der Kirche aktiv sind, aber nicht mehr an Gott glauben. Da merkte sie: „Ich tue das auch nicht mehr.“ Ein Riesenschalter habe sich umgelegt.
Ihr Urteil über die Kirche fällt nüchtern aus: „Die steht am Ende von irgendeiner Sackgasse. Das wird kaputtgehen.“ Vor allem Personalkürzungen in der Jugendarbeit kann sie nicht nachvollziehen. „Das sind die Leute, die das in zehn, 15 oder 20 Jahren selbst tragen sollen. Die muss man bei Laune halten.“ Wenn sich die Kirche nicht mit der Gesellschaft entwickeln möchte, kann die Gesellschaft auch nichts dafür, sagt sie.
Hanna Koop – ein eigener Hof, Vollzeitjob, ein Plan für die Zukunft. Für Zögern oder Zurückhaltung ist in ihrem Kalender kein Platz mehr. Und das ist ihr recht.