Neujahrsempfang des Diözesanrates im Kloster Lüne

Wozu wird die Kirche noch gebraucht?

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Kirche, wozu? Die Frage ist kurz, hat aber ungemein viele Aspekte – und ist schwer zu beantworten. Beim Neujahrsempfang des Diözesanrates im Kloster Lüne wurde ein Versuch unternommen.


Diskutierten miteinander: Der Religionssoziologe Detlef
Pollak, die Theologin Maria Hermann, Moderator Michael
Berger, Bischof Heiner Wilmer und Diözesanrats-Vorsitzener
Christian Heimann.

Die Kirchenaustritte auf Rekordniveau, die Zahl der Kirchgänger stark rückläufig, das Vertrauen in die Institution am Tiefpunkt – wozu braucht es da überhaupt noch eine Kirche? Bringen Reformen sie wieder nach oben? Was kann ihre Aufgabe in der Zukunft sein? Wie wird sie von außen wahrgenommen? Die Redner beim Neujahrsempfang des Diözesanrates blickten sehr unterschiedlich auf diese Fragestellungen. Und doch blieben die Antworten – erwartungsgemäß – bruchstückhaft.

Hiltrud Lotze, ehrenamtliche Bürgermeisterin von Lüneburg, sagte, die Kirchen seien ein „unverzichtbarer Teil der Stadtgesellschaft“. Dies gelte auch heute, wo die Mehrheit der Menschen keiner christlichen Kirche mehr angehöre. „Kirchen und Kommunen drehen sich nie um sich selbst, sondern sind für die Menschen da. Kirchen sind Orte des Miteinanders und der Orientierung – gerade in Krisenzeiten“, sagte sie.

Institution mit einzigartigem Netzwerk

Bernhard Kotsch, per Video zugeschalteter deutscher Botschafter beim Heiligen Stuhl, stellte die katholische Kirche als „besonderen Player“ im internationalen Kontext heraus. Die Kirche habe nicht nur Vertretungen in den Hauptstädten dieser Welt, sondern verfüge mit Pfarreien, Schulen, Universitäten, Krankhäusern und weiteren Einrichtungen über ein einzigartiges Netzwerk – Verbindungen, die auch von anderen Regierungen genutzt würden. Die Beerdigung des emeritierten Papstes Benedikt XVI. habe gezeigt, welchen Stellenwert die Kirche weiterhin habe. Allein aus Deutschland seien der Bundespräsident, der Kanzler sowie die Spitzen von Bundestag, Bundesrat und Bundesverfassungsgericht zur Trauerfeier angereist.

Weit grundsätzlicher ging Maria Hermann, Referentin im Fachbereich Strategische Innovation im Bischöflichen Generalvikariat die Fragestellung an. Die Theologin sagte, die Situation, in der die Frage nach dem Wozu der Kirche gestellt werde, sei „flüchtig, ungewiss, komplex und ambivalent“. Um mit dieser Lage fertig zu werden brauche es Neugier: „Gott sieht Menschen, ist neugierig auf sie. Und Menschen fragen nach Gott, mindestens nach Sinn. Nach Hoffnung. Nach Zukunft. Und spätestens seit den großen Mystikerinnen und Mystikern ist auch klar: Menschen fragen nach Gott und dem Göttlichen – in der Welt – auch im Gegenüber in anderen Menschen. Und irgendwie auch in sich.“

Immer mehr werde vom Sterben der Kirche oder vom Sterben bestimmter Formen der Kirche gesprochen. „Da ist viel Trauer, Zorn, Leugnung, Verhandeln … und wenn dem so ist, mag die Rede von der Neugier wie Hohn klingen.“ Aber: „Wenn man schon nicht mehr an die Zukunft glauben kann, sollte man sich da­rin üben neugierig zu werden, wie die Geschichte weitergeht.“ Die Kirche könne ein Ort sein, an dem Neugier „kultiviert wird. Weil Gott mit seiner Neugier die Menschen verwandelt.“

Kirche am Ende der Vertrauensstatistik

Auf die schwierige Lage der Kirche kam auch Professor Detlef Pollack, Religionssoziologe an der Universität Münster zu sprechen. Er verwies darauf, dass die katholische Kirche nur noch von etwas mehr als zehn Prozent der Deutschen als vertrauenswürdig wahrgenommen werde, Ärzte hingegen zu fast 90 Prozent, das Bundesverfassungsgericht zu über 70 Prozent. In fast allen europäischen Staaten habe der Glaube an einen persönlichen Gott in den letzten Jahrzehnten mehr oder weniger stark abgenommen, gleichzeitig sei aber der Glaube an eine „Geist- oder Lebenskraft“ deutlich gestiegen, berichtete Pollack. Können Reformen die Kirche in dieser Situation retten? Der evangelische Theologe spricht sich für Veränderungen aus, stellt aber die Frage, ob die zurückgehende Kirchenbindung nicht mehr an der zurückgehenden religiösen Nachfrage liege als am Zustand der Kirche.

Ein Faden, den Bischof Heiner Wilmer aufnimmt. Er sei mit der Lehre des Kirchenvaters Tertullian aufgewachsen, nach der der Mensch von Natur aus religiös sei. „Ich bin nicht sicher, ob das stimmt“, sagte der Bischof. Es sei schwierig, Menschen einen Sinn für Transzendenz zu vermitteln. Wie Pollack sieht der Bischof die Notwendigkeit von Reformen. Er sagt aber auch: „Dadurch werden wir diejenigen, die wir in den letzten Jahren verloren haben, nicht wieder zurückholen.“

Raum für die großen Worte offenhalten

Für die künftige Rolle der Kirche hat Wilmer eine Vorstellung: „Sie soll den Raum offenhalten für die großen Worte von Gnade, Barmherzigkeit und Nächstenliebe.“ Die Kirche sei die Verbindung zu 4000 Jahre alten Texten, die Menschen immer wieder getragen hätten. Sie sei damit „Hüterin eines Schatzes“. Und sie biete einen öffentlichen Raum, in dem man weinen könne, ohne sich zu schämen.

Am Neujahrsempfang des Diözesanrates der Katholik*innen im Bistum Hildesheim (so der offizielle Titel des Gremiums) in Lüneburg nahmen rund 100 Personen aus vielen Gegenden des Bistums teil. Der Veranstaltungsort, das Kloster Lüne, war vor der Reformation ein Benediktinerinnenkloster und ist heute ein evangelisches Damenstift, das von  der Klosterkammer Hannover verwaltet wird.

Matthias Bode

 

Heimann fordert neue Streitkultur
Der Vorsitzende des Diözesanrates, Christian Heimann, hat in seiner Begrüßung zu einer anderen Streitkultur in der Kirche aufgerufen. Wir dokumentieren eine Passage seiner Rede:

„Innerkirchlich wird es darum gehen, die Ideen und Entscheidungen des Synodalen Weges bei uns im Bistum und in den Pfarrgemeinden umzusetzen. Das gelingt aber nur, wenn wir nicht nur über Synodalität reden, sondern Synodalität auch bei kontroversen Themen leben. Dafür braucht es Sachlichkeit, wertschätzende Diskussion und eine ehrliche Wahrnehmung der Sorgen und Ängste des Gegenübers. Wir müssen verstehen, dass alle gleichermaßen darum ringen, an ihrer Kirche mitzubauen und dabei wertschätzen, dass die Vielfalt an Ideen und Meinungen etwas Wertvolles ist … Wenn Standpunkte hinterfragt werden, dürfen die Menschen, die sie vertreten, keinen Schaden nehmen. Das bedeutet nicht weniger als eine neue Art der Streitkultur in unserer Kirche.“