50 Jahre Ständige Diakone im Bistum Magdeburg
Verheiratet, geweiht, unter Leuten
Foto: Johanna Marin
Bernhard Zülicke, der dienstälteste Ständige Diakon, bei der Feier des Jubiläums „50 Jahre Ständiger Diakonat im Bistum Magdeburg“. In der Liturgie ist ein Diakon an der Stola erkennbar: Im Gegensatz zum Priester, der sie vorn parallel trägt, trägt der Diakon sie quer über dem Körper. Sie soll ein Zeichen für das Joch Christi sein.
„Ich bin seit 59 Jahren mit meiner Frau verheiratet, habe drei Kinder, zehn Enkel und zwei Urenkel“, stellt Bernhard Zülicke sich beim Festakt zu 50 Jahren Ständigem Diakonat im Bistum Magdeburg vor. Er ist der dienstälteste Ständige Diakon im Bistum, und dass er in seiner Rede zuerst von seiner Familie erzählt, spricht Bände.
Die Diakonenweihe ist die niedrigste der drei Weihestufen: Diakon, Priester, Bischof. Für Priester ist sie die Vorstufe zu ihrer Priesterweihe. Für Ständige Diakone hingegen ist sie Berufung. Ständige Diakone sind Männer, die selbst im Alltag stehen. Sie hätten eine vorbereitende, vermittelnde, auf die Mitte der Gemeinde hinführende Aufgabe, heißt es etwa in der Rahmenordnung für Ständige Diakone in den Bistümern der Bundesrepublik von 1994. Sie begegnen Menschen nicht nur in den Sakramenten und im Gebet, sondern auch im Alltag, erklärt Bischof Gerhard Feige, weil sie ihn mit den anderen Gemeindemitgliedern teilen. Oder wie der Sprecher der Magdeburger Diakone, Andreas Weiß, sagt: „Ein Diakon ist ein geweihter Mann mit Schwiegermutter.“
In der Mitte, zwischen Priester und Gemeinde
Durch diese Nähe zur Gemeinde hätten sie eine unglaubliche Brückenfunktion, sagt Feige. Er sieht die Aufgabe des Diakons vor allem in der Übersetzung des griechischen Wortes „diákonos“: Diener, Helfer. Das sei etwas zutiefst christliches: „Im Evangelium ist Dienen nichts für Menschen, die kuschen und sich ducken“, sagt er, „Dienen wird dort zur Chefsache.“ Die Rahmenordnung besagt, dass Diakone „in allen drei Grunddiensten tätig“ sein sollten: in der Liturgie, der Verkündigung und der christlichen Nächstenliebe. Sie sollen also, so oft es geht, die Messe mitfeiern, das Stundengebet beten, diejenigen näher zum Glauben bringen, die fernab stehen, und sich denen zuwenden, die Hilfe besonders nötig haben. Durch das Sakrament der Weihe dürfen sie die Taufe und die Krankensalbung spenden und bei der Eheschließung assistieren. Die Weihe, so heißt es in der Rahmenordnung, schenke den Diakonen eine besondere Gabe des Geistes und verbinde sie enger mit dem Altar, „damit sie ihren Dienst mit Hilfe der sakramentalen Diakonatsgnade wirksamer erfüllen können.“
Die Arbeitsgemeinschaft Ständiger Diakonat in Deutschland drückte es in ihren Thesen 2010 ähnlich aus: „Der Diakon repräsentiert Christus den Diener, der bei den Vergessenen ist, und er repräsentiert die Vergessenen, die bei Christus sind, in der Kirche.“ Schon in der Apostelgeschichte, Kapitel 6, legten die zwölf Apostel anderen Jüngern betend die Hände auf. Sie selbst wollten sich auf das Gebet und das Wort Gottes konzentrieren, während die von ihnen gesandten Jünger – unter anderem der heilige Stephanus – die Aufgabe bekamen, unter die Menschen zu gehen und vor Ort zu helfen. Aus der frühen Kirche gibt es Zeugnisse von Männern und Frauen, die als Diakone tätig waren. Ob es sich dabei um ein Weiheamt handelte oder um eine Beauftragung, wird diskutiert. In der katholischen Kirche gab es diesen Dienst über Jahrhunderte nicht mehr. Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde der Ständige Diakonat mit der Weihe verheirateter Männer wieder eingeführt. Heute begegnen Diakone Menschen in schwierigen Lebenssituationen oft in den Bereichen der Caritas, in sozialen Brennpunkten, in der Gefängnis- oder Notfallseelsorge, sagt Bischof Gerhard Feige. Darüber hinaus können sie neben den Sakramenten auch den Segen spenden, Wortgottesfeiern anleiten, Beerdigungen durchführen und die den Geweihten vorbehaltene Form der Predigt – die Homilie – halten.
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Talente einsetzen, wo sie gebraucht werden
Dass Gott den Menschen unterschiedliche Talente geschenkt hat, steht nicht nur in der Bibel. Es hat beim Einsatz der Diakone auch so manchen Vorteil. Bernhard Zülicke erinnert sich an seinen Weihejahrgang: Mit ihm wurden 1975 für Magdeburg zwei weitere Männer zu Ständigen Diakonen geweiht, die bereits verstorben sind, Richard Schelenz und Johannes Hoffmann. „Hoffmann war ein ganz normaler Typ“, erzählt Zülicke, „er war ein Familienvater auf dem Dorf. Die Leute kamen zu ihm.“ Schelenz sei ganz anders gewesen, er habe immer gesagt: „Wir müssen doch den Leuten helfen!“ Mit dieser Einstellung sei er von Haus zu Haus gezogen und habe Spenden gesammelt. „Wir nannten ihn ‚den Klinkenputzer‘“, sagt Bernhard Zülicke mit einem Schmunzeln. Zülicke selbst war Kirchenmusiker. Ihm war vor allem die Liturgie wichtig, erzählt er: „Meinem Chor habe ich immer gesagt: Ihr habt einen liturgischen Dienst.“ Er bekam vom damaligen Magdeburger Bischof Johannes Braun den Auftrag, ein Referat für Kirchenmusik aufzubauen. „Die Chöre sollten sich als Liturgieträger verstehen, die den Glauben weiterbringen – nicht nur als bloßer Verein“, sei Zülickes Aufgabe gewesen. Mit Musik, ist er überzeugt, könne man „manches einfangen“; wenn Leute nur wegen der Musik in die Kirche kämen, könne man daran anknüpfen.
Ein Ständiger Diakon ist also mitten unter den Menschen – mit dem, was er tut, aber auch mit seinem Lebensstil als Ehemann und Vater. Wie das konkret aussieht, unterscheidet sich allerdings in den Bistümern. Diakone können hauptamtlich bei der Kirche angestellt sein. Dann leiten sie etwa Pfarreien, wie im Bistum Erfurt, sind in der Seelsorge im Auftrag der Kirche oder in kirchlichen Institutionen tätig. Im Bistum Magdeburg, aber auch in anderen Bistümern, arbeiten die Diakone vorrangig in ihrem sogenannten Zivilberuf weiter. Kirchliche Aufgaben übernehmen sie ehrenamtlich. „Ich bin Rechtsanwalt für Erbrecht“, erzählt Diakon Franz-Georg Lauck aus dem Bistum Dresden-Meißen, „der Diakonat ist Ehrenamt. Meine Aufgabe ist es, den Blick der Pfarrei auf die Außenwelt zu richten, vom eigenen Mittelstand weg.“
Gestandene Männer in Ausbildung
Erst mit 35 Jahren kann sich ein bereits verheirateter Mann zum Ständigen Diakon weihen lassen. „Wir waren gestandene Männer“, drückt Bernhard Zülicke es aus. Deshalb ist es nicht ungewöhnlich, dass die Diakone vor ihrer dreijährigen theologischen und pastoralen Ausbildung bereits andere Berufe erlernt haben. „In unserer Ausbildung haben wir uns Woche für Woche montags getroffen“, sagt der dienstälteste Diakon. Der Grund? „Johannes Hoffmann war Bäcker. Seine Bäckerei hatte immer nur montags geschlossen.“
Unverheiratete Männer können bereits mit 25 Jahren die Weihe empfangen. Kirchlich heiraten dürfen sie danach nicht mehr. Wer Diakon werden möchte, kann seine theologische Ausbildung heute in Würzburg als „Theologie im Fernstudium“ absolvieren und an der dreijährigen Ausbildung für die ostdeutschen Bistümer teilnehmen. Innerhalb dieser Ausbildung findet auch ein einjähriges Praktikum im jeweiligen Heimatbistum statt. 1975 war der Ablauf der Ausbildung noch nicht genau geregelt. Bernhard Zülicke erzählt, welche Themenbereiche damals dazu gehörten. Unter anderem die Lehre vom Predigen, von den Sakramenten, aber auch Liturgie, Spiritualität und das Alte Testament wurden behandelt. „Das war viel“, sagt Zülicke, doch dann lacht er: „Aber wir haben es überstanden, wie man sieht.“ Die Arbeitsteilung mit seinen beiden Weihebrüdern war dabei manchmal etwas spannend, erinnert er sich. So musste er einmal dem Kurs im Kloster auf der Huysburg folgen und für die anderen beiden mitschreiben, während Johannes Hoffmann und Richard Schelenz eingeteilt wurden, dem dortigen Fleischer beim Schweinschlachten zu helfen.
Als Paar zusammenarbeiten
Als für Bernhard Zülicke und seine beiden Mit-Anwärter die Weihe anstand, fuhren sie zu Exerzitien. Ihre Ehefrauen durften sie in dieser Zeit nicht mehr sehen. „Die Frauen wurden damals auch nicht offiziell nach ihrer Zustimmung gefragt“, sagt Zülicke. Dabei mussten sie im Anschluss an die Weihe ihre Arbeit aufgeben, um den Männern den Rücken freizuhalten. „Das war die Grundbedingung für die Weihe – heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen“, findet er.
Und tatsächlich ist das heute keine Voraussetzung mehr. Stattdessen müssen die Ehefrauen der Weihe zustimmen. Fehlt die Zustimmung, kann der Mann sich nicht weihen lassen – aus gutem Grund. Daniela Bethge ist Pastoraltheologin, Co-Präsidentin des Magdeburger Bistumsrates und leitete bis 2017 ein Caritas-Projekt im Bereich der diakonischen Kirchenentwicklung im Erzbistum Berlin. Sie sagt: „Der Diakonat des Mannes bedeutet, dass das Paar dauerhaft mit den Erwartungen der Gemeinde und der Vorgesetzten an den Diakon ringt, um die Familie und um Zeit zu zweit.“ So verspricht ein Diakon – wie auch ein Priester – bei seiner Weihe Gehorsam gegenüber Papst und Bischof. Das erlaubt dem Bischof beispielsweise, Priester von einer Stelle an eine andere zu versetzen. Würde ein Diakon versetzt, hätte das auch Konsequenzen für seine Frau und seine Familie. Dennoch sieht Daniela Bethge in der Partnerschaft auch eine Chance für den Diakonat: „Die Partnerschaft ermöglicht eine Perspektiverweiterung. Der eigene Blick wird durch den des anderen erweitert“, sagt sie, „das Paar steht zusammen hinter dem Diakonat.“
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Ein wandelbares Amt
Allerdings gebe es nicht „den einen Diakon“ oder die eine Form des Diakonats, sagt Thomas Pogoda. Der Magdeburger Diakon ist für die Ausbildung der Ständigen Diakone in den ostdeutschen Bistümern zuständig. Jeder versuche, in seinem Diakonat als sehr eigene Person, mit sehr eigenen Aufgaben umzugehen, sagt er. „Das ist ein unheimlich wandelbares Amt.“ Dann erzählt er von einem Diakon, der Arzt ist und seinen Kollegen die Spiritualität von Heilung nahebringe. Ein anderer wiederum sei Feuerwehrmann, sagt Pogoda: „Er ist in seinem Beruf oft Ansprechpartner für die, die mit Tod und Unfällen konfrontiert sind.“ Diakon und Rechtsanwalt Franz-Georg Lauck erzählte kurz nach seiner Weihe vor einigen Jahren, dass es ihm seither wichtiger sei, Streitigkeiten mit sinnvollen Maßnahmen lieber vorzubeugen, als sie vor Gericht auszufechten. „Wir waren alle drei sehr unterschiedlich“, erinnert sich auch Bernhard Zülicke an seinen Weihejahrgang von 1975. „Mit unseren jeweiligen Schwerpunkten waren wir dann sehr zufrieden.“
Die Aufgaben eines Ständigen Diakons sind also vielfältig. Die wichtigste ist wohl, Brücken von Jesus zu seinen Mitmenschen zu bauen; im Beruf, im Alltag – und nicht zuletzt im Gottesdienst. Wenn der Diakon in der Messe dem Priester assistiert und sich mit den „Drei G“ an die Gemeinde wendet – „Geheimnis des Glaubens. Gebt einander ein Zeichen des Friedens. Gehet hin in Frieden.“ – dann stellt er eine spirituelle Barrierefreiheit her, sagt Daniela Bethge. Als Geweihter kann er Christus repräsentieren. Als Ehemann oder Berufstätiger ist er unter seinen Mitmenschen.
Früher waren Bernhard Zülicke und seine Mit-Diakone angehalten, auch in der Öffentlichkeit klerikale Kleidung wie die Priester zu tragen. „Damit im Alltag deutlich wird, dass wir zur Kirche gehören“, sagt Zülicke und lacht: „Das war nur ein bisschen schwierig, wenn man in Priesterkleidung rumlief und seine Frau am Arm hatte.“