Als Kochfrau im Zeltlager

Dafür nehmen sie Urlaub

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Drei Frauen stehen um einen Küchentisch in einem Zelt und schneiden Karotten und Kartoffeln
Nachweis

Foto: Matthias Petersen

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Gemüse schnippeln für Kinder aus Osnabrück-Pye: Anja Fänger (l.), Marisa Fänger und Rita Lepper in ihrem Herrschaftsgebiet

20.000 Kinder und Jugendliche sind im Sommer mit einer Kirchengemeinde des Bistums Osnabrück im Zeltlager. Das geht nicht ohne ehrenamtliche Unterstützung. Für das leibliche Wohl von 160 Teilnehmern aus dem Osnabrücker Stadtteil Pye sorgen drei Frauen. Dafür haben sie sich extra Urlaub genommen.

Ein Kind und ein Jugendlicher stehen auf einem Zeltplatz und stemmen die Arme in die Hüften
Verteidiger des Zauberwalds: Eva und Clemens fühlen sich im Zeltlager pudelwohl. Foto: Matthias Petersen

Es war unruhig in der Nacht. Die Wachen vor den Zelten haben schon um 1 Uhr gemerkt, dass sich einige Gestalten rund um den kleinen Zeltplatz am Rande von Lorup im nördlichen Emsland bewegten. Ein Überfall stand bevor, das war allen klar. Es dauerte dann doch noch bis 2.30 Uhr, erst dann kamen die Angreifer aus der Dunkelheit; sie hatten es auf das Banner abgesehen. Ohne Erfolg.

113 Kinder aus der Osnabrücker Gemeinde St. Matthias im Stadtteil Pye bevölkern mit ihren Zelten den kleinen Lagerplatz, dazu kommen 41 Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter, das sechsköpfige Leitungsteam – und drei Küchenfrauen, die sich extra Urlaub genommen haben, um eine Woche lang Brötchen zu schmieren, Obst und Gemüse zu schneiden, Geschnetzeltes oder Kartoffelbrei zu kochen – um den Kindern eine gute Woche zu bescheren. Eigentlich wie zu Hause, nur in der Größe XXXXL. 

Nach dem Lager einen Tag Ruhe genießen

Für heute gibt es eine kurzfristige Planänderung. Das für die Mittagszeit vorgesehene warme Essen ist auf den Abend verschoben, das ganze Lager ist tagsüber im Ort unterwegs. Gelegenheit für Marisa Fänger, Rita Lepper und Anja Fänger, vor ihrem mit Klappbetten ausgerüsteten Schlafzelt zu sitzen – „unsere Terrasse“, nennen sie die wenigen Quadratmeter, die ihnen allein gehören. Rita und Marisa sind Gesundheits- und Krankenpflegerinnen, arbeiten beide im Marienhospital Osnabrück und freuen sich über drei Tage Sonderurlaub ihres Arbeitgebers. Für die restliche Zeit nehmen sie unbezahlten Urlaub. Anja ist Diplom-Pädagogin und arbeitet in der Verwaltung der Polizei. Für das Zeltlager knabbert sie ihr Urlaubskonto an – und wie ihre beiden Mitstreiterinnen geht sie nicht gleich am ersten Tag danach wieder zur Arbeit, sondern ruht sich einen Tag lang zu Hause aus. „Das brauchen wir“, sagen die Frauen wie aus einem Mund. Und wissen sich einig mit vielen Betreuern, die nach dem Lager auch erstmal eine Pause haben.

Seit 6 Uhr sind die drei Frauen auf den Beinen. Die letzte Nachtwache hat sie pünktlich geweckt. Seitdem haben sie die vom Bäcker gelieferten Brötchen aufgeschnitten, haben Wurst und Käse auf Tellern zurechtgelegt, haben Schokocreme und Marmelade in Gläsern bereitgestellt, haben Kaffee und Tee gekocht und Kakao zubereitet. Haben Wasser in großen Töpfen erhitzt, um damit abzuwaschen. Haben schließlich selbst gefrühstückt – natürlich auf der „Terrasse“. 

Ohne Kochfrauen kein Zeltlager, aber ohne Kinder auch keine Kochfrauen. Soll heißen: Die drei Frauen bekommen Unterstützung. Gruppenleiter fassen bei der Zubereitung mit an, da ist manch schwerer Topf zu wuchten. Und die Kinder übernehmen wechselweise das Abtrocknen. Anders würde es nicht gehen. Zwei Stunden sind die Frauen allein nach dem Mittagessen mit dem Spülen beschäftigt. Andererseits wissen sie, dass es ohne sie nicht geht. Ihr Credo: „Wir müssen liefern!“ Und das tun sie gerne.

In Bildungshäusern trägt das Essen wesentlich zur Zufriedenheit eines Aufenthalts bei, das dürfte im Zeltlager nicht anders sein. Aufkommendes Heimweh lässt sich wohl am besten mit einer ordentlichen Portion Geschnetzeltes auffangen – jedenfalls gehört das Gericht zu den Rennern im Pyer Zeltlager. Kartoffelbrei, Rotkohl, Schnitzel, Apfelmus – die Liste mit weiteren Favoriten ist lang, aber begrenzt. Es gibt nämlich in jedem Jahr die gleiche Menüfolge. Die Kochfrauen sind nicht sicher, ob es in anderen Zeltlagern womöglich mehr Kreativität bei der Essensauswahl gibt. Sicher sind sie, dass ihr Angebot immer gut ankommt. Was vom Abendessen übrig bleibt, stellen die Frauen für die Betreuer zusammen. Für den späten Hunger. 

Wenn Zeltlagerkinder und Betreuer abends ums Lagerfeuer sitzen und singen, sitzen die Kochfrauen meist vor ihrem Zelt und hören zu – ohne untätig zu sein. Gestern Abend haben sie bei der Gelegenheit 20 Kilo Kartoffeln geschält – die müssen jetzt von Marisa geschnippelt werden. Mehrere Tüten mit Möhren stapeln sich ebenfalls auf dem Küchentisch, Anja und Rita haben begonnen, sie zu schälen. Alle drei haben ihre Schürzen über die Zeltlager-T-Shirts gezogen. Es wird geplaudert und zugleich konzentriert gearbeitet. Ein übernächtigt wirkender Betreuer kommt um die Ecke. Ob er sich mal einen Kaffee nehmen dürfe? Selbstverständlich.

"Früh anfangen lohnt sich"

Ein anderer steht mit gezücktem Handy vor den Frauen. Er hat Einkaufsdienst und nimmt die Bestellung auf. Vieles ist im Vorfeld bereits gekauft worden, jetzt fehlt es gerade an Eisbergsalat und Gurken. Morgen soll es Hamburger geben, auch so ein Renner bei den Kindern. Dann braucht es noch Schokoküsse als Bestandteil eines Sandwich-Brötchens. Und schließlich Pfirsiche in Dosen. Alles klar, Bestellung notiert. 

Der Lagerplatz und der Bus, der die Kinder hierher transportiert, sind längst gebucht, im Winter startet dann die Planung für das Sommerlager. „Früh anfangen lohnt sich“, sagt Finn von der Lagerleitung. Ab Ostern können sich die Kinder anmelden, in diesem Jahr lief zum ersten Mal alles digital. Wie viele dürfen mitkommen? Die „weiche“ Grenze liegt bei 110, erst ab 120 ist Schluss. In diesem Jahr hat es gut gepasst.

Für die Frauen ist es selbstverständlich, dass sie alles tun, damit es den Kindern gut geht. Diese zahlen es mit Lob und gutem Appetit zurück. Auch wenn Eva (12) und Clemens (15) das vielleicht feststellen müssen, weil ihre Mutter im Koch-Team ist. Trotzdem: „Das Essen ist sehr lecker“, sagen beide übereinstimmend. Eva freut sich jedes Jahr auf das Lager, weil sie dann ihre Freundinnen aus der Grundschule wiedersehen kann. Clemens lobt die Atmosphäre: „Alle sind gut drauf.“ Überfälle, Nachtwanderungen? Machen beide gerne mit. Eva findet es cool, „uns passiert ja nichts“. Clemens versucht sogar, tagsüber so viel zu schlafen wie möglich – damit er nachts wach sein kann.

Eine Woche dauert das Lager, die Erinnerung hält lange an. Auf jeden Fall bis zum Nachtreffen, wenn zu Hause in Pye jede Menge Bilder in einer Diashow gezeigt werden. Darauf freut sich Eva schon jetzt. Besonders auf die Fotos vom Burger-Essen. Auch sehr lecker.

Matthias Petersen