Weihnachtsserie Teil 4: Wie Musik zum Fest die Herzen berührt
Dank der Musik: Trotz Blindheit, reich beschenkt
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Durch Musik fühle Rüdiger Kühl sich als Mensch, der nicht mehr sehen könne, „wirklich beschenkt“.
„Wenn ein Stück mein Herz erreicht, dann ist es gut!“ Ein Satz, mit dem Rüdiger Kühl beschreibt, was Musik gerade zu Weihnachten für ihn bedeutet. Nach kurzem Überlegen fügt er hinzu: „Das kann Bachs Weihnachtsoratorium genauso sein wie ein klassisches Weihnachtslied oder eines von Rolf Zuckowski.“
Manchmal geschehe das „sofort und ohne Umwege“, sagt Kühl: „Dann werden gerade um das Weihnachtsfest Erinnerungen wach.“ Heute, nachdem er sein Augenlicht völlig verloren habe, reagiere er sehr viel schneller als früher: „Oft höre ich zwei, drei Takte, dann packt es mich – und ab und zu haut es mich regelrecht um.“
„Dann werden gerade um das Weihnachtsfest Erinnerungen wach.“
Zum „Feeling“ muss für den 61-Jährigen aber auch die Botschaft kommen, die transportiert wird. Und die sei gerade zu Weihnachten „echt stark“: Vor dem, was das kleine Kind in der Krippe den Menschen zu sagen habe, werde vieles unbedeutend und zweitrangig, auch das eigene Schicksal, sagt er.
Musikalisch fühlt sich Rüdiger Kühl in solchen Momenten in eine „heile Welt“ zurückversetzt, die ein für alle Mal vergangen ist. Doch er hadert nicht. „Mein Leben ist für mich durch die völlige Erblindung nicht in Stücke gegangen, es ist anders geworden.“ Durch Musik fühle er sich als Mensch, der nicht mehr sehen könne, „wirklich beschenkt“.
„Stehauf-Menschen kommen besser durchs Leben!“
Kühl, der früher als Erzieher arbeitete, hat früh begonnen, selbst Musik zu machen. Er hat in Bands gespielt, christliche Pop- und Rockmusik gemacht. Aktuell, sagt er, nehme er die Gitarre wieder öfter in die Hand – auch wenn die Griffe nicht mehr so flüssig liefen wie früher.
Auf der einen Seite emotional, auf der anderen pragmatisch, das versucht der Paderborner miteinander in Einklang zu bringen: „Sonst könnte ich mein Leben nicht auf die Reihe kriegen.“ Deshalb engagiert er sich unter anderem im Vorstand des Blinden- und Sehbehindertenvereins seiner Heimatstadt. „Rückzug oder Teilhabe“ – das sei für ihn keine Frage gewesen, sagt Kühl: „Stehauf-Menschen kommen besser durchs Leben!“