Laien in der Gemeindeleitung: Wie sich das Modell im Bistum Osnabrück entwickelt

Der Fünf-Prozent-Pfarrer

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Gegenseitige Anerkennung: Pfarrer Hubertus Goldbeck (l.) und Gerd Wieners, Gemeindeleiter der vier Pfarreien in der Niedergrafschaft.

Die Leitung einer Pfarrei ist eigentlich an das Weiheamt des Priesters gekoppelt. Aber das Kirchenrecht lässt bei Personalnot Ausnahmen zu. Das machen sich auch die norddeutschen Bistümer zunutze. Ein Beispiel aus der Grafschaft Bentheim im Bistum Osnabrück.

Die Sitzung ist wichtig. Es geht um das Gebäudemanagement in der Pfarrei Neuenhaus, zu der drei Kirchen gehören. Dann die Pfarrhäuser und die Gemeindezentren. Die Ehrenamtlichen haben sich gewünscht, dass auch Hubertus Goldbeck dabei ist, denn es geht schließlich um die Zukunft. Und so macht sich der 61-Jährige zum ersten Mal auf den Weg zu einem solchen Treffen, seit er vor vier Jahren moderierender Priester für die vier Pfarreien in der Niedergrafschaft nahe der Grenze zu den Niederlanden geworden ist.

Seit nicht mehr genügend Priester für die Gemeindeleitung zur Verfügung stehen, geht das Bistum Osnabrück einen Weg der Ausnahme, den das Kirchenrecht im Paragraf 517,2 ausdrücklich erlaubt: Die sonst mit der Weihe verknüpfte Leitung wird dabei einem sogenannten Laien anvertraut. Die Osnabrücker sprechen vom Pfarrbeauftragten, neben dem der sogenannte moderierende Priester seinen Dienst tut. 19 Pfarrbeauftragte gibt es bereits in den rund 70 Pfarreien und Pfarreiengemeinschaften, zehn Männer, neun Frauen. Langsam scheint die Ausnahme zur Regel zu werden.

Hubertus Goldbeck, der eigentlich Pfarrer von Schüttorf und Bad Bentheim in der Obergrafschaft ist, mag als moderierender Priester gar nicht so sehr im Mittelpunkt stehen. Er gibt zu verstehen, dass er höchstens fünf Prozent Anteil an der Leitung hat. Im Kern ist es Gerd Wieners (63), der die Zügel in der Hand hält. Von Haus aus Gemeindereferent, ist Wieners seit Mai 2022 als Gemeindeleiter im Amt. Und hat sich mehr und mehr Ansehen erworben in den vier Pfarreien, zu denen sechs Kirchen gehören, mehrere Gemeindehäuser, eine Kita, drei Friedhöfe.

Ständiges Misstrauen wäre fehl am Platze

Als das Modell des Pfarrbeauftragten mit einem moderierenden Priester an der Seite – in der Regel ein Pfarrer, der die Aufgabe neben seinen sonstigen Aufgaben versieht – im Bistum vor acht Jahren langsam Fahrt aufnahm, hieß es vonseiten der Bistumsleitung, es werde zwar Pfarreien ohne Pfarrer geben, aber diese würden keine priesterlosen Gemeinden sein. Und so arbeiten außer Gerd Wieners im Seelsorgeteam neben einem Ständigen Diakon und einer Gemeindereferentin auch zwei Pastöre. Ihr Schwerpunkt ist eindeutig die Liturgie, sie zelebrieren in erster Linie die Eucharistiefeier – wiederum neben Hubertus Goldbeck, der ab und zu am Wochenende in einer der Gemeinden auftaucht und die Messe feiert.

Der Arbeitsalltag von Gerd Wieners ist vielfältig. Kommt er morgens ins Büro, muss er meist Pläne machen und Absprachen treffen. Wer feiert wann und wo die Messe, wo soll es Wort-Gottes-Feiern geben, wer sitzt wann und wo an der Orgel? Dann die spontanen Sachen: Hier ruft jemand an, weil Kupfer vom Dach des Gemeindehauses gestohlen wurde. Da meldet sich jemand aus einer gemeindeeigenen Mietwohnung, weil Wasser im Keller steht. Ein Küster braucht Hilfe – es gibt einen Schaden in der Sakristei. Polizei, Versicherung oder Handwerker sind zu informieren. Mal möchte jemand eine Taufe anmelden, mal ist jemand gestorben und bittet um ein Trauergespräch.

Meist fällt Wieners wichtige Entscheidungen zusammen mit seinem Team, nur selten muss er den Rat von Pfarrer Goldbeck einholen. Der weiß, dass der Laden läuft. Sein Vertrauen in Gerd Wieners sei groß, sagt er, womit eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg des Tandems gegeben ist. Ständiges Misstrauen wäre fehl am Platze. „Natürlich bin ich interessiert daran, was so alles läuft in den Gemeinden“, sagt der Geistliche. „Aber wenn ich ständig die Frage hätte, ob er das auch richtig macht, könnte das aus meiner Sicht nicht funktionieren.“

Dass Gerd Wieners nicht der Pfarrer ist, muss er normalerweise nicht mehr erklären, in den Gemeinden ist das akzeptiert. Nur beim Schützenfest neulich hat das nicht geklappt. Die Schützen meldeten sich – wie schon seit vielen Jahren – „beim Pastor“. Manche Tradition hält lange.

Im aktuellen Kibo-Magazin Nr. 17 lesen Sie weitere Beispiele für Gemeindeleitungsmodelle aus dem Bistum Hildesheim und aus dem Erzbistum Hamburg.

Das könnte Sie auch interessieren: Michael Göcking war 2018 der erste Laie im Bistum Osnabrück, der Verantwortung für eine Pfarreiengemeinschaft übernommen hat.

Matthias Petersen

Zur Sache

Bei mangelhafter Anzahl von Priestern erlaubt es das Kirchenrecht (Paragraf 517,2), nicht geweihten Personen oder einem Team gemeinsam mit einem Priester die Seelsorge einer Pfarrei anzuvertrauen. Dabei leitet ein moderierender Priester die Pfarrei mit den Vollmachten eines Pfarrers, während Laien oder Diakone ihn unterstützen, faktisch die Gemeindeleitung innehaben.