Ausstellung in Esterwegen

Ermordet direkt vor unserer Haustür

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Ausstellung Gedenkstätte Esterwegen
Nachweis

Foto: Petra Diek-Münchow

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Kommunistin, Aktivistin, Komintern-Agentin, Jüdin, Lebenspartnerin, NS-Verfolgte, Gefangene, Mutter, Kämpferin, Ermordete, Ikone, Namensgeberin: Die Ausstellung in Esterwegen erzählt unter anderem aus dem Leben von Olga Benario.

Auschwitz, Dachau, Buchenwald – diese Namen stehen für den Nazi-Terror. Eine Ausstellung im emsländischen Esterwegen zeigt aber, dass jüdische Menschen nicht nur in der Ferne getötet wurden.

Den Kopf erhoben, die Hände in die Hüfte gestützt, der Blick nach vorn: So schaut Olga Benario auf einer Illustration die Gäste in der Gedenkstätte für das ehemalige Konzentrationslager in Esterwegen an. Eine Frau, die sich gewehrt hat – die kein Opfer sein wollte und es doch wurde. Weil sie in einer jüdischen Familie aufgewachsen ist, weil sie widerständig blieb. Im April 1942 haben die Nazis sie in Bernburg ermordet.

Olga Benario ist eine der zwölf Frauen und Männer, über deren Leben und Schicksal die Sonderausstellung „Als Jüd:innen markiert und verfolgt“ in Esterwegen erzählt. Alle sind in die erbarmungslose Verfolgungsmaschinerie der Nazis geraten. Viele sind ermordet worden, einige haben überlebt und später darin einen Auftrag gesehen, von ihren Erlebnissen zu erzählen. Damit nichts vergessen wird.

Das ist nur eine der Intentionen der Wanderausstellung, die in der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt entstanden ist und die nun zum ersten Mal in Niedersachsen zu sehen ist. Auch wenn die Texte und Fotos die NS-Verbrechen eher außerhalb dieses Bundeslandes thematisieren, so stehen sie nach Ansicht des Esterweger Gedenkstättenleiters Sebastian Weitkamp exemplarisch für das „menschenverachtende Netz“ an Lagern und Tötungsanstalten, das die Nationalsozialisten gespannt hatten. Eben nicht nur im entfernten Osten, sondern in Dörfern und Städten „direkt vor unserer Haustür“, unter den Augen der Bevölkerung. „Das war so in Sachsen-Anhalt, das war so im Emsland“, sagt er und verweist auf die 15 Lager in der Region. Zwei der in der Ausstellung genannten Opfer  waren für einige Zeit auch im Emsland inhaftiert. Zugleich berichten die Info-Tafeln davon, in welcher Form heute Gedenken stattfindet.

Ein weiteres Ziel ist laut Melanie Engler, die als Leiterin der Gedenkstätte Lich tenburg die Ausstellung mitkonzipiert hat, die Vielfalt jüdischer Identitäten aufzuzeigen. „Wir machen in unserer pädagogischen Arbeit häufig die Erfahrung, dass von den Nationalsozialisten als ‚jüdisch markiert‘ worden zu sein, sehr abstrakt ist. Viele Menschen haben keine  Vorstellung davon, was das damals bedeutet hat.“ Die Gesichter auf den Stellwänden erzählen solche Geschichten: von einem Rabbiner, einem Journalisten, einer Verkäuferin.

Auch heute wird markiert und abgestempelt

Und von einer Mutter wie Irma Eckler. Aufgewachsen war sie mit ihren Schwestern in einem jüdischen Elternhaus in Hamburg, später aber evangelisch getauft worden. Für die Nazis galt sie trotzdem als Jüdin und durfte ihren nichtjüdischen Verlobten nicht heiraten. Trotz dieser „Markierung“ blieben beide zusammen, bekamen zwei Kinder, wurden dann inhaftiert – und beide überlebten den Nazi-Terror nicht. In der Haft fragt Irma Eckler immer wieder nach Fotos der Töchter, aber nie wird das erlaubt. Die Grafik von ihr, ein Baby auf dem Arm, rührt daher besonders an.

Markierung ist ein Stichwort, das auf unsere Wahrnehmung in der Gegenwart abzielt. Denn laut Engler markieren, marginalisieren und stempeln wir immer noch Menschen wegen ihres Aussehens, ihrer Herkunft, ihrer Religion und ihrer Orientierung ab. „Man setzt sich nicht mit der eigenen Position innerhalb der Gesellschaft auseinander, weil man das nicht muss – weil man einfach Teil dieser konstruierten Normalität ist.“ Die Ausstellung will das bewusst machen und mahnen, achtsamer zu werden – und damit Verantwortung zu übernehmen für das, „was unter unseren Augen geschieht“. Das Zitat eines Holocaust-Überlebenden bringt es auf den Punkt. „Es kann alles wieder passieren, denn gewöhnliche Menschen können, wenn sie sich von einem bösen Genie leiten lassen, zu den schlimmsten Verbrechen fähig sein, die man sich vorstellen kann“, sagt Richard Sonnenfeldt.

Petra Diek-Münchow
Zur Sache

Die Ausstellung „Als Jüd:innen markiert und verfolgt“ ist bis 10. Mai in der Gedenkstätte Esterwegen zu sehen. Der Eintritt ist frei. Die Sonderausstellung kann kostenfrei bei der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt ausgeliehen werden. E-Mail: info-lichtenburg@erinnern.org