Für ein bisschen mehr Menschlichkeit

Jubiläum der Wohnungslosenhilfe Osnabrück

Image
Jubiläum Wohnungslosenhilfe
Nachweis

Foto: Astrid Fleute

Caption

Freuen sich über viele neue Projekte und eine Festveranstaltung im Jubiläumsjahr: (v.l.) Thomas Kater, Heidrun Martinez, Hannes Nieland und Heinz Hermann Flint.

Ihre Hilfe ist wichtiger denn je: Ein großes Jubiläumsfest feiert die Wohnungslosenhilfe des Sozialdienstes Katholischer Männer (SKM) am Samstag, 6. September, ab 12 Uhr auf dem Domvorplatz in Osnabrück. Mit Grußworten, Infostand, Essensständen und einem bunten Programm stellen sie ihre Angebote und neue Projekte vor.

„Alles zusammen blicken wir auf 150 Jahre Wohnungslosenhilfe in Osnabrück“, sagt Heinz Hermann Flint nicht ohne Stolz. Augenzwinkernd fügt der Fachbereichsleiter Soziale Dienste hinzu: „Wenn man alles zusammenrechnet.“ Denn genau genommen sind es vier Einzeljubiläen, die die Hilfe für wohnungslose Menschen des Sozialdienstes Katholischer Männer (SKM) im September feiert: 45 Jahre Wohnheim Laurentiushaus, 40 Jahre Fachberatungsstelle, 35 Jahre Tageswohnung und 30 Jahre Straßenzeitung „Abseits“. 

Der Blick auf aktuelle Zahlen zeigt: Diese Hilfe für Wohnungslose ist notwendiger denn je. „Wohnungslosigkeit war schon 1980, als wir starteten, ein großes Problem – und es wird nicht kleiner“, erklärt SKM-Geschäftsführer Hannes Nieland mit Blick auf die Anfänge. Alle drei Fachbereiche des SKM wachsen seitdem stetig. Drei neue Projekte sind in der konkreten Planung: der Aufbau eines kostenlosen ambulanten medizinischen Dienstes, die Suche nach einer Immobilie für die Einrichtung einer Tageswohnung nur für Frauen und der geplante Neubau am Laurentiushaus mit Unterkünften für ältere Wohnungslose, die bereits auf Pflege angewiesen sind. Mit Blick auf viele kompetente, tatkräftige haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und genehmigte Gelder betont Nieland: „Wir haben Lust, etwas zu bewegen“.

Laurentiushaus als Meilenstein

Als Haus für „ein bisschen mehr Menschlichkeit“ eröffnete der damalige niedersächsische Sozialminister Hermann Schnipkoweit 1980 das Laurentiushaus. Es war ein Meilenstein in der Osnabrücker Wohnungslosenhilfe, eine Modelleinrichtung für Männer mit zentraler Beratungsstelle und Übernachtungsmöglichkeit für durchreisende Nichtsesshafte sowie Wohnraum „zur Resozialisierung Integrationswilliger“. Offen war damals, ob die Betroffenen das Angebot wohl annehmen würden. 

Diese Sorge war unbegründet. Nach 45 Jahren wird das Laurentiushaus heute immer noch stark frequentiert. Es bietet Übernachtungsmöglichkeiten sowie 42 feste Plätze für Männer und Frauen, die dort wohnen. „Die Verweildauer ist von drei Monaten bis drei Jahren“, erklärt Leiterin Heidrun Martinez. Während dieser Zeit können die Bewohner an ihren sozialen Problemen und ihrer Stabilität arbeiten, sie werden beraten und begleitet. Im besten Fall können sie irgendwann in eine eigene Wohnung oder eine andere Einrichtung ziehen. Es gibt einen Gemeinschaftsbereich mit Cafeteria, Mahlzeiten, Begegnung und Angeboten gegen die Einsamkeit und die Isolation. Was sich in den Jahren verändert hat? „Die Leute sind jünger geworden“, sagt Martinez. „Früher waren es alleinstehende, umherziehende Männer. Heute kommen viel mehr junge Erwachsene mit psychischen Problemen oder Depressionen zu uns.“

Zu teurer und zu knapper Wohnraum, soziale und psychische Probleme, Schicksalsschläge, Drogen und Alkohol - die Gründe, weshalb Menschen auf der Straße landen, sind vielfältig. Neben dem Laurentiushaus bietet ihnen auch die Fachberatung des SKM Hilfe und Unterstützung. „Auch wir sind groß gewachsen“, sagt Leiter Heinz Hermann Flint. Mit seinen mittlerweile elf Mitarbeitern betreut er derzeit 140 Menschen, begleitet sie zu Ämtern, Ärzten oder zum Einkaufen oder sucht sie an ihren Übernachtungsplätzen auf. „Gerade steigt die Zahl der Obdachlosen in Osnabrück wieder an“, sagt er und wird nicht müde, mit seinem Team zu helfen und nach passendem Wohnraum zu suchen. Aber die Situation ist oft ausweglos: „Sogar Menschen aus der Mitte der Gesellschaft sprechen uns mittlerweile an, weil sie keine bezahlbare Wohnung finden. Da hat unser Klientel oft die wenigsten Chancen.“

Immobilie für Tageswohnung für Frauen dringend gesucht

Eine weitere Anlaufstation für Wohnungslose ist seit 35 Jahren die Tageswohnung an der Bramscher Straße. Sie bietet tagsüber einen geschützten Aufenthalt mit Beratung, Mahlzeiten, medizinische Hilfen und sanitäre Einrichtungen. 1995 wurde hier auch die Straßenzeitung „Abseits“ gegründet, die in den Räumen der Tageswohnung produziert und von Wohnungslosen auf der Straße verkauft wird.  „Dabei geht es auch darum, soziale Themen in die Gesellschaft zu bringen“, sagt Leiter Thomas Kater. Auch er merkt: „Der Ton wird rauer hier.“ Gerade für Frauen würde er sich gern einen eigenen Rückzugsort wünschen. So plant der SKM, eine eigene Tageswohnung für Frauen einzurichten. Kater fürchtet, dass es sehr viel mehr weibliche Betroffene gibt als derzeit sichtbar ist, sie sich aber lieber in Abhängigkeit von Männern begeben, anstatt auf der Straße zu leben. „Manche trauen sich nicht in eine gemischte Einrichtung“, befürchtet Kater und hofft, das neue Angebot bald umsetzen zu können.

Fördergelder für das Projekt sind bereits genehmigt. Die Suche nach einer geeigneten Immobilie gestaltet sich jedoch als schwierig. „Viele Vermieter fürchten Gerede und Protest in der Nachbarschaft“, erzählen die Sozialarbeiter und machen damit ähnliche Erfahrungen wie ihre Vorgänger beim Bau des Laurentiushauses. „Wer helfen will, wird angeschossen“, erklärte damals der Caritasdirektor. Die Beteiligten der SKM-Wohnungslosenhilfe hoffen, dass diese Zeiten heute vorbei sind und sie doch noch zeitnah fündig werden – für ein bisschen mehr Menschlichkeit.

Astrid Fleute

Die Wohnungslosenhilfe ist erreichbar über Fachbereichsleiter Heinz Hermann Flint, Bramscher Str. 11, 49088 Osnabrück,Tel. 0541/330 35 21, E-Mail: h.flint@soziale-dienste-skm.de