Zwischen den Jahren

Gelassener Abschied

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Rotes Backsteingebäude (Kloster)
Nachweis

Foto: Marco Heinen

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Die Bausubstanz des Klosters der Elisabethschwestern in Reinbek ist ziemlich desolat. Eine Sanierung des über 100 Jahre alten Gemäuers ist sehr unwahrscheinlich.

Nach über 140 Jahren in Reinbek ist der Konvent der Schwestern von der heiligen Elisabeth Geschichte. Am 4. Januar gibt es einen Gottesdienst mit Erzbischof Stefan Heße.

Am 4. Januar geht ein Stück Ordensgeschichte im Erzbistum Hamburg zu Ende. In einem öffentlichen Gottesdienst um 10 Uhr in der Klosterkapelle wird Erzbischof Stefan Heße dann das offizielle Ende des Reinbeker Konvents der „Katholischen Wohltätigkeitsanstalt zur heiligen Elisabeth“ besiegeln. Einige der noch elf Ordensschwestern im Alter zwischen 60 und 88 Jahren werden vorerst weiter im Kloster neben dem Krankenhaus Reinbek wohnen. Aber sie tun es nur solange, bis für sie ein Platz im Altenheim St. Elisabeth, das sich ebenfalls auf dem Krankenhausgelände befindet, frei wird. Dort leben derzeit etwa 40 Schwestern; viele von ihnen kommen aus anderen Ordenshäusern.

Schwester Lydia und Schwester Myrta (re.) an der Stelle, wo Steine aus der Wand fielen. Foto: Marco Heinen

Erst kürzlich zog der Jesuitenpater Karl Heinz Fischer in die Seniorenkommunität seines Ordens in Berlin. Er war seit sieben Jahren Hausgeistlicher in Reinbek. Er kam, als er selbst schon aufs Altenteil hätte wechseln können und im Kloster niemand mehr Hoffnung hatte, dass sich überhaupt noch einmal ein Priester gewinnen ließe. Doch die Gebete der Schwestern wurden erhört.

Das Backsteingebäude in der Maria-Merkert-Straße, das zeitweise als Mutterhaus und in den vergangenen Jahrzehnten als Provinzhaus diente, wird früher oder später abgerissen. Zu desolat ist die Bausubstanz des über 100 Jahre alten Gemäuers, für dessen Sanierung sowohl das Geld fehlt als auch jede Perspektive für den Fortbestand.

Beim Gang zur Kapelle weist Schwester Myrta auf eine abgeklebte Stelle im Gemäuer: „Da sind einfach Steine rausgefallen, keiner weiß warum“, sagt sie. Vor ihrem eigenen Zimmer zeigen sich an einem Versorgungsschacht an der Decke dunkle Flecken. Eine Wasserleitung hat dort vor einiger Zeit ihren Geist aufgegeben. Die Fahrstühle sind altersschwach und brauchen viel Einfühlungsvermögen. Ein Stoßgebet bei jeder Fahrt schadet nicht.

Schwester Myrta, die im Auftrag von Hausoberin Schwester Chiara durch das Haus und die Geschichte des Klosters führt, ist wegen des Wasserschadens vor drei Monaten ins Altenheim gezogen, wo zufällig gerade die Renovierung eines Zimmer beendet wurde. Das Ende des Konvents sieht sie gelassen, um den Orden insgesamt macht sie sich wenig Sorgen: „Ich denke, wir alle fühlen uns getragen und geborgen.“

Die Ordensgemeinschaft entwickelte sich ab 1842 im schlesischen Neiße, wo Maria Merkert 1864 die Katholische Wohltätigkeitsanstalt zur heiligen Elisabeth gründete. 1871 erhielt der Orden die Approbation als Kongregation päpstlichen Rechts. Der Sitz des Generalats ist in Rom. Elisabeth-Schwestern gibt es weltweit noch in 18 Ländern, in Skandinavien, in Mittel- und Osteuropa, in Afrika, in Südamerika und im Heiligen Land. Dort gibt es teils deutlich jüngere Schwestern. Aber in Deutschland fehlt es an Nachwuchs. Berlin, Dresden, Magdeburg – es sind keine Standorte mit Zukunft.

„Wir haben keine große Trauer oder Jammer, überhaupt nicht. Wir können nicht mehr schwer arbeiten und auch nicht schön singen; man kann es nicht ändern“, sagt Schwester Myrta. „Aber wir sind alle froh, dass wir keine wichtigen Arbeiten unerledigt zurücklassen und dass das Altenheim gleich nebenan ist.“ Denn das biete sogar Vorzüge, nicht nur weil es für alles angestelltes Personal gibt. So sei ihr Zimmer schöner und weniger verwinkelt und – nicht ganz unwichtig: „Wir haben eine brasilianische Köchin, die kocht einen Traum von einem Essen“, sagt Schwester Myrta.

Foto: Marco Heinen

Angefangen hatte in Reinbek alles in einem kleinen Fachwerkhaus, von dem noch ein Aquarell im Flur zeugt. Konsul Adolf Schramm erwarb es 1883 samt Grundstück und stellte es auf Wunsch seiner spanischen Ehefrau Emilia den „Grauen Schwestern von der heiligen Elisabeth“ als Erholungsheim zur Verfügung. Sie gründeten schon ein Jahr später ein Siechenhaus mit 14 Plätzen für Kranke, mit einer Kapelle und Zimmern für Schwestern. Es war die Geburtsstunde des Krankenhauses Reinbek. Der Konvent selbst erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg eine große Blüte, als zeitweise bis zu 200 Schwestern dort lebten.

Die Einrichtungsgegenstände des Klosters werden größtenteils an Mitschwestern in Polen gehen. Fest steht: Auch wenn den Schwestern der Abschied nicht gar so schwer fällt – wer sie und ihr wohltätiges Arbeiten und Wirken über die Jahrzehnte kennt, wird mit Wehmut Adieu sagen. Schwester Myrta: „Wir haben ein Leben einfach und in Gehorsam geführt, wir haben uns über die Jahrzehnte mancherlei Aufgaben gestellt – nun bin ich froh, dass ich in den Ruhestand gehen kann.“

Marco Heinen