Begegnet
Pilgern tut einfach gut
Foto: Katja Plümäkers
Für Gabriela Mußbach ist das Pilgerzentrum ein Raum für Begegnung, Glauben und Gemeinschaft.
„Beim Pilgern zählt nicht, wer du bist und woher du kommst. Wir sind allein oder gemeinsam auf dem Weg und es zählt nur der Weg, was er mit uns macht und wie er uns mit der Schöpfung verbindet“, beschreibt Gabriela Mußbach ihre Sicht auf das Pilgern. Vor 15 Jahren hat sie die Pilgeraktion „Schweigend um die Alster“ initiiert. Damals war die heute 69-Jährige noch berufstätig. Über 40 Jahre lang hat Gabriela Mußbach bei der Evangelischen Kirche im NDR gearbeitet und in diesem Bereich die unterschiedlichsten Aufgaben übernommen. „Ich habe meine Arbeit geliebt. In unseren Kirchensendungen ging es mir immer darum, was wir den Menschen mitgeben können, was ihnen hilft und was sie stärkt“, erzählt sie. Das Pilgern hat für sie eine ähnliche Bedeutung und ist für sie nicht nur ein religiöses Erlebnis, sondern steht auch für Werte wie Nächstenliebe, Frieden, Bewahrung der Schöpfung, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz.
Auch beim Pilgerangebot „Schweigend um die Alster“ standen diese Gedanken für sie im Mittelpunkt: „Und ich habe mich damals gefragt, was mir nach einer anstrengenden Arbeitswoche guttun könnte. Ich war freitags oft ziemlich platt, aber ich habe mir gedacht: Bewegung gemeinsam mit anderen Menschen und einmal nicht Rede und Antwort stehen zu müssen, das wäre schön“, sagt sie über ihre Beweggründe für das Pilgerangebot, das seit 2011 an jedem zweiten Freitag im Monat um 18 Uhr am Pilgerwegweiser vor St. Jakobi startet. Nach einem Impuls und einem Gebet an der Lombardsbrücke geht die Gruppe schweigend einmal um die Alster. „Schweigeangebote waren vor 15 Jahren noch gar nicht populär und wir wurden teilweise irritiert beäugt“, sagt Gabriela Mußbach. Eine Gruppe, die wandert und dabei kein Wort redet, fällt auf. Vor allem junge Leute wundern sich und fragen, was sie da eigentlich machen. „Ich antworte, dass wir schweigend um die Alster gehen – für den Frieden in uns und in der Welt. Das beeindruckt viele der Fragenden“, ist sie sich sicher. Eine Gemeinschaft ohne Worte und trotzdem mit einer tiefen Verbindung, so erlebt Gabriela Mußbach die Pilgernden. Und auch sie selbst fühlt sich nach dem gut zweistündigen Pilgerweg zwar ein bisschen erschöpft, aber auch entspannt und leer im guten Sinne, befreit und gestärkt.
Eine Gemeinschaft ohne Worte.
„Ich bin ein Bewegungsmensch. Ich bin gern aktiv und möchte etwas tun. Nur zu reden, das liegt mir nicht so“, beschreibt sich Gabriela Mußbach selbst und man sieht ihr an, dass sie eigentlich am liebsten gleich loslegen würde. Vielleicht eine der Kisten auspacken, die am Wochenende zuvor für die Pilgermesse gebraucht wurden und die sich nun vor ihr im Büro im „Pilgerzentrum im Norden“ stapeln.
Im Pilgerzentrum in der Hauptkirche St. Jacobi in der Hamburger Innenstadt findet auch die Pilgerberatung statt, die das ehrenamtliche Pilgerteam immer dienstags und donnerstags nachmittags anbietet. Dort heißt die Frau mit den leuchtend roten Haaren nur Gabriela, denn Pilger duzen sich. Alle Menschen sind willkommen, niemand muss sich erklären. Doch wenn die Menschen erzählen wollen, dann sprechen sie von den Gründen, die sie zum Pilgern geführt haben: Oft sind es Umbruchsituationen wie der Beginn des Studiums oder der Ruhestand, manchmal auch eine überstandene Krankheit oder der Tod einer vertrauten Person. „Die Beweggründe sind ganz unterschiedlich, aber alle Menschen kommen mit einer großen Neugierde. Egal ob sie evangelisch, katholisch oder gar nicht religiös sind, pilgern bringt die Menschen näher zusammen und näher zu sich selbst“, hat Gabriela Mußbach erfahren. Das Pilgerzentrum ist für sie ein Raum für Begegnung ohne Schubladen, für Glauben ohne Vorbedingung, für Gemeinschaft ohne Abgrenzung. „Im Team sind alle willkommen, die Lust haben, sich einzulassen, sich gemeinsam auf die Suche zu machen: weit offen, nicht grenzenlos, aber einladend“, sagt sie.
Auch sie selbst macht diese bereichernde Erfahrung immer wieder, auch wenn es hier und da Herausforderungen gibt. Ihre Pilgerleidenschaft begann mit dem zweiwöchigen ökumenischen Pilgerweg „Auf und Werde“ durch Schleswig-Holstein, an dem sie viele Jahre teilnahm. Die Pilgergruppe lief täglich zwischen 20 und 30 Kilometer, schlief in evangelischen und katholischen Kirchengemeinden auf dem Boden. Morgens gab es ein reichhaltiges Frühstück, abends häufig Tomatensuppe. „Die Dankbarkeit für die kleinen und einfachen Dinge habe ich durch das Pilgern für mich entdeckt. Das hat mir ein neues Selbstbewusstsein gegeben. Doch ich musste mir eingestehen, dass ich sehr schlecht in Gruppen schlafen kann, so dass ich den Ökumenischen Pilgerweg die weiteren Jahre nur eine Woche mitpilgerte“, erzählt Gabriela Mußbach.
Weit offen, nicht grenzenlos, aber einladend.
Doch davon ließ sie sich nicht entmutigen. Als der damalige Pilgerpastor Bernd Lohse sie 2007 ansprach, zur Kerngruppe des Pilgerzentrums dazuzustoßen, war sie sofort begeistert dabei. Seitdem ist das Pilgern aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken. Sie plant und begleitet Tages- und Wochenwege, ist im Liturgieteam der monatlichen Pilgervesper und ist Sprecherin des Teams von etwa 40 Ehrenamtlichen des Pilgerzentrums im Norden.
Daneben ist die Mutter eines erwachsenen Sohnes auch Lektorin in St. Jacobi, hat im Ruhestand eine Seelsorgeausbildung absolviert und war in der Zeit in einem Altenheim ehrenamtlich tätig. Und wenn neben all dem ehrenamtlichen Engagement noch Zeit bleibt, beschäftigt sie sich ganz neu mit Kunstgeschichte, hört Hörbücher, macht regelmäßig Spinning und liebt gutes Essen. „Tomatensuppe kann ich allerdings nicht mehr genießen“, sagt sie in Erinnerung an das damalige Pilgerabendessen, „mittlerweile haben wir auf den Pilgertouren aber mehr Vielfalt, sowohl beim Essen als auch bei den Unterkünften“.
Gabriela Mußbach freut sich, dass das Pilgern heute so viele Menschen begeistert. Pilgerwege wie der Jakobsweg rund um Santiago de Compostela sind zu manchen Zeiten regelrecht überfüllt. „Doch auch hier im Norden haben wir so viele wunderschöne Pilgerwege wie zum Beispiel die Via Baltica, die Via Scandinavica und die Via Jutlandica“ sagt sie und schließt mit einer Einladung an alle Interessierten: „Jeder, der sich fürs Pilgern interessiert, ist herzlich eingeladen vorbeizukommen, sich einen Pilgerpass zu besorgen oder die Veranstaltungen in unserem Pilgerzentrum zu besuchen.“
Zur Sache
Pilgerbüro-Sprechzeiten finden zurzeit im Südschiff der Hauptkirche St. Jacobi statt, Jacobikirchhof 22, Zeiten: Dienstag, 15 bis 17 Uhr und Donnerstag, 14 bis 16 Uhr, Aktuelle Angebote und Veranstaltungen finden sich auf der Webseite: www.pilger-im-norden.de