Gefängnisseelsorger erinnern an früheres KZ

Geschichte in jedem Stück Teerpappe

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Zwei Männer stehen vor einer Holzbaracke
Nachweis

Foto: Petra Diek-Münchow

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Die ehemalige Lagerbaracke verfällt, hier muss bald was passieren – finden Heinz-Bernd Wolters (l.) und Ulrich Schönrock.

In der Justizvollzugsanstalt Meppen steht eine halb verfallene Baracke – das letzte erhaltene Gebäude des ehemaligen Konzentrationslagers Versen. Zwei Gefängnisseelsorger wünschen sich dort einen Gedenkort.

Heinz-Bernd Wolters bleibt stehen und schüttelt den Kopf. „Hier ist leider in letzter Zeit nichts passiert“, sagt der katholische Gefängnisseelsorger. „Das verfällt vor sich hin.“ Es geht um eine Baracke in der Justizvollzugsanstalt Meppen. An vielen Stellen löst sich die Teerpappe an der Fassade, Rahmen und Fenster sehen morsch aus – ins Innere möchten Wolters und sein evangelischer Kollege Ulrich Schönrock aus Sicherheitsgründen heute keinen Besucher hineinlassen. „Irgendwann fällt das einfach zusammen“, sagt Schönrock und klingt dabei richtig ärgerlich.

Schon seit einiger Zeit kämpfen die zwei Seelsorger dafür, dass die Baracke restauriert und zu einem Gedenkort umgestaltet wird. Denn dort, wo heute die JVA im Ortsteil Versen steht, haben die Nazis eins der 15 Emslandlager betrieben – sind tausende Menschen gedemütigt, gequält, getötet worden. „Die Baracke ist das letzte erhaltene Tätergebäude hier“, sagt Wolters und will die Erinnerung daran wachhalten: als stetige Mahnung und Warnung. Erst kürzlich waren Angehörige eines dänischen Opfers zu Besuch. Ihnen den Ort zu zeigen, wo der Bruder so sehr gelitten hat und mit ihnen darüber zu reden – „das ging mir echt nahe und hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, das hier zu erhalten“.

„Echte Bildungsarbeit“

Wolters und Schönrock denken an eine Ausstellung über die Geschichte des Lagers in der ehemaligen Dienstbaracke, an ein kleines Besucherzentrum für Vorträge und Treffen, an Räume für Seelsorge, Sozialarbeit und Schulungen für Gäste, Jugendliche und auch die Insassen der JVA. „Hier lässt sich an jedem Balken und jedem Stück Teerpappe Geschichte ablesen“, bekräftigt Schönrock. „Hier könnte man echte Bildungsarbeit machen.“ Solche Lernorte werden nach beider Ansicht künftig wichtig, „bald haben wir keine Zeitzeugen mehr“.

Ein Konzept für einen Gedenkort liegt längst auf dem Tisch. Es gab Gespräche, Vor-Ort-Termine, Briefwechsel, Telefonate, Mailverkehr. „Aber es passiert nichts“, sagt Wolters. „Wir tragen was zusammen, geben es weiter und dann wird nur abgelehnt, gelocht und abgeheftet“, sagt er in Richtung Hannover. Denn seiner Ansicht nach kommt das Land Niedersachsen seiner Verantwortung nicht nach, das unter Denkmalschutz stehende Gebäude zumindest zu sichern und zu sanieren. Stattdessen werden nach Worten von Schönrock die Kosten „politisch hochgerechnet“. „Gestartet sind wir mal bei drei Millionen Euro. Mittlerweile sind wir bei 4,8 Millionen. Und dann heißt es: Das ist in diesen Zeiten nicht vermittelbar.“

Der evangelische Gefängnisseelsorger nimmt kein Blatt vor den Mund und schlägt in puncto Sanierung forsch etwas anderes vor. „Wir reden hier über Balken, Nägel und Dachpappe. Gebt uns eine Million Euro und wir machen das Ding fertig.“ Er kann sich gut vorstellen, Auszubildende verschiedener Gewerke oder auch JVA-Insassen in die Arbeiten einzubinden. „Da gibt es so viele Fähigkeiten“, sagt er und verweist auf den Garten der Begegnung auf dem Gelände der JVA, der aus eigenen Kräften gestaltet worden ist und von Gästen stets bewundert wird. „Die Alternative wäre, dass die Baracke verfällt, und das will der Denkmalschutz auch nicht.“

„Wir bleiben dran“

Um den Prozess weiter voranzutreiben, wollen die zwei Seelsorger einen gemeinnützigen Förderverein gründen. Und stoßen da ebenfalls auf Hindernisse, dieses Mal nach ihren Worten beim Finanzamt. Locker lassen wollen sie nicht. Heinz-Bernd Wolters fühlt sich erst recht herausgefordert, und für Ulrich Schönrock sind die bisherigen Ablehnungen eher Ansporn denn Grund aufzugeben. „Wir bleiben dran.“

Wer im För­derverein mitarbeiten möchte, kann sich per E-Mail melden: Heinz-Bernhard.Wolters@justiz.nie­dersachsen.de

Petra Diek-Münchow

Die „Hölle im Moor“: So nannten die Häftlinge die 15 Konzentrations-, Straf- und Kriegsgefan­genenlager der Nazis zwischen Börgermoor im Emsland und Alexisdorf in der Grafschaft Bentheim.  Das Lager IX Versen ist 1938 als Strafgefan­genenlager fertiggestellt und im Mai 1939 zum ersten Mal belegt worden. Bis Kriegsbeginn waren hier unter anderem Menschen inhaftiert, die vom NS-Regime aus politischen, rassisti­schen, sozialen oder religiösen Gründen verfolgt wurden. Nach Kriegsbeginn im September 1939 übernahm das Oberkommando der Wehrmacht das Lager als Kriegsgefangenen-Mannschafts­stammlager. Ab November 1944 übernahm die SS das La­ger Versen als Außenlager des KZ Neuengamme.