Diakonatskurs für angehende Priester zukünftig an der Elbe
Hamburg steigt auf
Die Priesterausbildung in Deutschland soll anders werden. Weil es kaum noch Anwärter gibt, stehen viele traditionsreiche Studienorte und Seminare vor dem Aus. Gewinner ist Hamburg – als zentraler Ausbildungsort für 18 Bistümer.

Einst war das Priesterseminar der Stolz einer Diözese. In Münster, Freiburg, Köln oder Paderborn zeugen davon prächtige große Bauten in Domnähe, in denen einst hundert oder mehr Theologiestudenten wohnten, studierten und sich gemeinsam auf das priesterliche Leben vorbereiteten. Die Zahl der klassischen Priesterseminaristen ist mittlerweile stark zurückgegangen. 2020 wurden in ganz Deutschland nur 56 Priester geweiht, 1962 waren es zehnmal so viel. Die großen Seminarbauten werden heute oft als Bildungs- oder Gästehäuser genutzt – oder, wie in Münster, als Wohnheim und Stützpunkt für Berufungen jeder Art. Künftige Ärztinnen, Lehrer oder Juristen können im Münsteraner „Collegium Borromaeum“ wohnen. Neue Ideen sind gefragt, nicht nur für die Nutzung von Häusern.
„Zur Zeit gibt es in ganz Deutschland eine große Diskussion über die Seminarausbildung“, sagt Dr. Jürgen Wätjer, Regens des Priesterseminars im Erzbistum Hamburg. „In dieser Diskussion geht es nicht nur um die zurückgehenden Zahlen. Nach der MHG-Studie zum Missbrauch war deutlich, dass man bei der Ausbildung schon ansetzen muss. Es ist wichtig, dass wir die Kandidaten gut kennen, eventuell auch Gefährdungen erkennen. Und auch erkennen, dass die Kandidaten selbst von Missbrauch betroffen sind – denn auch das kommt gelegentlich vor.“
Die Tendenz ist: Mehr Individualität, mehr Flexiblität, mehr Möglichkeiten für ungewöhnliche Lebenswege, und mehr Vernetzung mit anderen pastoralen Ausbildungsgängen. Das heißt: Die Anwärter für verschiedene Seelsorgeberufe (Priester, Pastoral- und Gemeindereferenten) sollen Studium und Fachausbildung möglichst gemeinsam machen. Diskutiert wird auch, ob Theologiestudenten nah an der künftigen Praxis in einem Pfarrhaus wohnen könnten - und nicht im „Kasten“, wie das Priesterseminar unter Insidern auch genannt wird.
Über eine weitere Reform sind sich die Bistümer zumindest im Grundsatz einig: Das Studium und die Fachausbildung sollen an zentralen Orten in Deutschland konzentriert werden. Bisher gab es an vielen kleineren Universitäten eine katholisch-theologische Fakultät, die vor allem der Priesterausbildung diente, so etwa in Bamberg oder Augsburg. Demnächst sollen künftige Priester nur an wenigen großen Fakultäten studieren. „Münster, München und Mainz sind gesetzt. Wir Regenten sind aber der Meinung, dass auch eine kirchliche Hochschule dabei sein sollte – nämlich die Jesuitenhochschule in Frankfurt St. Georgen“, sagt Jürgen Wätjer. In St. Georgen studieren auch die Priesterkandidaten des Erzbistums Hamburg. „Wir stehen zu St. Georgen und hätten gern, dass sich andere Diözesen – so wie Hamburg – an der Trägerschaft beteiligen.“ Die Frankfurter Jesuitenhochschule wird ihr Angebot ausweiten und demnächst nicht nur für Priester und Pastoralreferenten offen sein, sondern auch einen Studiengang für Gemeindereferenten anbieten.
Ausgefochten ist der Kampf um die Hochschulen noch nicht. Denn die „Kleinen“ wollen ihre traditionsreichen Orte nicht aufgeben. „Diese Diskussionen laufen schon sehr lange“, sagt Jürgen Wätjer, „aber die Zahlen gehen jetzt so rapide herunter, dass gehandelt werden muss.“
Lichtblick am Horizont: Es gibt Interessierte
Auch die weitere Ausbildung nach dem theologischen Studienabschluss steht vor einer Neuordnung und Konzentration. Künftig sollen alle Weihekandidaten aus der Nordhälfte Deutschlands nur an zwei Seminarorten auf die Weihen vorbereitet werden. Der Presbyteratskurs (vor der Priesterweihe) wird in Paderborn sein. Für den Diakonatskurs (vor der Diakonweihe) wurde ein Ort auserwählt, der gar nicht zu den stolzesten Hochburgen des Katholizismus gehört: Hamburg. Ab dem Weißen Sonntag 2022 werden 14 Bistümer ihre angehenden Diakone an die Elbe schicken. Wie es dazu kam? „Hamburg war bei den Überlegungen ziemlich schnell gesetzt“, berichtet Jürgen Wätjer. „Für uns sprach: Hamburg ist eine Großstadt, hat eine säkularisierte Umgebung – und es hat sich herumgesprochen, dass wir eine gute Diakonatsausbildung machen.“ Schon seit vielen Jahren sind die angehenden Priester aus den Bistümern Limburg, Aachen, Hildesheim und Osnabrück vor der Diakonweihe zu Gast im Hamburger Priesterseminar. Da aber selbst einige großen Bistümer wie Münster keinen einzigen aktuellen Weihekandidaten mehr haben, werden in diesem Jahr neun Männer aus fünf Bistümer an dem vierwöchigen Kurs teilnehmen.
Es wird auch niemand aus dem Erzbistum Hamburg dabei sein. Seit gut einem Jahr steht die Zahl der Priesteramtskandidaten bei null. Regens Wätjer lässt sich dadurch nicht entmutigen. „Es gibt im Moment auch wieder Lichtblicke. Ich stehe mit zwölf Männern in Kontakt, die zumindest als Interessenten gelten können.“ Wenn Corona es zulässt, soll es auch wieder Begegnungsangebote geben. Zwei jüngere Priester, Pfarrer Heiko Kiehn und Pastor Ferdinand Moskopf (beide in der Pfarrei Heiliger Martin im Südwesten Schleswig-Holsteins tätig) wollen am Priesterberuf Interessierte miteinander vernetzen und drei bis viermal im Jahr zu Austausch-Treffen einladen. Und auch die Theologentage „In Between“, zu denen sich einmal im Jahr Theologiestudenten und Menschen in der Pastoralen Ausbildung in Hamburg treffen, sind offen für alle, die sich für einen geistlichen Beruf interessieren.
Regens Dr. Jürgen Wätjer, Kontakt bitte per E-Mail an: waetjer@erzbistum-hamburg.de oder unter Tel. 040 / 28 00 81 87.
Text: Andreas Hüser