Vom Theologiestudenten zum Betriebselektroniker – und tief in der Kirche verwurzelt

Mit 27 im Katholikenrat: Wie Johannes Poll die Kirche von innen verändern will

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Ein junger Mann lächelt freundlich und hat einen Ordner auf dem Schoß.
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Foto: Anton Kensbock

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Vorbereitung ist die halbe Miete. Das gilt auch im Katholikenrat.

Johannes Poll ist katholisch, in der Kirche aktiv, und vor allem eines: jung. Was treibt den 27 Jahre alten Emsländer an, sich bis in den Katholikenrat, das höchste Laiengremium im Bistum Osnabrück, wählen zu lassen?

An diese Geschichte denkt Johannes Poll noch heute. Zusammen mit seiner Schwester nimmt er bei der Goldenen Hochzeit der Großeltern schwungvoll das Altartuch ab. Beide begutachten neugierig die Oberfläche des Altars, in den fünf Weihekreuze eingelassen sind. Sie symbolisieren die Wundmale Jesu. „Erstes Kreuz!“, ruft die Schwester, dann prüft sie auch die anderen Kreuze. „Passt, der Altar ist geweiht!“, ruft sie ihrer Mutter zu. Die Geschwister sind fortan auf Kirchenentdeckungsreise: Sie schauen sie sich jede Sakristei an, die sie finden können. Poll erinnert sich auch an einen anderen Moment: Als er mit seiner Mutter wieder einmal zum Gottesdienst geht, sieht er die Messdiener am Altar. „Da oben will ich auch mal stehen“, sagt er damals.

JOhannes Poll lächelt freundlich in die Kamera.

Im Wohnzimmer seines Elternhauses im emsländischen Haselünne duftet es nach frisch gebackenem Brot. Eine Osterkerze steht auf dem Küchentisch, genauso wie drei parallel aufgestellte Schoko-Osterhasen. An den Wänden hängen Hochzeitsbilder, einige in Farbe, andere in Schwarz-weiß. Über der Eingangstür überlappen sich die Segensaufkleber der Sternsinger. Zum Kirchgang genötigt hat Johannes Poll niemand. In einer lustlosen Phase vor der Erstkommunion fragt ein Pastor, ob der Junge nicht öfter zur Sonntagsmesse kommen könne. Die Mutter antwortet: „Wenn ich den jedes Mal dahinjage, obwohl er keinen Bock hat, dann brauchen wir gar nicht weiterzureden.“

Heute ist Johannes Poll 27 Jahre alt und sitzt in mehr kirchlichen Gremien, als man an einer Hand abzählen kann. In den sozialen Medien findet man ihn dagegen nicht. In der Presse auch nicht. „Dass man im Internet wenig über mich erfährt“, sagt er, „zeigt eigentlich, dass es recht gut funktioniert hat.“ Er meidet die Öffentlichkeit und ist dennoch engagiert.

„Begeisterter Messdiener“ ist er geworden, hat Ausflüge organisiert, sich zum Gruppenleiter ausbilden lassen. Als ihn der Pastor fragt, ob er für den Pfarrgemeinderat kandidieren wolle, ist er nicht abgeneigt. Ende 2018, mit 19 Jahren, wird er zum jüngsten Mitglied gewählt. „Der nächstältere war Mitte 30“, sagt er. Seine Aufgabe im Gremium stellt er sich selbst: die Jugend zu vertreten. Der weitere Gremienweg verläuft schnell: „Manchmal ist es mit diesen Pöstchen so: Wenn man nicht ‚Nein‘ sagt und nur ein bisschen Interesse bekundet, wird man in diesen Kreisen gerne schnell hochgewählt.“ Als dann auf Dekanatsebene zwei Mitglieder für den Katholikenrat gesucht werden, denkt er kurz: „Boah, hab ich dafür Zeit?“ – und lässt sich wählen. Auch im Landeskatholikenausschuss Niedersachsen, ein Vernetzungsgremium aus den Laien des Bistum Hildesheim und dem Offizialat Vechta, ist er Mitglied – eine höhere Ebene sei das aber nicht unbedingt, sagt er selbst. Eher ein Gremium zum Knüpfen von Kontakten.

Ursprünglich will er Pastoralreferent werden und studiert dafür Theologie in Münster. Er will damals seine Gemeinde „von innen heraus ändern“ und bringt Verbesserungsvorschläge ein. Das bekannte kirchliche Umfeld spricht ihn auch an. „Wir haben Hoffnung in dich“ sagt ihm der Pastoralreferent seiner Gemeinde zu Beginn des Studiums. Corona macht das Studium „eintöniger und schwieriger“. Nach sechs Semestern bricht er ab, orientiert sich neu und schließt im Februar 2026 seine Ausbildung zum Betriebselektroniker ab. „Ich bin ziemlich froh mit dem Weg des Ehrenamts“, sagt er und möchte mit der Gremienarbeit weitermachen.

Ob die ehrenamtliche Arbeit trocken ist? Schon, das gibt auch Poll zu. Zwei bis drei Stunden Diskussion sind kräftezehrend. Aber man könne „halt nichts bewegen oder seine Stimme in der Kirche großartig äußern, wenn man nicht in Gremien arbeitet“. Sieht er die Wirkung vor Ort, merkt er, „dass es sich gelohnt hat“. Andere engagierte Menschen versuchen, durch die sozialen Medien ihrer Stimme Gehör zu verschaffen. Doch Poll glaubt nicht, dass das klappt. Er „mag Social Media einfach nicht“ und sagt, er sei „nicht ganz so der Typ dafür“.

Poll versucht, sich „im Hintergrund zu halten und dann da meine Themen anzusprechen, anstatt irgendwo vorzupreschen“. Er wünscht sich eine Kirche, die Laien aus Überzeugung einbindet – als Taufbegleiter, als Beerdigungsbeauftragte, als Prediger. Er setzt sich ein für Offenheit gegenüber Initiativen wie Out in Church – der Bewegung, bei der sich 2022 über hundert in der Kirche tätigen Menschen als schwul, lesbisch oder transgender outen – und für mehr Aufgaben für Frauen in der Kirche. „Man kann nur weiter dafür kämpfen, dass es sich langsam ändert“, sagt er.

Ein junger Mann steht leicht lächelnd vor einer Hecke.

Dass es in Gremien auch laut werden könne, erlebt Poll selbst. Im Pfarrgemeinderat steht das Thema Laienpredigten auf der Tagesordnung – Gottesdienste, bei denen nicht der Priester predigt, sondern ein Gemeindemitglied. Der Pfarrgemeinderat stimmt geschlossen dafür, das Projekt fortzusetzen. „Dabei kommen tatsächlich ziemlich gute Predigten herum, die interessante Sichtweisen abbilden“, erzählt Poll. Der Vertreter des Kirchenvorstands habe das anders gesehen – und wutentbrannt die Versammlung verlassen, sagt er.

Wenn man, wie Poll, in der Jugendarbeit „über ein paar Jahre hinweg gute Aktionen leitet“, wird man belohnt. Aus zwei, drei neuen Messdienern werden zwölf. „Das hat mir gezeigt, dass das auch etwas bringen kann.“ Irgendwann, sagt er, kann man sich zurücknehmen und zusehen, wie die selbst ausgebildeten Messdiener Leiterrollen bekleiden. „Dann merkt man wirklich, dass das funktioniert, und das ist ein tolles Gefühl“, sagt er.

Messdiener ist er bis heute. „Das zeigt so ein bisschen, wo es langging“, sagt er. Und er vertraut mittlerweile darauf, dass Altäre geweiht sind – auch ohne Sichtprüfung.

Anton Kensbock