Rabbiner Gábor Lengyel setzt sich für demokratische Werte ein
Längst versöhnt mit dem „Land der Mörder“
Foto: Thomas Osterfeld
Seine „seelische Heimat“ Israel ist das Thema vieler Vorträge, die Rabbiner Gábor Lengyel hält – hier im Forum am Dom in Osnabrück Anfang September.
Als Gábor Lengyel vor wenigen Wochen den Thüringer Landtag besucht, will er wissen: „Wo sitzt Herr Höcke?“ Der Platz des rechtextremen Politikers ist leer. Auch andere Plätze bleiben leer. Niemand aus der AfD-Fraktion ist dabei, als die Achava-Festspiele, ein jüdisch-interkulturelles Festival, eröffnet werden. Sie verpassen die Chance, einen ungewöhnlichen Mann kennenzulernen.
Gábor Lengyel ist Senior-Rabbiner der Hamburger Reformsynagoge. Der 85-Jährige reist unermüdlich durch die Republik. Er spricht über die Situation in seiner Seelenheimat Israel, diskutiert mit jungen Menschen über Gefahren für die Demokratie, trifft christliche Religionsvertreter, bringt angehenden Lehrkräften das Judentum näher und liest gemeinsam mit Islamwissenschaftlern aus dem Koran und der Tora. Neuerdings ist er Gastdozent am Islamkolleg in Osnabrück. Berührungsängste kennt Lengyel nicht.
In Niedersachsen, auch in Osnabrück, bietet er Demokratie-Workshops an – mit einer Muslima. Das Tandem gibt ein starkes Bild ab, das er selbst so beschreibt: „Da kommen eine junge Muslima mit Kopftuch und ein alter Rabbiner mit Kippa an die Schule, und sie umarmen sich, anstatt einander zu bekämpfen.“ Wenn die Schülerinnen und Schüler anderen davon erzählten – „allein das wäre schon ein Erfolg“.
Auch am 7. Oktober, dem dritten Jahrestag des Überfalls der islamistischen Terrororganisation Hamas auf Israel, ist Gábor Lengyel unterwegs und berichtet in einer Thüringer Schule von dem brutalen Massaker. Schmerz, Trauer und Wut sitzen tief. „Ich trauere um jeden getöteten Israeli“, sagt der Rabbiner. Und fügt hinzu: „Ich erlaube mir aber auch, genauso um jeden unschuldig getöteten palästinensischen Menschen zu trauern.“ Er hält sich an das Lebensmotto der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer: „Seid Menschen!“
Gábor Lengyel ist drei Jahre alt, als seine Mutter von den Nazis aus der ungarischen Hauptstadt deportiert wird. Auf einem Todestransport in das Konzentrationslager Dachau geht sie für immer verloren. Erst im Alter von 80 Jahren erfährt Lengyel, dass es ein Grab gibt. Ein pensionierter Lehrer aus Augsburg hatte über das Leben und Sterben von fünf jüdischen Frauen geforscht, deren Leichen im März 1945 auf dem Bahnhof von Hochzoll in Augsburg ankamen. Er war sich sicher, dass eine der Frauen Janka Lengyel ist. Bestattet auf dem Westfriedhof in Augsburg. Dieser Brief, sagt Gábor Lengyel, habe vieles verändert. „Immer lebte ich mit dem Bild, dass meine Mutter mit vielen anderen Toten aus dem Zug geworfen wurde. Doch jetzt weiß ich, wo sie ruht, und das gibt auch mir Ruhe.“ Seine Wut verwandelt sich in Trauer.
Der Weg vom ungarischen Jungen zum Rabbiner in Deutschland ist kurvenreich. Als 16-Jähriger steht Gábor Lengel am 23. Oktober 1956 mit Hunderttausenden vor dem Parlament in Budapest. Der Ruf der Menge nach Freiheit ist laut. Doch die sowjetische Armee schlägt den Aufstand nieder. Lengyel flieht über die Grenze nach Österreich und weiter nach Israel.
Ich trauere um jeden getöteten Israeli. Ich erlaube mir aber auch, genauso um jeden unschuldig getöteten palästinensischen Menschen zu trauern.
In der Schule begeistert er sich für Naturwissenschaften, will Ingenieur werden. Nach seinem dreijährigen Militärdienst bei der israelischen Armee bewirbt er sich um ein Stipendium und erhält im Sommer 1965 ausgerechnet eine Zusage für Braunschweig. Von nun an lebt der Ungar in Deutschland, doch seine „seelische Heimat“ bleibt Israel. Er heiratet, gründet eine Familie und baut eine jüdische Gemeinde in Braunschweig auf. In den 1990er Jahren zieht er nach Hannover, engagiert sich für das liberale Judentum. Als er pensioniert wird, wagt er wieder einen Neuanfang. Er geht ins Rabbinerseminar nach Budapest, promoviert, wird Rabbiner seiner liberalen Gemeinde in Hannover.
Bevor er die deutsche Staatsbürgerschaft neben der israelischen annimmt, vergehen 25 Jahre. Er habe lange gehadert, sagt er, aber letztendlich seine Abneigung gegen das „Land der Mörder“, wie es lange hieß, überwunden. Heute setzt er sich vor allem für den interreligiösen Dialog ein und reicht all jenen die Hand, die sich mit der deutschen Vergangenheit auseinandersetzen und den Antijudaismus bekämpfen.
Dass er so vorurteilsfrei auf Menschen zugehen könne, verdanke er den vielfältigen Begegnungen in seinem Leben und den humanistischen Werten des Judentums, sagt er. „Informiert euch umfassend, bildet euch ein eigenes Urteil“, appelliert er an Schulen und in Vorträgen. Denn eine überzogene Gruppenzugehörigkeit – zu einer Partei, einem Sportverein, einer Kirche oder einer Synagoge – verhindere unabhängige Meinungen. „Ich genieße das Privileg, dass ich mit 85 Jahren ein freier Geist bin. Es ist ein Privileg, das man sich nicht kaufen kann wie einen Mercedes oder BMW.“
Ein Rabbiner begleitet einen muslimischen Jungen zur Einschulung
Und er zeigt, wie es praktisch geht: Als 2015 so viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen, helfen auch Gábor Lengyel und seine Frau. Sie kümmern sich um eine syrische Familie. Heute gehört das Paar mit zwei kleinen Kindern zu Lengyels Familie. Zur Einschulung Ende August in Hannover begleitet der Rabbiner den Erstklässler: „als Opa – was braucht man noch mehr“.
Die Zukunft Israels bewegt Lengyel in all seinen Vorträgen. Allerdings spricht er nie über den Traum vom Frieden, denn aktuell, sagt er, sei das nicht realistisch. Stattdessen „spreche ich über einen Waffenstillstand, über einen Abbau von Wut, Angst, Misstrauen, gegenseitiger Hetze, Rachegefühlen. Ich spreche über Annäherung, Begegnung und die Aufarbeitung der eigenen Geschichte, der Gewalttaten auf beiden Seiten“.
Ein langer Prozess, aber Wunder gibt es immer. Wer hätte zum Beispiel gedacht, sagt er, dass es Charles de Gaulles und Konrad Adenauer nach dem Zweiten Weltkrieg gelingen würde, den Grundstein zu legen für eine Aussöhnung und Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich? „Die Hoffnung auf Frieden gebe ich nicht auf.
Zur Person
Gábor Lengyel wurde 1941 in Budapest geboren. Er überlebte den Holocaust im Ghetto der ungarischen Hauptstadt. Als Senior-Rabbiner begleitet er seit acht Jahren die Reformsynagoge in Hamburg, lebt aber in Hannover, wo er seinerzeit die Liberale Jüdische Gemeinde mit aufgebaut hat.