Sommerserie: Zeit meines Lebens Teil 7 (Schluss)

„Musik ist meine absolute Leidenschaft“

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Eine Frau vor einer Orgel
Nachweis

Foto: Nils Imhorst

In unserer Sommerserie nehmen wir Sie mit auf eine Reise durch viele persönliche Momente. Unter dem Motto „Zeit meines Lebens“ erzählen uns Männer und Frauen von Erlebnissen, Begegnungen, Tagen und Wochen, die sie verändert, geprägt oder ihr Leben reicher gemacht haben. Julia Haak, Regionalkantorin in Twistringen, ist leidenschaftliche Kirchenmusikerin. Aber der Weg zum Beruf war kurvenreich.

Es gibt diesen Moment, auf der Rückfahrt nach einem Konzert zu ihrer Gastfamilie nach Glasgow. Julia Haak sitzt im Bus, schaut aus dem Fenster. An der Musikhochschule, an der es vorbeigeht, steht auf einem Plakat in riesigen Lettern: „Life is not a rehearsal“ – das Leben ist keine Probe. „Ein toller Spruch“, findet Julia Haak und beschließt: „Ich habe nur ein Leben, also muss ich meine Chancen nutzen.“

Die damalige Abiturientin verbringt ein Au-pair-Jahr in Schottland. Ihre Pläne für die Zeit danach stehen bereits fest. Sie hat einen Studienplatz in Musikwissenschaft, kombiniert mit Musikjournalismus, sicher. Doch eigentlich schlummert noch ein anderer Wunsch in ihr: beruflich zu musizieren. Seit Kindertagen spielt sie Klavier, wechselt später zur Orgel, nimmt Gesangsunterricht und schwärmt von „fantastischen Konzerterlebnissen“ als Jugendliche mit ihrem Vokalensemble in Rom und Florenz. „Ich erinnere mich an so viele Details, an das Adrenalin vor unseren Auftritten im Vatikan und in anderen Basiliken – und dass ich mir nichts Schöneres vorstellen konnte.“ 

Ihr Vater muss berufsbedingt oft umziehen und nimmt die Familie mit. Egal, wo sie lebt, in München, Zwickau oder Mönchengladbach, bildet Julia Haak sich musikalisch weiter. Früh steht für sie fest: „Musik ist mein Leben, meine absolute Leidenschaft.“ Aber Musik wirklich als Beruf – das kann sie sich lange nicht vorstellen. Und auch ihre Eltern, beide Volkswirte, „fanden das nicht so gut“. Zu unsicher, nichts Bodenständiges.

Die Eltern zu überzeugen, war der wesentlich schwierigere Teil

In ihrem Auslandsjahr in Schottland vermisst Julia Haak die Musik. „Es war schlimm, ich hatte richtige Entzugserscheinungen.“ Sie meldet sich deshalb in zwei Chören an. Einer der Chöre geht auf Konzertreise nach Yorkshire – mit dem Antikriegs-Oratorium „The Armed Man“ des walisischen Komponisten Karl Jenkins. Haak ist mit der Pianistin, einer Klavierstudentin, in einem Zimmer untergebracht, beide kommen ins Gespräch. „Tagsüber Musik machen, nachts über Musik reden – da merkte ich: Musik-Journalismus reicht mir nicht. Ich kann Musik nicht nebenbei machen.“ Der Plakatspruch, den sie später auf der Rückfahrt entdeckt, tut sein Übriges.

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Julia Haak gibt ihren Studienplatz frei und bereitet sich auf ihre Aufnahmeprüfung für Kirchenmusik vor. Sie lacht. „Zuvor musste ich noch meine Eltern überzeugen. Das war der wesentlich schwierigere Teil.“ Für ihr Bachelorstudium geht sie nach Stuttgart, „wegen der tollen Übungsorgeln und Lehrer“. Für ihren Masterabschluss wechselt sie nach Hamburg, leitet dort bereits verschiedene Erwachsenen- und Kinderchöre und sammelt Erfahrungen als Organistin.

Julia Haak ist jetzt 29 und seit fast zwei Jahren Regionalkantorin im Dekanat Twistringen – ihre erste feste Stelle. Im Norden wollte sie unbedingt bleiben, und in Twistringen wurde eine Stelle frei. Ihre Vorgängerin kannte sie aus einigen gemeinsamen Seminaren. Die Aufgaben sind vielfältig: Sie leitet zwei Chöre, sitzt bis zu siebenmal pro Woche in den Gottesdiensten an der Orgel, spielt außerdem bei Beerdigungen, Taufen und Hochzeiten. In den C-Kursen des Bistums bildet sie nebenberufliche Kirchenmusiker mit aus, kümmert sich um musikalische Früherziehung und beteiligt sich an überregionalen Musikprojekten. 

Viele erzählen mir, dass ihnen gerade anspruchsvolle Chormusik in der Freizeit hilft, den Berufsalltag zu verarbeiten.

Über ihr Lieblingsinstrument, die Orgel, gerät sie ins Schwärmen. Spannend sei jedes Mal die Kennenlernarbeit, sagt sie, „wenn wir, eine neue Orgel und ich, versuchen müssen, miteinander klarzukommen“. Jedes Instrument habe Stärken und Schwächen – „genauso wie ich auch, und das macht es einzigartig“. 

Flötenspiel
Mit dem Flötenspiel fing alles an: Julia Haak als Kind mit ihrer Mutter. Foto: privat

Als Organistin im Gottesdienst versteht sie sich als eine Art Dolmetscherin, die das Wort Gottes verständlicher und emotional zugänglich macht. Was die Chorarbeit betrifft, staunt sie noch immer – und ist dankbar –, dass Menschen auch nach einem Acht-Stunden-Tag noch freiwillig zu den Proben kommen. „Viele erzählen mir, dass ihnen gerade anspruchsvolle Chormusik in der Freizeit hilft, den Berufsalltag zu verarbeiten.“ Nach den Chorproben gehe es ihnen oft besser. „Es freut mich, dass ich meine Liebe teilen und weitergeben kann.“

Eines der schönsten Stücke, die sie kennt, ist „The Armed Man“ von Jenkins – jenes Friedensoratorium, das sie als Chorsängerin in Schottland miterlebt und das sie bestärkt hat, eine wichtige Entscheidung zu treffen. Und hier schließt sich der Kreis. Julia Haak probt genau dieses Stück mit dem Twistringer Dekanatschor. Es ist anspruchsvoll und fordernd für alle – den Chor, das Orchester, die Solisten. „Aber ich freue mich darauf“, sagt die junge Regionalkantorin und strahlt übers ganze Gesicht. Auch ihre Eltern sind mittlerweile zufrieden mit dem Lebensweg der Tochter: Beim Umzug nach Twistringen haben sie tatkräftig geholfen.

Das Konzert „The Armed Man – A Mass for Peace“ mit dem Dekanatschor findet am 22. November um 18 Uhr in der Twistringer St.-Anna-Kirche statt.
 

Anja Sabel

Zur Sache

Die Geschichte reicht weit zurück bis in die Antike, noch vor die Geburt Jesu und des Christentums. Die allererste Orgel, die sogenannte Hydraulis, wurde im dritten Jahrhundert vor Christus in Alexandrien erfunden. Der Name Hydraulis entstand, weil damals noch Wasserdruck genutzt wurde, um einen stabilen Ton zu erzeugen. Schon im römischen Reich wurde das Instrument für außergewöhnlich festliche Anlässe verwendet. Völlig im Kontrast zum heutigen christlichen Kontext handelte es sich dabei jedoch um die Untermalung von Unterhaltungskämpfen und anderen Spektakeln in der Arena. 

Im byzantinischen Reich verschob sich ihr Gebrauch hin zu einem teuren Statussymbol, das mit seinem besonderen Klang dem Kaiser und seinen Zeremonien vorbehalten war. Erst im neunten Jahrhundert begannen große Kirchen und Klöster mit dem Orgelbau. Zumal die Orgel seit ihrer Erfindung nur zu den ruhmvollsten Gelegenheiten erklang, sollte sie nun zur Ehre Gottes dienen. 

Obwohl sich ihre Bauweise, Spielart und ihr Klang bis heute entscheidend weiterentwickelt haben, hat sich ihr kirchliches Ziel seitdem nicht mehr verändert: Das Ziel der Kirchenmusik und des Orgelspiels ist die Ehre Gottes. Das Zweite Vatikanische Konzil veröffentlichte 1963 ein Grundlagendokument zur Liturgie (Sacrosanctum Concilium). Dort wird die Pfeiffenorgel als das traditionelle Musikinstrument der Kirche gewürdigt, da sie „die Herzen mächtig zu Gott und zum Himmel“ heben könne. 

Auch rein technisch gesehen eignet sich die Orgel perfekt zur Gemeindebegleitung, da ein angespielter Ton nicht abflaut (wie zum Beispiel beim Klavier), sondern stetig gleich laut klingt. Trotzdem „steht“ der Ton nicht, sondern ähnelt mit der ständig fließenden Windzufuhr dem Atem der Singenden. Mit dem richtigen Instrument kann außerdem jede noch so große oder kleine Kirche ohne Anstrengungen gefüllt und über die Register trotzdem eine große Bandbreite angeboten werden. 

Julia Haak