Freiheit nach dem Ende der DDR
Plötzlich frei
Foto: Barbara Dreiling
Herlinde Todt hat Erinnerungen gesammelt, von der Mitteilung der Exmatrikulation bis hin zu Zeitungsartikeln.
Mit dieser einen Unterschrift, die Herlinde Todt nicht gab, war ihre Zukunft als Lehrerin beendet. Die Studierenden an der Pädagogischen Hochschule Köthen wussten, dass sie sonst kaum einen qualifizierten Beruf ausüben können. Deshalb unterzeichneten die meisten von ihnen eine Erklärung, der zufolge sie es gut finden, dass die russische Armee den Prager Frühling 1968 mit Gewalt beendet. Todt nicht. Sie stand am Ende ihres Lehramtsstudiums für Biologie und Chemie und wurde ohne Abschluss exmatrikuliert.
Es war nicht die erste Absage, die Todt (82) der DDR erteilte. „Dieses Nachplappern“ hatte sie immer gestört. „Das konnte ich nicht“, sagt sie. Sie meint die Phrasen vom Sieg des Sozialismus oder von der deutsch-sowjetischen Freundschaft: „So etwas hat mir widerstrebt.“
Als Christen, sagt sie, „machen wir doch mit allen Menschen Freundschaft“. Sie weiß noch, wie Lehrer neben ihr standen und warteten, dass auch sie endlich mit sozialistischen Bekenntnissen auf Fragen antwortet. Aber Todt äußerte sich nicht. In ihren Zeugnissen stand dann etwa: „Herlindes Einschätzung zu unserem Staat kann man nicht beurteilen.“ Viele davon hat sie entsorgt, doch sie erinnert sich an die Urteile.
Genauso wie an das, was sie Mitte der 60er Jahre bei einem Besuch in Berlin von ihrer Freundin Erika erfuhr. Erika arbeitete während ihres Medizinstudiums an der Charité. Dort beobachtete sie durch ein Fenster, wie jemand, der nach Westberlin fliehen wollte, erschossen wurde. Auf der Rückfahrt schrieb Todt das, was sie nicht fassen konnte, in ein Gedicht auf die Papiertüte, die sie dabeihatte: „Die Stadt der Mauer / Wer kennt sie nicht / Und ihre Erbauer (…) / mit dem Friedensgesicht! / Ein Schutz der Freiheit, / die keine ist! …“
Obwohl Todt ihr Studium später noch abschließen durfte, nachdem sie in einem sozialistischen Betrieb zur Bewährung arbeiten musste, erhielt sie keine Stelle als Lehrerin. Sie heiratete und bekam zwei Kinder. Nun ging es ihr darum, dass ihre Tochter und ihr Sohn eine gute Bildung erhalten. „Wir wussten, wir waren gehasst“, sagt Todt. Sie erzählt, wie ihre Kinder von Lehrern angesprochen wurden: „Wie dumm von dir, dass du noch zum Religionsunterricht gehst!“
Ihre Tochter wollte Erzieherin werden. Doch die Beurteilung ihrer Schule machte den Besuch einer Fachschule unmöglich. Darin wurde die „negative Einstellung“ der Eltern gegenüber dem Staat betont.
Sie wurde ehrenamtliche Richterin
Nach dem Ende der DDR versuchte Herlinde Todt selbst eine staatlich anerkannte Weiterbildung zur Religionslehrerin zu machen. Doch nun gab es neue Vorschriften: Solche Weiterbildungen konnten nur Lehrkräfte machen, die bereits im Schuldienst tätig waren. Schließlich begann sie eine sozialpädagogische Ausbildung und arbeitete als Freizeitpädagogin an einer Grundschule.
Daneben engagierte sie sich als ehrenamtliche Richterin am Verwaltungsgericht – ein Weg, der in der neuen Freiheit zu ihr passte. „Das war interessant“, sagt Todt. „Ich konnte lernen, wie Recht gesprochen wird.“ Sie erinnert sich auch an Verhandlungen, die mit DDR-Unrecht zu tun hatten: Es ging um Häuser, deren Eigentümer in den Westen geflüchtet waren und die in den Besitz von SED-Mitgliedern übergegangen waren. Von ihrer Abneigung gegenüber früheren Parteimitgliedern durfte Todt sich nicht leiten lassen. Sie spürte deren Uneinsichtigkeit. Doch sie hielt sich an ihre Neutralitätspflicht.
Im Privaten machte sie es fassungslos, dass vieles weiterging wie vorher. „Nach vier Jahren hat man hier wieder einen Bürgermeister gewählt, der früher ein hauptamtlicher SED-Funktionär war“, sagt sie. Jemand aus der katholischen Gemeinde sagte ihr, man müsse verzeihen. Doch so einfach war es nicht. Todt sagt: „Ich kenne niemanden, der seine Schuld zugegeben hätte.“
Als in der Zeitung ein lobender Artikel über den Schuldirektor stand, der die Erzieherinnenausbildung ihrer Tochter verhindert hatte, behielt Todt ihren Ärger nicht für sich. Sie schrieb einen Leserbrief: „Er setzte an der Schule durch, dass Schüler entsprechend der politischen Einstellung des Elternhauses beurteilt wurden.“
Heute macht es sie traurig, dass viele Menschen scheinbar nicht darüber nachdenken, welche Unfreiheit autoritäre Parteien bringen, und mit Rechtsextremen sympathisieren. Sie ist dankbar für die Freiheit, die ihre Kinder durch die Demokratie gewonnen haben. Ihre Tochter, die zunächst nur eine Ausbildung zur Wirtschaftskauffrau beginnen konnte, ist später Journalistin geworden. Todts Sohn machte Abitur, studierte und arbeitet als Diplom-Ingenieur.