Großes Interesse an Kreuzbund-Broschüre

Sucht ernst nehmen

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Sucht
Nachweis

Foto: istockphoto Leszek Czerwonka

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Alkohol, Tabletten, Glücksspiel: Das sind nur einige der Suchtmittel, die in der Kreuzbund-Broschüre vorgestellt werden.

„Drogen-ABC“ heißt eine Broschüre des Kreuzbund-Diözesanverbandes Osnabrück, die überregional auf eine große Resonanz stößt. Das liegt vor allem daran, dass Suchtkranke und Angehörige darin sehr persönlich ihre Geschichte erzählen.

Von der hohen Nachfrage auf das knapp 80 Seiten starke Drogen-ABC sind der Osnabrücker Kreuzbund-Vorsitzende Wolfgang Gehrs und die Kreuzbund-Diözesanbeauftragte für junge Menschen, Jessica Schwegmann, fast ein bisschen überwältigt. „Das ist einfach enorm“, sagt Gehrs und erzählt, dass die 2500 Exemplare der ersten Auflage „ganz schnell weg waren“. Die zweite Auflage mit nun 5000 Stück ist gerade fertig – und wird unter anderem von Schulen, Ärzten, Sozialverbänden, Krankenhäusern, der Polizei und Beratungsstellen schon rege nachgefragt. Nicht nur aus dem Bistum Osnabrück, die E-Mails und Anrufe dazu reichen laut Gehrs „von Liechtenstein bis Flensburg“. Zahlen müssen die Interessenten dafür nichts, das Heft ist kostenlos.

Den Anstoß gab ein Seminar der Gruppe „Die jungen Menschen im Kreuzbund“. Dort entstand die Idee, grundlegend über Suchtmittel aufzuklären: von A wie Alkohol bis zu Z wie dem Medikament Zolpidem. Auch zu vielen vielleicht eher unbekannten Substanzen wie dem „Badesalz“ Flakka oder der synthetischen Droge Yaba listet das Autorenteam mögliche Folgen auf: kurzzeitig und langfristig, körperlich und psychisch. Fachlich beraten wurden die jungen Leute dabei von der Caritas, der Niedersächsischen Landesstelle für Suchtfragen, einem Fachausschuss und dem Beirat für Menschen mit Behinderungen im Landkreis Emsland.

Die handfesten Fakten, Informationen und ein Glossar mit Begriffen aus der Drogenszene sind der eine Teil, mehr noch aber rühren die authentischen Berichte an. Ganz offen und nicht selten schmerzlich schonungslos, meist mit Fotos und Vornamen, erzählen dabei 16 Frauen und Männer von ihren Wegen in die Sucht, mit der Sucht und aus der Sucht: als Abhängige oder als Angehörige. „Wir wollen damit Vorurteile abbauen und zeigen, dass man jede Sucht ernst nehmen muss – und dass die Wurzeln tief in der Seele liegen“, sagt Jessica Schwegmann. „In jedem Wort steckt ein Stück unseres Weges, ein Teil unserer Kämpfe und ein Funken unserer Hoffnung.“

Authentische Berichte erzählen vom Weg aus der Sucht

Dass die 32-Jährige mehrfach „unser“ sagt, hat seinen Grund. Denn sie war selbst mehrere Jahre von Tabletten abhängig. Ähnlich wie bei anderen Betroffenen hängt das mit einer schwierigen, in Teilen ebenfalls von Sucht geprägten Familiengeschichte der Eltern zusammen: Alkohol, Glücksspiel, Kaufsucht. Weil die Mutter sich nicht kümmert, sorgt Jessica als Zweitälteste für ihre acht Geschwister. „Ich musste relativ früh viel Verantwortung übernehmen.“ Sie verpasst dadurch viel in der Schule, für Freunde und eigene Freiheiten bleibt kaum Zeit. Neben dieser ständigen Überforderung erlebt sie als Jugendliche zu Hause Drohungen, Gewalt, Druck. „Es lastete unheimlich viel auf mir.“

Irgendwann findet sie in dieser Situation Beruhigungstabletten – und nimmt sie selbst. „Einfach, um in dem Moment den ganzen Druck loszuwerden und um alles zu vergessen, um fit zu sein.“ Es da dauert nicht lange, da kann sie die Einnahme nicht mehr kontrollieren, da probiert sie verschiedene Präparate aus, da entgleitet ihr „dieses Gemisch“. Aber Jessica Schwegmann erkennt auch, dass sie Hilfe braucht. Sie wendet sich an einen Psychiater, macht einen Entzug, eine Therapie – und lernt den Kreuzbund kennen.

Auch wenn der Alltag für sie „harte Arbeit bleibt“ – der Verband wird ein wichtiger Anker für sie. Sie lernt dort neue Freunde kennen, bekommt durch einen Weggefährten eine berufliche Chance, führt heute ein selbstbestimmtes und geregeltes Leben. Und sie engagiert sich selbst im Kreuzbund. „Ich habe soviel Hilfe bekommen, das will ich weitergeben.“ Andreas Egbers nickt mehrfach bei ihren Worten – er hat Erfahrungen gemacht, die sich ähneln. Zum Beispiel frühe Probleme in Kindheit und Jugend. „Das ist bei vielen Suchtkranken so“, sagt Wolfgang Gehrs. „Weil Zuneigung oder Anerkennung gefehlt haben.“

Bei Andreas Egbers beginnt die Vorgeschichte schon in der Schule, „ich bin ständig gemobbt und gehänselt worden“. Irgendwann wehrt er sich und will beweisen, dass er „stärker und besser“ ist. Nach drei Ausbildungen macht er sich selbstständig und geht eines Tages „aus Langeweile und als Ausgleich“ in eine Spielothek. „Da habe ich zwei Euro in den Automaten geworfen und 50 Euro herausgeholt.“ Diese Euphorie, diese Bestätigung will er von da an öfter erleben. „Ich habe meine Probleme dahinter versteckt und bin immer tiefer hineingerutscht.“

Ohne die Selbsthilfegruppe wäre ich wahrscheinlich rückfällig geworden. 

Irgendwann reicht sein Einkommen kaum noch aus, irgendwann geht er sogar ins Casino und versucht alles, um die Sucht zu finanzieren. Merkt das niemand? Anfangs nicht, „man sah mir die Sucht ja erstmal nicht an“. Aber er wird mit der Zeit schwer depressiv, eine Anzeige bringt dann vieles in Rollen. Und er ist fast froh, „dass alles auffliegt“. Aber der Weg, den er ab da beschreitet, verlangt ihm einiges ab. Er erzählt von Suizidversuchen, von vielen Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken, von Therapien, von Gerichtsverfahren.

Auch er bekommt Beistand durch den Kreuzbund und seine Gruppen, wird vor einigen Jahren selbst Gruppenleiter und gründet den Bundesverband Glücksspielfrei mit – weil seiner Ansicht nach dieses Suchtmittel in der öffentlichen Wahrnehmung unterschätzt wird. „Ohne die Selbsthilfegruppe wäre ich wahrscheinlich rückfällig geworden“, sagt er.

Auch wenn Wolfgang Gehrs die Geschichte von Jessica Schwegmann und Andreas Egbers kennt – sie in dieser Offenheit noch einmal zu lesen, berührt ihn nach wie vor. Das Team hat nach seinen Worten ein Werk geschaffen, das bewegt und inspiriert. „Dieses Drogen ABC ist ein wunderbares Beispiel für gelebte Selbsthilfe, für Mut und die Bereitschaft, Erfahrungen zu teilen, um anderen damit zu helfen.“

Die erste Auflage hat die AOK finanziert, bei der zweiten Auflage ist auch der Landkreis Emsland mit eingestiegen. Die Broschüre gibt es nur gedruckt. Interessierte können sich per E-Mail melden: wolfgang.gehrs@gmail.com

Petra Diek-Münchow
Zur Sache

Der Kreuzbund-Diözesanverband Osnabrück ist ein katholischer Verband, zugleich Fachverband des Caritasverbandes und Mitglied der Niedersächsischen Landesstelle für Suchtfragen. Im Bistum Osnabrück gibt es 125 Kreuzbund-Selbsthilfegruppen und Gesprächskreise mit 1500 Mitgliedern. Betroffene und deren Angehörige treffen sich dort regelmäßig, tauschen sich aus, unterstützen und ermutigen sich gegenseitig. Bis auf die Geschäftsstelle ist die Arbeit des Kreuzbundes komplett ehrenamtlich organisiert, als Vorsitzender engagiert sich Wolfgang Gehrs.