Fasten in anderen Religionen
Verzicht als Intensivtraining

Foto: istockphoto/Muhammed Alimaki
Muslime brechen das Fasten traditionell mit einer Dattel und Wasser.
Jedes Jahr gibt es bei Familie Bakkali einen ganz besonderen Gast. Vor seinem Eintreffen wird ordentlich geputzt, die Wohnung geschmückt und einiges an Essen vorgekocht. Zusammen mit der ganzen Familie heißen sie ihn dann willkommen, ihren Gast: den Fastenmonat Ramadan.
Im Islam hat der Fastenmonat einen hohen Wert. Neben dem Beten, Spenden, Bekennen und Pilgern gehört er zu den fünf grundlegenden Praktiken der Muslime. Für die Studentin Iman Bakkali bedeutet der Ramadan mehr als nur den Verzicht auf Nahrung und Wasser. „Es ist eine Zeit, um Gott näherzukommen, eine Zeit der Achtsamkeit und Disziplin und eine Zeit der Selbstreflexion“, sagt sie. Die 28-Jährige aus Osnabrück nimmt sich jedes Jahr vor, mit allen Sinnen zu fasten. Das bedeutet, weniger Zeit am Handy zu verbringen, mehr im Koran zu lesen, pünktlicher zu beten und sich stetig zu hinterfragen.
Der islamische Theologe Martin Mahmud Kellner stimmt zu: „Im Ramadan verzichten wir Muslime bewusst auf körperliche Grundbedürfnisse, um ein höheres Ziel zu erreichen.“ Denn erst, wenn der Körper gereinigt und leer ist, kann die spirituelle Seite gestärkt werden. „Es ist ein Intensivtraining für das, was wir eigentlich das ganze Jahr über tun sollten: wach werden in Bezug auf unseren Schöpfer“, sagt Kellner.

Foto: Jasmin Lobert
„Ich freue mich immer auf den Ramadan“, sagt Iman Bakkali, „aber ich habe auch Respekt davor.“ Zum Beispiel wenn der Fastenmonat in den Hochsommer fällt und die Tage lang und heiß sind oder wenn für sie in der Zeit Prüfungen anstehen. „Aber wenn es so weit ist, dann merke ich immer, dass ich mir vorher unnötig Sorgen gemacht habe“, sagt die 28-Jährige. Die Gemeinschaft sei dabei eine große Hilfe. „Zu wissen, dass so viele Muslime gleichzeitig beten und fasten, macht es einfacher.“
Entgegen der allgemeinen Erwartung, dass die Muslime auf das Ende des Fastenmonats hinfiebern, sagt Bakkali, dass sie dann immer traurig sei. Schließlich müsse man sich von dem liebgewonnenen Gast wieder verabschieden und dazu gehört eben auch etwas Abschiedsschmerz.
Im Judentum gibt es keine längere Fastenzeit, sondern nur einzelne im Jahr verteilte Fastentage. Zum Beispiel am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. An diesem Tag sollen sich die Juden für etwa 25 Stunden von allen körperlichen Belangen lossagen und sich ganz Gott widmen. Das bedeutet, sie dürfen nichts essen, nichts trinken, sie dürfen sich nicht waschen, die Haare kämmen, schminken oder Schmuck anlegen.
Alle weiteren jüdischen Fastentage haben einen geschichtlichen Bezug. So wird beispielsweise an Tischa BeAv zur Erinnerung an die Zerstörung des ersten und zweiten Tempels in Jerusalem für 25 Stunden gefastet. Allerdings gibt es auch Fastentage, an denen die Juden nur von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Nahrung verzichten müssen, zum Beispiel vor dem Fest Purim.

Foto: Jampa Tsedroen/Carola Roloff Archiv
Besonders bekannt für seinen asketischen Lebensstil ist der Buddhismus. „Fasten ist bei uns eine zentrale Praxis“, sagt Carola Roloff, buddhistische Nonne und Gastprofessorin an der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg. Allerdings ist das Fasten im Buddhismus keine generelle Pflicht. Je nach Tradition, persönlicher Überzeugung und Regeln, die die Fastenden auf sich genommen haben, sehen die Praktiken unterschiedlich aus.
So gehört es zu den Ordensregeln aller Mönche und Nonnen in allen drei buddhistischen Hauptströmungen, sich ihr ganzes Leben an die Fastenregel zu halten, nach 12 Uhr mittags keine feste Nahrung mehr zu sich zu nehmen. Aber auch hier gibt es Ausnahmen, zum Beispiel im Fall von Krankheit oder bei viel körperlicher Arbeit. Für buddhistische Laien gilt die Fastenregel nur zwei- bis viermal im Monat, an Vollmond und Neumond, für manche zusätzlich auch an den beiden Halbmondtagen. „Buddhisten sind davon überzeugt, dass an diesen Tagen religiöser Verdienst besonders starke Eindrücke im Geist hinterlässt“, sagt Roloff. Von ihrer religiösen Bedeutung sind diese Tage vergleichbar mit den christlichen Sonntagen.
Im indotibetischen Buddhismus gibt es noch eine weitere Fastenpraxis, die im zehnten Jahrhundert von einer Nonne begründet wurde. Das sogenannte Nyung Ne-Fasten ist eine spirituelle Reinigung mit dem Ziel, Mitgefühl einzuüben. Das Fasten erfolgt in einem zweitägigen Zyklus: Am ersten Tag gibt es nur eine vegetarische Mahlzeit. Am zweiten Tag darf nichts gegessen oder getrunken werden. Zudem sollen die Fastenden den ganzen Tag schweigen. „Diese Praxis kann bis zu 108-mal wiederholt werden“, sagt Roloff. Diese Art des Fastens wird vor allem zum wichtigsten buddhistischen Fest Vesakh praktiziert, das an die Geburt, die Erleuchtung und den Eintritt Buddhas ins Nirvana erinnert.