Interview über die Lage der Christen im Irak und Syrien
"Ein Zeichen der Solidarität"

Foto: Deutsche Bischofskonferenz/Matthias Kopp
Lichterprozession in Qarakosh: Als Nahost-Beauftragter der Bischofskonferenz hat Erzbischof Udo Markus Bentz eine Solidaritätsreise zu den verbliebenen Christen im Irak gemacht.
Sie haben jüngst eine umfangreiche Studie über „Iraks christliches Erbe“ veröffentlicht und begleiten die Entwicklungen im Nahen Osten seit mehr als drei Jahrzehnten intensiv. Woher kommt diese Leidenschaft?
Schon während meines Theologiestudiums habe ich davon geträumt, einmal an den Ufern von Euphrat und Tigris zu stehen. Ich hätte es mir nie träumen lassen, dass ich so oft diese Ursprungsorte der Menschheits- und Christentumsgeschichte besuchen darf. In den 1990er Jahren war ich mit dem Schwerpunkt Irak und Naher Osten bei Radio Vatikan tätig. Seither hat mich die Begeisterung für das Land nicht mehr losgelassen.
Wie viele Christen leben heute noch im Irak?
Bis 2003 hatten die Christen im Irak, unter dem Minderheitenschutz der Baath-Partei, einen Anteil von 6,6 Prozent an der Bevölkerung. Nach dem Sturz von Saddam Hussein ist ihr Anteil rasch auf 3,3 Prozent gesunken. Den größten Exodus mit zwei Millionen Geflüchteten aber gab es nach der Machtergreifung des Islamischen Staates. Heute leben noch maximal 400 000 Christen im Land.
Wie hat sich die Lage seit der Zerschlagung des Islamischen Staates entwickelt?
Seit 2018 konnten rund 25 000 Christen, auch dank der Unterstützung christlicher Hilfswerke aus Deutschland, Österreich sowie der Schweiz, in ihre Heimatdörfer zurückkehren. Die Dienste haben mit ihren Wiederaufbau- und Starthilfeprogrammen Großartiges geleistet.
Wie wichtig war der Besuch von Papst Franziskus im Jahr 2021?
Der Besuch war essenziell. Er hat den Christen in dieser islamischen Mehrheitsgesellschaft neues Selbstbewusstsein gegeben. Vor allem auch, weil sonst kein Staatsoberhaupt damals die Region besucht hat. Dass der Papst ausgerechnet in der Pandemie kam, hat ihm die irakische Bevölkerung hoch angerechnet.
Sie haben Anfang Februar mit Erzbischof Udo Markus Bentz, dem Nahost-Beauftragten der Bischofskonferenz, den Irak besucht. Was waren Ihre Eindrücke?
Es ist nach wie vor nicht ungefährlich, nach Bagdad zu reisen. Uns war es daher wichtig, ein Zeichen der Solidarität mit der Ortskirche zu setzen. Beeindruckt hat uns Qarakosh. Dieser Ort war durch den IS weitgehend zerstört. Es gab Hinrichtungsstätten in den Innenhöfen von Kirchen. Nun kann sich dort christliches Leben wieder frei entfalten. Wir haben in Qarakosh eine Messe und eine Lichterprozession mit mehr als tausend Menschen besucht. Das war eine Auferstehung, ein Ostererlebnis.
Auch in Mossul, wo einst der IS sein Kalifat ausrief, wurden mit Hilfe der UNESCO zwei Kirchen instandgesetzt. Was bedeutet das für das religiöse Leben?
Es kehrt zurück, dort aber leider nur mit angezogener Handbremse. Viele Gebäude liegen noch in Trümmern, einige Kirchen sind aufgebaut, andere nicht. Auch werden viele der aus Mossul geflohenen Christen nie zurückkommen. Die religiösen Minderheiten im Irak leben heute in großer Sorge. Die Zentralregierung hat viel Positives geschafft, aber es gibt viele Milizen, die Teile des Landes kontrollieren, wobei einige vom Iran unterstützt werden.
Die Trump-Administration hat neulich die USAID-Programme abrupt ausgesetzt. Welche Folgen hat das für die Region?
Das hat unsere Gesprächspartner geschockt. Den Ausfall dieser für den Wiederaufbau und die Rückkehr von Geflüchteten so wichtigen Gelder kann im Irak niemand auffangen.
Auch in Syrien vollzieht sich seit Jahren ein Exodus von Christen. Jacques Mourad, der Erzbischof von Homs, befürchtet eine Islamisierung des Landes. Gibt es dafür Belege?
Es zerreißt mir das Herz, wenn ich sehe, was in Syrien passiert. Bisher sind den hehren Ankündigungen von Syriens neuem Machthaber, die religiösen und ethnischen Minderheiten zu schützen, keine Taten gefolgt. Erst jüngst hat Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa das Massaker islamistischer Milizionäre an Alawiten in Latakia als notwendige Operation verteidigt. Das ist ein menschenverachtender Skandal. Zudem deutet sich an, dass al-Scharaa bald die syrischen Gefängnisse öffnen wird, in denen noch immer viele IS-Kämpfer einsitzen. Irakische Christen befürchten daher, dass diese Terroristen in ihr Land zurückkehren könnten. Insofern betrachte ich die vorschnelle Handreichung von vielen westlichen Politikern, darunter auch die deutsche Außenministerin, mit al-Scharaa als fatal.
Hat das Christentum in seiner Herkunftsregion noch eine Zukunft?
Ja, aber nur, wenn wir im Westen weiter in Solidarität mit diesen Menschen unterwegs sind und unsere Politik den Schutz der religiösen Minderheiten in Syrien und im Irak immer wieder anmahnt. Die neue Bundesregierung muss auf die Wahrung der Religionsfreiheit in Nahost wieder einen stärkeren Fokus legen.
Zur Person

Foto: kna/Harald Oppitz
Matthias Kopp ist Theologe, Archäologe und Journalist. Seit 2009 ist er Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz.