Impuls zur Sonntagslesung am 7. Dezember 2025. Zweiter Advent

Wenn nach einem Krieg wieder Frieden einkehrt: Wie im Himmel so auf Erden?

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Weihnachten in Damaskus
Nachweis

Foto: imago/Middle East Images/Osama Al Maqdoni
 

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Weihnachten 2024 in Damaskus. Die Christen bezweifeln, dass es unter der neuen syrischen Regierung Religionsfreiheit geben wird.

Nach all den Kriegen seiner Zeit träumt der Prophet Jesaja von Gerechtigkeit und Frieden. So wie viele Menschen zu allen Zeiten. Wie ist es, wenn Friede wird – nach dem Zweiten Weltkrieg oder heute in Syrien? Ist dann alles gut?

„Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein“, schreibt Jesaja in der Lesung zum Zweiten Advent. „Kuh und Bärin freunden sich an.“ Das soll wohl heißen: Alte Feinde – Hand in Hand. Ist das so, wenn ein Krieg endlich endet? War das so? Wird das jemals so sein?

Zeitzeugenberichte über das Ende des Zweiten Weltkriegs sprechen vor allem von der Freude darüber, dass keine Bomben mehr fallen. „Plötzlich herrschte ungewohnte Stille. Der Fluglärm, die Bombenabwürfe, der Kanonendonner, die Geschosseinschläge, die seit Monaten zu unserem Alltag gehört hatten, hörten auf. Wir durften wieder im eigenen Bett schlafen“, schrieb etwa der frühere Ministerpräsident Bernhard Vogel zum 75. Jahrestag des Kriegsendes für das Portal faz.net. Noch etwas hat ihn beeindruckt: „Die Verdunkelung war aufgehoben. Zum ersten Mal sah ich mit Bewusstsein eine von elektrischem Licht erleuchtete Stadt. Ein für mich damals unglaublicher Anblick, den ich bis heute nicht vergessen habe.“ Wenn Friede bedeutet, dass nach langer Dunkelheit Licht in die Welt kommt, hat Bernhard Vogel das so erlebt.

Sein älterer Bruder Hans-Jochen war bei Kriegsende in Gefangenschaft: Im April 1945 war er mit anderen von italienischen Partisanen aufgegriffen und an die Amerikaner überstellt worden, an den Feind. Vogel schreibt: „Die Übergabe fand auf einem Friedhof statt, was uns erst beunruhigte. Die Amerikaner – unter ihnen viele Farbige – haben uns aber freundlich behandelt.“ Was nicht wenig war.

An Freundschaft war nicht zu denken

Weil Vogel Englisch konnte, wurde er beauftragt, täglich die amerikanische Armeezeitung „Stars and Stripes“ zu lesen und einige Meldungen ins Deutsche übersetzt im Lager auszuhängen. Am 9. Mai 1945 auch die vom Kriegsende. Zwar herrschte, schreibt er, „Erleichterung darüber, dass nun das Töten und vor allem auch die Luftangriffe ein Ende hatten“. Überlagert wurde das aber „von dem Gefühl der totalen Niederlage und des völligen Ausgeliefertseins. Uns beschlich die Vorstellung, dass wir wohl lange Jahre Gefangene bleiben würden, um das wiedergutzumachen, was wir Deutsche in Europa an schlimmen Zerstörungen angerichtet hatten.“ Dass „Kuh und Bärin“, dass Deutsche und Amerikaner, Franzosen, Briten sich anfreunden könnten, das überstieg wohl die damalige Vorstellungskraft.

// Susanne Haverkamp


Und heute? 

Joni Dib
Joni Dib. Foto: privat

Joni Dib (44) ist griechisch-orthodoxer Christ. Als in seiner syrischen Heimatstadt Latakia Bomben einschlugen und die Lebensgefahr immer größer wurde, floh er nach Deutschland, im November 2015 war das. Damals endeten für ihn der Krieg und die Angst zu sterben. Bald konnte auch seine Frau mit seinem ältesten Sohn nachkommen. Er sagt: „Wenn Frieden herrscht, gibt es keine Grenzen mehr zwischen den Menschen. Dann können wir unsere Überzeugungen so ausleben, wie wir es möchten, und dabei diejenigen respektieren, die mit uns dasselbe Land teilen.“ Andere zu respektieren, unabhängig von ihren Überzeugungen, sei das Wichtigste. 

So erlebt es Dib in Deutschland. Er ist angekommen. Mit seiner Familie wohnt er in Leipzig, er und seine Frau sind berufstätig, die Kinder gehen zur Schule. „Es ist ein großer Segen von Jesus Christus, dass wir hier leben dürfen“, sagt Dib. „Jesus hat uns Gutes geschenkt. Ihm haben wir die deutsche Staatsangehörigkeit zu verdanken.“ Er genießt es, dass er Freunde treffen kann, dass er in der Stadt unterwegs sein kann ohne Lebensgefahr, dass er zu Kulturveranstaltungen und zu seiner christlichen Gemeinde gehen kann. Frieden bedeutet für ihn Sicherheit und Freiheit.  

Wie Fremde im eigenen Land

Und was ist mit der Freundschaft zu den Feinden? Angeblich soll ja auch in Syrien Frieden herrschen. Dib hört da Anderes. Seine Schwester und sein Vater, die noch in Syrien leben, erzählen, dass die Christen dort ihren Glauben verbergen müssten. „Sie haben Angst, in der Öffentlichkeit ein Kreuz zu tragen, besonders in muslimischen Vierteln, oder christliche Bücher in öffentlichen Buchhandlungen zu kaufen“, sagt er. Der Krieg ist für ihn nicht einfach vorbei. Er hat tiefe Gräben zwischen Alawiten, Sunniten, Schiiten und Christen hinterlassen. Unter der neuen Regierung fürchten jetzt die Minderheiten um ihre Rechte. Als Christen fühlten sich seine Angehörigen „in ihrem eigenen Land wie Fremde“, sagt Dib. 

Egal ob nach dem Zweiten Weltkrieg, in Syrien oder irgendwann einmal in der Ukraine: Bis zur Freundschaft mit alten Feinden dauert es lange, sehr lange. Da braucht es viel guten Willen und viel Glauben an das Gute im Anderen. Jesaja wusste das, er war nicht naiv. Im Gegenteil: Echter Friede, glaubte er, ist Gottes Werk. 

Ja, vielleicht ist echter Friede, echte Freundschaft zwischen alten Feinden sogar nur in Gottes Reich möglich. „Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg“, heißt es in der Lesung. Was aber nicht bedeutet, dass wir Gottes Auftrag an uns vernachlässigen dürften: Schritte des Friedens zu gehen, wo immer es möglich ist. Und dass viel möglich ist, haben die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg gezeigt. Gott sei Dank.

Barbara Dreiling

Zur Person

Joni Dib lebt mit seiner Familie in Leipzig. Er stammt aus Latakia in Syrien. Sein Vater und seine Schwestern leben noch dort.