Impuls zur Sonntagslesung am 21. September 2025
Wir bitten dich, erhöre uns?
Foto: imago/Müller-Stauffenberg.
Armut, Abstieg, Alkohol... Christinnen und Christen beten immer auch für andere Menschen!
Herr Professor Lumma, ist Gott durch Fürbitten bestechlich?
Nein, das ist er sicher nicht. Wir wissen zwar, dass Menschen immer schon Gott um dieses oder jenes gebeten haben und dass das dann bisweilen eingetreten ist. Aber es wäre naiv zu glauben, dass wir die Macht hätten, Gott auf etwas zu bringen, auf das er nicht von selbst kommen würde.
Warum fordert Paulus in der Lesung dann zur Fürbitte auf? Was bringt das dann?
Muss ein Gebet etwas bringen? Dann wäre Gebet ja Leistung. In der Fürbitte, besonders in der rituellen Form im Gottesdienst, drücken wir aus, dass wir selbst und unsere Mitwelt bedürftig sind. Wir können uns nicht selbst erlösen. Das vertrauen wir Gott an. Es geht nicht darum, dass Gott sich an unsere Bitten anpasst, sondern dass wir lernen, in seinen Willen hineinzuwachsen. Am deutlichsten wird das in der Vaterunser-Bitte: „Dein Wille geschehe!“
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Wenn Gott um unsere Bedürfnisse weiß, warum formulieren wir dann Fürbitten?
Sie zeigen den konkreten Bezug zu unserer Gesellschaft: Wir stehen in einer Welt, die voll ist von armen und leidenden Menschen; in der vieles von dem abhängt, was die Regierenden und Verantwortlichen in Politik und Kirche tun – und deshalb beten wir für sie. Durch unser Gebet drücken wir aus, was wir sind und in welchem Verhältnis wir zu Gott stehen.
Die Anliegen verschiedener Menschen können verschieden sein, sogar widersprüchlich. Was dann?
Da würde ich unterscheiden zwischen dem individuellen Gebet auf der einen und dem gottesdienstlichen Fürbittgebet auf der anderen Seite. Es ist sehr wichtig, dass Menschen ohne Scheuklappen vor Gott stehen. Ich darf Gott alles sagen, was mich bewegt, in jeder sprachlichen Form. Das andere ist die gemeinsam gefeierte Liturgie. Da gibt es Grundregeln, damit das Gebet die Glaubenden vor Gott vereint und nicht spaltet.
Was heißt das konkret?
Ein Beispiel: Natürlich darf ich – wenn mir das ein Anliegen ist – Gott im persönlichen Gebet darum bitten, dass diese oder jene Partei bei der kommenden Wahl vorne liegt. Das darf ich Gott als mein Anliegen anvertrauen, aber ich darf nicht erwarten, dass meine Lieblingspartei tatsächlich gewinnt. Anders ist das im Gottesdienst: Da wäre es absolut nicht angemessen, so etwas als Fürbitte zu formulieren, weil es Menschen ausgrenzt, die anders denken.
Manchmal klingen Fürbitten so, als ob Gott machen soll, dass …
Ja, und das halte ich für problematisch. Denn es geht nicht darum, Gott von etwas zu überzeugen oder ihn über etwas zu informieren.
Gerne wird in Fürbitten formuliert: „Lass uns …“ Wer hindert uns?
Diese sprachliche Form finde ich ebenfalls unglücklich. Sie setzt voraus, dass wir schon längst wissen, was wir tun sollen. Ebenso ist das mit einer Bitte „Lass diese oder jene Gruppe dieses oder jenes erkennen“. Das ist kein Fürbittgebet, sondern eine moralische Belehrung.
Wie kann man es besser machen? So, wie Paulus es in der Lesung empfiehlt?
Die grundlegende Form des Fürbittgebets geht so: Ein Vorbeter oder eine Vorbeterin fordert die Gemeinde auf: „Lasst uns beten für …“ und nennt dann Namen oder Gruppen. Daraufhin betet die Gemeinde zu Gott, und zwar oft „Kyrie eleison“, deutsch „Herr, erbarme dich“. Diesen Gebetsruf kannte schon die frühe Christenheit, er verbindet alle Konfessionen. Menschen werden genannt und dann dem Erbarmen Gottes anvertraut. Diese Form – übrigens oft gesungen statt gesprochen – ermöglicht Gebetsgemeinschaft aller Glaubenden, unabhängig von der eigenen Spiritualität oder politischen Meinung. Dass wir für die Kranken, die Armen, die Mächtigen, die Bedürftigen beten, das sollte ja für alle in einer christlichen Gemeinde möglich sein.
Weshalb sie ja auch jeder Bitte zustimmt …
In seinem Erbarmen weiß Gott längst um unsere Nöte. Deshalb passt ja der Ruf „Herr, erbarme dich/Kyrie eleison“ immer. Mit dieser Gebetsform können wir gemeinsam im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit wachsen.
Wie stehen Sie zu frei formulierten Fürbitten im Gottesdienst?
Da bin ich eher skeptisch. Das kann für kleine Gruppengottesdienste sinnvoll sein. Es wäre aber ein Missverständnis, wenn dadurch persönliche Sichtweisen in Fürbitten verpackt werden und alle anderen müssen dann dazu „Amen“ sagen. Natürlich braucht unsere Kirche Orte, an denen wir unsere persönlichen Anliegen miteinander teilen. Aber das Fürbittgebet zum Beispiel in der Messe hat eine andere Funktion: Es geht nicht um das Sammeln persönlicher Anliegen, sondern darum, gemeinsam vor Gott zu stehen und ihm im Gebet alle und alles anzuvertrauen.
Und wenn es doch mit frei gesprochenen Fürbitten gemacht wird?
Dann finde ich es am besten, wenn nur die Namen derer ausgesprochen werden, für die man gerne beten möchte. Besonders Ordensgemeinschaften haben oft gute Erfahrung mit so einer Gebetsform, bei dem die Mitfeiernden ganz schlicht einzelne Namen nennen.
Zur Person
Liborius Lumma lehrt an der Universität Innsbruck das Fach Liturgiewissenschaft. Zum Thema Fürbitten hat er bereits mehrere Bücher verfasst.