Drohbriefe gegen Vertreter der Kirche

„Wir werden dich kriegen!“

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Ein Brief wird in den Postkasten gesteckt.
Nachweis

Foto: Marco Heinen

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Drohungen gehen bei Betroffenen per E-Mail, telefonisch oder mit der Post (Symbolfoto) ein.

Ein Drohbrief gegen den Itzehoer Propst Steffen Paar, unterschrieben von einer „Sturmfront Schleswig-Holstein“, hat im ganzen Norden Bestürzung ausgelöst. Ein Einzelfall sind anonyme Drohungen gegen Geistliche und Kirchenmitarbeiter längst nicht mehr.

Steffen Paar (44), evangelischer Propst in Itzehoe, engagiert sich für Klimaschutz und Flüchtlinge. Er ist homosexuell und mit einem Mann verheiratet. Steffen Paar ist persönliche Angriffe und Beleidigungen gewöhnt. Ein Drohbrief, unterzeichnet von einer „Sturmfront Schleswig-Holstein – Patriotischer Untergrund der AfD und Bauernschaft", hat im Februar nicht nur ihn, sondern die ganze Kirche im Norden alarmiert. Der Brief enthält Sätze wie „Wir werden des Volkes Stimme Gehör verschaffen und die Kirche in ihre Schranken weisen“ und „Denken Sie immer daran, wir wissen wo Sie wohnen und kennen Ihren Partner“.  Auf dem Schreiben sieht man das Logo der AfD. Die Partei hat sich allerdings von dem Brief distanziert und eine Beteiligung zurückgewiesen. Mit der „Sturmfront“ habe man nichts zu tun. Auch der Bauernverband verurteilt die Attacke. Nordkirche und Propst Paar haben Strafanzeige erstattet. Der Pastor hat deutlich gemacht, dass er sich nicht einschüchtern lässt: „Mein Mann und ich sind achtsam. Angst haben wir keine.“

Der Angriff hat in Kirche und Medien hohe Wellen geschlagen. Aber sie ist kein Einzelfall. Für Daniel Hettwich etwa, der seit 2018 als Flüchtlingsbeauftragter beim Diakonischen Werk des evangelischen Kirchenkreises Ostholstein arbeitet, sind schäbige Mails und Drohanrufe nichts Besonderes. Anfeindungen habe er von Beginn an erlebt; doch nicht in dem Ausmaß wie jetzt. „Zugenommen hat das vor einem halben Jahr mit dem Anschlag in Solingen“, sagt er.

Als ein Bericht über eine tschetschenische Familie im Kirchenasyl in der Zeitung erschien, der Hettwich zur Seite gestanden hatte, ging eine E-Mail bei der Kirchenkreisverwaltung ein, die ohne Anrede mit dem Satz beginnt: „Es ist ekelhaft und gotteslästerlich, wie sich dieser Hettwich ausmährt!“ Der Schreiber wirft ihm vor, das Rechtssystem in Frage zu stellen. Er finde es „gut und richtig, diese ‚Asylbewerber’ konsequent abzuschieben! Gerne würde ich dabei helfen!“, so der Wortlaut der E-Mail, die mit „Verachtungsvoll“ und einem erfundenen Vor- und Nachnamen unterschrieben ist.
Es war nicht die einzige Rückmeldung in dieser Sache, denn es ging auch ein Dutzend Anrufe ein. Das führte dazu, dass Hettwich seine Mobilnummer wechselte. Kritik am Kirchenasyl findet Hettwich grundsätzlich „in Ordnung“. „Darüber kann man diskutieren, ob wir als Kirche so agieren sollen oder nicht.“ Doch den Anrufern ging es nicht um Diskussion. „Mir wurde vorgeworfen, dass ich die Islamisierung Deutschlands vorantreibe. Und es hieß, dass man mich aus diesem Land treiben werde wie die – da zitiere ich wörtlich – ‘ganzen Kanaken, die du reinholst’.“

Morddrohungen habe er zwar noch nicht erlebt, aber Sätze wie „Wir werden immer mehr! Das werdet ihr Vaterlandsverräter schon bald spüren“ oder „Wir werden dich kriegen, wir werden dich jagen“ seien bei den männlichen Anrufern die Regel. Die legten übrigens immer dann auf, wenn er ein persönliches Gespräch anbiete, so Hettwich. Zwar meldet er jetzt Drohungen an ein Regionales Beratungsteam, damit die Bedrohungen statistisch erfasst werden, doch Anzeige hat Hettwich mangels Aussicht auf Erfolg bislang nicht erstattet.

Morddrohungen und Sabotage des Autos

Drohungen gegen katholische Geistliche sind – so ergab eine Umfrage dieser Zeitung – in jüngster Zeit nicht aufgetreten. Aber es gab sie. Der Flüchtlingsbeauftragte Pfarrer Norbert Bezikofer bekam nach einem Presseartikel über seine Arbeit „einen ganzen Shitstorm mit Hassbekundungen. Darunter waren auch Drohungen wie – dich werden wir auch noch kriegen.“ Schlimmer noch ist es in den 90er Jahren dem Geesthachter Pfarrer Ulrich Krause ergangen. Als er einer syrischen Familie Kirchenasyl gewährte, bekam er anonyme Bomben- und Morddrohungen und die Ankündigung, er werde in einem Kartoffelsack in der Ostsee versenkt. Sogar ein regelrechter Anschlag wurde auf Krause verübt. Als sein Auto außerhalb der Garage stand, wurden Radschrauben gelöst: „Das ging gerade noch gut.“

Im aktuellen Fall um den Itzehoer Propst Steffen Paar haben die katholischen Amtsbrüder sofort reagiert. Der Dekan für Schleswig-Holstein, Propst Christoph Giering, hat einen Solidaritätsbrief geschrieben, ebenso der Itzehoer Pfarrer Ulrich Bork. Im Gottesdienst sprach Bork deutliche Worte. „Wir müssen klar Stellung beziehen. Dazu haben wir hier eine Verpflichtung. Ich möchte mir später nicht sagen lassen – es ist geschehen, und wir haben dazu geschwiegen.“

Marco Heinen/Andreas Hüser/epd