Sternstunde des Katholizismus
Würzburger Synode: Der Geist der Freiheit
Foto: kna
Ein Blick in den Sitzungssaal während der Würzburger Synode 1973.
Edgar Büttner war während der Würzburger Synode ein junger Student. „Ich war 1972 ins Priesterseminar eingetreten und habe in Würzburg Theologie studiert“, sagt er. „Die Synodenaula war nur 200 Meter von unserem Haus entfernt.“ Es war aber nicht nur die räumliche Nähe, die ihn in den Kiliansdom führte. „Man hat uns Seminaristen damals als Helfer gebraucht“, sagt er.
Vor allem für die Verteilung von Papier. „Es wurden zig Tonnen Papier verbraucht“, sagt Büttner. „Damals gab es ja noch keine Digitalisierung.“ Stattdessen wurden die Textvorlagen diskutiert und in immer neuen Fassungen auf die Tische der Delegierten gelegt. „Abends wurde überarbeitet, über Nacht gedruckt und morgens früh verteilt“, erinnert sich Büttner. Er habe aber auch sonst häufig als Zaungast zugehört: „Viel öfter, als ich musste, es hat mich einfach interessiert.“ Schließlich hatte Büttner vor, Priester zu werden – da will man wissen, wie es mit der Kirche weitergeht.
„Rahner hat immer sehr genau zugehört“
An einige der Delegierten erinnert er sich besonders gut. An Heinz Röschert, den späteren Leiter des Würzburger Priesterseminars, zum Beispiel: „Er hat weit über das Klerikale hinaus gedacht, trat für Laien in theologischen Berufen ein und war für die Abschaffung des Pflichtzölibats.“ Oder an Karl Rahner: „Er hat immer sehr genau zugehört und, wenn es nötig war, auch vehement widersprochen.“ Etwa, als es um die Handkommunion ging und ein Bischof einwandte, man müsse auch Rücksicht auf die Weltkirche nehmen. „Da rief Rahner sinngemäß: ‚Wir sind hier aber eine regionale Synode und mehr Pluralismus ist legitim!‘“ Solcherart „Offenheit, Direktheit und Freimut“ würde er sich heute manchmal wünschen.
Beeindruckt war Büttner auch von Hanna-Renate Laurien: „Wie die vor Kopf neben Kardinal Döpfner saß und Sitzungen geleitet hat. Eine Powerfrau, die auch kein Problem damit hatte, Bischöfe zu disziplinieren.“ Dass Laurin als Frau zu einer Minderheit gehörte, ist Büttner „damals gar nicht groß aufgefallen“. Umso deutlicher sei der Unterschied zum Synodalen Weg gewesen, bei dem Büttner Jahrzehnte später Berater war: „Da haben Frauen und die Themen, die sie eingebracht haben, zu Recht eine viel größere Rolle gespielt.“
Weniger positiv ist ihm Joseph Ratzinger aufgefallen, damals Professor in Regensburg: „Der hat die Synode irgendwann verlassen. Er meinte, dieser Gremien-Katholizismus sei nichts für ihn. Das hat uns junge Leute geärgert, das haben wir uns gemerkt.“ Den Aufstieg zum Erzbischof von München und Freising, zum Glaubenspräfekten und zum Papst hat Büttner deshalb eher kritisch betrachtet: „Die ganze Ratzinger-Wojtyla-Ära wollte doch vieles zurückdrehen, was nach dem Konzil vorwärtsgegangen ist.“
Während der Würzburger Synode, sagt Büttner, habe es bei allen den Wunsch gegeben, voranzukommen: „Da gab es auch unter den Bischöfen niemanden, der sich verweigert hätte – so wie es heute manche tun.“ Auch Furcht vor Rom war nicht zu spüren. „Kardinal Döpfner hatte keine Auseinandersetzung mit Papst Paul VI. gescheut, klar in der Sache und diplomatisch klug.“ Auch in Rom missliebige Voten wie der Sakramentenempfang für wiederverheiratet Geschiedene oder die Laienpredigt seien von allen mitgetragen worden: „Alle wollten einen gemeinsamen Weg gehen. Döpfner haben sie alle vertraut. Er starb viel zu bald nach der Synode.“
„Ein Christ kann kein Pessimist sein“
In Erinnerung blieben ihm die optimistische Stimmung, die Gespräche auf Augenhöhe, das gleiche Rede- und Stimmrecht für Kleriker und Laien. In der Kirche war das noch neu, aber Büttner sagt: „Eigentlich war das für mich auch damals schon die pure Selbstverständlichkeit. Meine Generation hat in Jugendarbeit, Schule und Gesellschaft immer schon viel diskutiert. Das wollten wir jetzt auch in der Kirche.“
Wobei Grenzen des Verhandelbaren akzeptiert wurden. Etwa, dass die Bischöfe ihr Veto einlegten, als die Synode über den Pflichtzölibat diskutieren wollte: „Das wurde hingenommen. Zwar unter Protest und obwohl die Jüngeren damals überzeugt waren: Wir wissen zwar nicht, wann verheiratete Männer zum Priesteramt zugelassen werden, aber sicher zu unserer Lebenszeit.“
Wenn man die Würzburger Synode und den Synodalen Weg vergleicht, sagt Büttner, dann waren die Themen damals vielfältiger: Religionsunterricht, Jugendarbeit, Kirche und Arbeiterschaft, Frieden. Der Synodale Weg habe „viel tiefer gegraben“. Macht in der Kirche, Missbrauch, (Homo-)Sexualität, die Rolle der Frau – das alles sei theologisch durchdebattiert worden: „Man ging einfach noch mehr ins Eingemachte.“
In den folgenden Jahren mussten alle erleben, dass der Schwung der Würzburger Synode versickerte – auch, weil 15 der 16 Voten, die die Synode an den Vatikan richtete, unbeantwortet in den römischen Schubladen verstaubten. Trotzdem sagt Büttner: „Resignation passt nicht zum Glauben, ein Christ kann kein Pessimist sein.“ Auch die Israeliten seien 40 Jahre durch die Wüste gewandert und aus der Wirtschaft wisse man, dass große Veränderungen meist nicht linear, sondern im Vor-und-Zurück ablaufen. „Das dauert halt alles“, sagt er. Und wünscht sich doch mehr Risikofreude und Mut. Besonders von den Bischöfen.
Zur Person
Edgar Büttner (73) wurde 1978 in Würzburg zum Priester geweiht. Später schied er aus dem Dienst und heiratete seine Frau Elisabeth. Er engagiert sich weiter in der Kirche, etwa in der Initiative „Priester im Dialog“, die sich dafür starkmacht, ausgeschiedenen Priestern kirchliche Berufe zu ermöglichen.