Pilgerinnenreise des Bistums Magdeburg auf den Spuren Mechthilds von Magdeburg
Keine Heilige
Fotos: Johanna Marin
Angelika Pohler (Mitte) und Pater Justinus (Zweiter von rechts) fachsimpeln mit der Initiatorin der Pilgerreise, Maria Faber (rechts), über die Abschrift.
„Nach der Wende sind dort Träume wahr geworden.“ Barbara Striegel, Mitbegründerin der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands, sitzt auf Steinstufen, mehr als ein Dutzend andere Frauen um sie herum. Hinter ihnen türmt sich eine gewaltige Kirche auf. Sie spricht über das Kloster Helfta in Eisleben, ein Zisterzienserinnenkloster, das inzwischen ein beliebter Frauenort im Bistum Magdeburg ist. Dabei befindet sie sich gerade gar nicht in Sachsen-Anhalt und das Kloster hinter ihr ist auch kein Frauenort, sondern das Männerkloster Einsiedeln in der Schweiz. Sie und ihre Wegbegleiterinnen wollen zum zwei Kilometer entfernten Kloster Au, zu Fuß sind sie unterwegs. Denn es gibt jemanden, der das Kloster Helfta mit dem Kloster Au verbindet: Mechthild von Magdeburg.
„Mechthild war eine hochpolitische Frau. Sie hat sich mit den Mächtigen angelegt“, sagt Christine Böckmann. Gemeinsam mit Barbara Striegel, Maria Faber, Schwester Sylvia Laumen und der evangelischen Pfarrerin Hanna Manser hat sie die Reise vorbereitet, auf der sie sich heute befinden: die Pilgerinnenreise in die Schweiz, unter dem Motto „Worauf G*tt ihre Hoffnung setzt, das erkühne ich mich“. Mechthild von Magdeburg war Begine, also eine Frau, die ein klosterähnliches Leben führte, ohne einem Orden anzugehören. Sie lebte im 13. Jahrhundert und erfuhr immer wieder mystische Visionen. Dass sie diese niederschrieb, zeugt zum einen bis heute von der Bildung, die Frauen im Hochmittelalter genossen. Zum anderen stellen ihre Niederschriften auch für Germanisten ein wichtiges Zeugnis dar: Ihr Werk ist eines der frühesten deutschsprachigen Schriftstücke, verfasst in Mittelniederdeutsch.
Maß halten – auch in der Sorge
Ihre mittelniederdeutsche Schrift ist heute verschwunden, dafür sind Abschriften aus dem 14. Jahrhundert erhalten. „Das fließende Licht der Gottheit“ heißt ihr Werk, in dem sie ihre Visionen und Gedanken niederschrieb. Gebete wechseln sich ab mit Darstellungen der Hölle und des Fegefeuers, sie beschreibt die Vereinigung ihrer Seele mit Christus intim und nahezu erotisch, rügt weltliche und kirchliche Machthaber für ihr Handeln. Mit ihren Aussagen eckte sie damals an – und wurde ins Kloster Helfta versetzt. Dass sie in ihrer Zeit eine kritische Stimme war, fasziniert die Pilgerinnen von heute. „Ihre Texte haben an Aktualität nichts verloren“, sagt etwa Barbara Striegel. „Sie hat in Gott nicht nur den herrschenden Mann gesehen, sondern auch die liebende, zärtliche Frau“, fügt eine Pilgerin hinzu, „das brauchen wir auch heute!“ Maria Faber, die die Pilgerinnenreise initiiert hat, beeindruckt vor allem, dass Mechthild in ihren Texten dazu riet, Maß zu halten. „Eine heilige Aufmerksamkeit sollen wir auf uns selbst haben, hat Mechthild geschrieben. Wohlgemerkt: nicht unsere gesamte Aufmerksamkeit, sondern eine heilige. Da ist Maß angesagt“, sagt Faber und fügt hinzu: „Besonders ihre Aussage ‚Betrübe dich nicht zu sehr‘ hat es mir angetan.“ Sie schmunzelt: „Mechthild erkennt an, dass es in der Welt Grund zur Betrübnis gibt. Aber auch im Betrübtsein sollen wir Maß halten und nicht darin versinken.“
Eine Abschrift des „Fließenden Lichts der Gottheit“ aus dem 14. Jahrhundert war der Anlass, wieso die Pilgerinnen aus dem Bistum Magdeburg, die unterschiedlichen Konfessionen angehören, sich auf den Weg in die Schweiz machten. Denn die Abschrift gehört eigentlich den Benediktinerinnen des Klosters Au. Im Mittelalter wurde es ihnen, damals noch Waldschwestern genannt, geschenkt. Doch so ein altes Buch ist empfindlich und muss besonders behutsam gelagert werden. Deshalb liegt es inzwischen nicht mehr im Kloster Au, sondern in der Stiftsbibliothek des Klosters Einsiedeln. Heute jedoch macht es einen Ausflug und kehrt zurück an seinen ursprünglichen Platz.
Als die Frauen zu Fuß das Kloster Au erreichen, eine kleine Wanderung vorbei an grünen Hügeln und Kuhweiden hinter sich, fährt gerade ein Auto vor. Pater Justinus aus dem Kloster Einsiedeln bringt das Manuskript – in einer unscheinbaren grauen Plastikbox. „Das Buch darf nicht zu feucht werden“, erklärt er. Temperaturschwankungen hingegen halte es aus – allerdings nur langsam. Plötzliche Veränderungen seien schädlich. Die weißen Handschuhe, mit denen er das Buch aus der Box hebt und behutsam auf den Altar legt, seien umstritten. Pergament sei so stabil, dass auch gewaschene, trockene Hände ausreichten. Papier sei zwar empfindlicher, doch durch die Handschuhe verliere man die Sensibilität und die Gefahr, das Papier zu beschädigen, steige, sagt er. Dann fängt er an zu lachen: „Schlussendlich benutzt man die Handschuhe vor allem, um die Leute zu beeindrucken.“
Beeindruckt sind die Pilgerinnen auch – allerdings nicht von den Handschuhen, sondern von der Abschrift und davon, Mechthilds Worten so nahe zu sein. Priorin Felizitas vom Kloster Au und ihre Mitschwestern treten auf das Buch zu. Endlich ist es wieder bei ihnen, wenn auch nur für kurze Zeit. „Fließe, gutes Gotteslicht, in den Ursprung meines Ichs, dass ich mich erkenne. Fließe Gottes Licht“, singen die Pilgerinnen eine Vertonung von Mechthilds erster Vision. Die Frauen reihen sich auf, um nacheinander zu dem Buch zu gehen, die Worte in dieser für uns heute kaum lesbaren Schrift zu entziffern und sich Mechthild näher zu fühlen. Einige verneigen sich, andere schauen. Nachdem alle einmal herangetreten sind, möchte niemand so richtig gehen. Das Buch noch immer auf dem Altar, beugen sich einige der Frauen erneut darüber. Angelika Pohler, eine der Pilgerinnen, ist gelernte Buchbinderin. Mit vorsichtigen Fingern – und selbstverständlich mit weißen Handschuhen – hebt sie das Buch an. „Das wurde mit einer Gänsefeder auf Pergament geschrieben“, erkennt sie. „Schaut nur, wie fein die Schrift ist, obwohl man damals noch nicht mit Stahlfedern geschrieben hat. Und die Pergamentseiten sind ganz fein geschabt!“ Ging mal ein Tintenklecks daneben, war das nicht allzu schlimm, erläutert sie. Die Schreiber ließen die Tinte trocknen und schabten sie ab, wie heute beim Radieren.
Nicht nur aus theologischer und sprachwissenschaftlicher Sicht ist das Buch spannend. Es ist auch das einzige Dokument, in dem die heilige Jutta von Sangerhausen erwähnt ist. Eine Einsiedlerin, die mit Mechthild von Magdeburg Kontakt hielt. Beide Frauen widmeten ihr Leben Gott, ohne einem Orden beizutreten. Dafür erleben die Pilgerinnen aus Magdeburg auf ihrer Reise umso mehr Ordensleben. Nachdem sie sich von dem Buch getrennt haben, verabschieden sie sich von den Benediktinerinnen des Klosters Au, um zurück zu ihrer Herberge zu fahren: dem Kloster Fahr in der Nähe von Zürich. Auch dort leben Benediktinerinnen.
Im Kloster – zwischen Gehorsam und Freiheit
Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr begleitet die Frauen, die in die Schweiz gereist sind, wo sie kann. Dabei erzählt sie auch von ihrem Leben im Kloster. Sie haben einen Klostergarten, aus dessen Erträgen sie köstliche Speisen zubereiten, und eine Webwerkstatt, in der sie Paramente, also liturgische Gewänder und Stoffe, herstellen. Die Benediktinerinnen hier haben ihren eigenen Schleier entworfen. „Der sieht so wahnsinnig elegant aus“, schwärmt eine Pilgerin, die selbst zur Congregatio Jesu gehört – einem Frauenorden, in dem die Schwestern zivil tragen. Doch während die Pilgerinnen die Kleidung der Benediktinerinnen bewundern, sagt die Priorin: „Ich könnte auch in Hose und Bluse eine Benediktinerin sein.“ Sie würde sich ein Gewand wünschen, das im Alltag praktischer ist. Andererseits: „Auch bei Frauen wirkt der Schleier als Machtzeichen“, wirft Maria Faber ein und schmunzelt: „Dir, Irene, sind am Bahnhof in Zürich einfach alle gefolgt. Mir haben sie am Tag darauf widersprochen.“
Die Klöster Fahr und Einsiedeln bilden zusammen ein Doppelkloster. Für die Schwestern im Kloster Fahr sei es manchmal ein Wehrmutstropfen, dass den Männern in dieser Konstellation bei den meisten Fragen die letzte Entscheidung obliegt. Gleichzeitig, sagt Priorin Irene Gassmann, sehe sie das gelassener, je älter sie werde. „Wenn ein Kloster weniger als fünf Schwestern oder Brüder hat, wird in Rom entschieden, was mit den Gebäuden passiert“, erzählt sie. „Da wir kein selbstständiges Kloster sind, gilt diese Regelung für uns allerdings nicht. Das gibt uns auch eine gewisse Freiheit.“ Wie viele Klöster kämpfen auch die Benediktinerinnen mit Überalterung. Der Nachwuchs fehlt. Deshalb versuchen sie, neue Wege zu gehen: zum Beispiel mit zwei Frauen, die freiwillig im Kloster mitleben, ohne dem Orden beizutreten. Die Priorin blickt inzwischen entspannt auf ihre immer älter werdenden Mitschwestern: „Mir hilft der Gedanke, dass in der biblischen Heilsgeschichte oft hochbetagte Menschen im Zentrum standen. Und dann kam etwas Neues!“ Vielleicht, so hofft sie, bereiten ihre betagten Schwestern gerade den Boden für Zukünftiges.
Die Magdeburger Pilgerinnen schnuppern in dieser Woche ganz intensiv Klosterluft, nehmen am Stundengebet teil und lernen neben den frommen Schwestern im Kloster Au und den engagierten Schwestern im Kloster Fahr auch Schwestern in zivil – etwa aus dem ökumenischen Katharinawerk in Basel – kennen. „Die Schwestern hier haben einen feinen, hintersinnigen Humor, der mich immer zum Mitschmunzeln einlädt“, verrät eine der Pilgerinnen. Eine andere will sich beibehalten, was sie erfahren hat: „Ich habe mein Gästezimmer hier in dieser Woche auch als Klause zum Nachdenken benutzt“, sagt sie, „dieses Gefühl möchte ich mit nach Hause nehmen: dass ich mir auch in meiner Wohnung daheim mit meinem Mann mal Zeit und Raum allein für mich nehme.“
Frauen, die das Leben lieben. Unter dieses Motto haben Priorin Irene Gassmann und ihre Mitschwestern ihr Kloster gestellt. Und mit diesem Gedanken gehen auch die Pilgerinnen wieder zurück in ihren Alltag, gestärkt von den Geschichten all der Frauen – lebendige, schon lange verstorbene und heilige – die sie kennengelernt haben. „Wenn wir starke Frauen sein wollen, fangen wir nicht bei Null an“, sagt Mit-Organisatorin Christine Böckmann, „sondern wir können auf dem aufbauen, was vorher war. Und da können wir uns glücklich schätzen.“