Emsländerin sammelt Gebet in vielen Sprachen

Das Vaterunser auf Weltreise

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Ordner mit Gebeten
Nachweis

Foto: Petra Diek-Münchow

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Die ganze Welt in einer Mappe: Hinter jedem handgeschriebenen Vaterunser steckt eine Geschichte.

Das Vaterunser ist das wichtigste Gebet der Christen. Überall auf der Welt richten Menschen diese Bitten an Gott. Karolina Schwarte aus dem emsländischen Börger sammelt seit über 20 Jahren das Vaterunser in unterschiedlichen Sprachen und Dialekten. Über 60 Versionen stecken in einem Ordner – alle von Hand geschrieben.

„Wir müssen mal ein bisschen Platz auf dem Tisch schaffen“, sagt Karolina Schwarte, schiebt die Kaffeetasse an die Seite und schlägt die prall gefüllte Akte einfach in der Mitte auf. Da landet sie gleich bei einem Exemplar des Vaterunsers, das sie besonders liebt: in akkurat geschwungenen Lettern, die acht Zeilen fein säuberlich untereinander. „Das ist Aramäisch“, erklärt die 83-Jährige und streicht fast ein wenig liebevoll über das Papier. Ein Pater hat das für sie mit Tinte mehr aufgemalt als geschrieben. Aber nicht nur deshalb mag Karolina Schwarte diese Version so sehr. „Aramäisch – das war die Sprache von Jesus und seinen Jüngern.“

Dieses Blatt ist nur eines von mehr als 60 Vaterunser-Versionen aus aller Herren und Frauen Länder, die Karolina Schwarte seit über 20 Jahren sammelt. Und der Ordner liegt nun nicht mehr nur im heimatlichen Wohnzimmer der Familie, sondern als schön aufgearbeitete Kopie auch auf einem Tisch in der katholischen Kirche in Börger. Darüber freut sich Pfarrbeauftragte Doris Brinker sehr. Gerade jetzt kommen viele Gäste in das Gotteshaus, die entweder Urlaub im nördlichen Emsland machen oder über den Hümmlinger Pilgerweg laufen. „Die können gern bei uns eine Pause machen und dann durch diese tolle Akte blättern“, sagt die Gemeindeleiterin.

Sammlerin Vaterunser
Karolina Schwarte aus Börger hat das Vaterunser in vielen Sprachen gesammelt. Foto: Petra Diek-Münchow

Betrachter können so mit dem Vaterunser auf eine Weltreise gehen. Es gibt das Gebet nicht nur auf Englisch, Französisch, Niederländisch, Spanisch, Italienisch, Russisch oder Polnisch – sondern von fast allen Kontinenten auch in verschiedenen Regionalsprachen und Dialekten, mit ganz anderen Schriftzeichen und Symbolen. Karolina Schwarte blättert Seite um Seite weiter – zeigt Blätter aus Schweden und Uganda, aus Indien und Japan, in Hindi und Schwyzerdütsch, in Latein und Altgriechisch. „Und natürlich habe ich das auch in Plattdeutsch“, sagt sie und liest die erste Zeile laut vor: „Use Vader in’n Himmel ...“

Auf der ganzen Welt gibt es Christen, die alle das gleiche Gebet haben.

Das allererste Blatt ihrer Sammlung liegt ganz hinten in dem Ordner: ein schon leicht vergilbtes Tütchen einer Missio-Sammlung aus dem Jahre 1997, vom Sonntag der Weltmission. Darauf war das Vaterunser in chinesischen Schriftzeichen abgedruckt. „Das fand ich so interessant, dass ich mir das weggelegt habe.“ Ein paar Jahre passierte damit erst mal nichts – bis zum Weltjugendtag 2005 in Deutschland mit den „Tagen der Begegnung“ auch im Bistum Osnabrück. Wie viele andere Familien hatten auch die Schwartes junge Leute in ihrem Haus aufgenommen – aus Honduras. Dieser noch einige Jahre danach andauernde Kontakt, das gemeinsame Beten und Singen brachten Karolina Schwarte auf die Idee, das Vaterunser in verschiedenen Sprachen gezielt zu sammeln.

Die Frage nach dem „Warum“ kann sie schnell beantworten. „Auf der ganzen Welt gibt es Christen, die alle das gleiche Gebet haben – das Vaterunser. Das verbindet uns alle. Egal, wo wir herkommen, wie wir leben und aussehen“, sagt sie und findet den Gedanken  ausgesprochen schön, dass vielleicht genau in diesem Moment irgendwo in Nigeria, Bolivien oder auf „Kölsch“ dieses Gebet gerade in einem Gottesdienst oder zu Hause gesprochen wird. „Theoretisch könnten sich Menschen aus 50 Nationen in einer Kirche treffen und jeder könnte einfach in seiner Sprache beten, und das wäre völlig okay. Das Amen am Ende ist ohnehin immer gleich.“

GebetAuch für sie selbst ist das Vaterunser ein zentrales Gebet. Dafür braucht sie kein Buch, kein Blatt, kein Handy – das kann sie als bodenständige emsländische Katholikin „natürlich auswendig“. Karolina Schwarte stammt aus Klein Berßen, ist in Börger aufgewachsen, hat hier ihren Mann geheiratet und mit ihm drei Kinder großgezogen. Nach ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau war sie zuerst in einer Bank beschäftigt und hat später im Familienbetrieb mitgearbeitet. „Wir waren im weiten Umkreis für Schinken und Haxen bekannt“, erzählt sie mit ein wenig Stolz in der Stimme. In allen Phasen des Lebens, in guten und auch zeitweise schwierigen, war und ist der Glaube Fundament für sie. „Das trägt mich einfach, das ist meine Richtschnur“, sagt sie und erzählt von ihrem Engagement in der Kirchengemeinde, früher unter anderem im Pfarrgemeinderat und im Kirchenvorstand.

Alle Leute, die ich irgendwie kannte und irgendwo getroffen habe, habe ich einfach danach gefragt.

Dass der Glaube ihr ganz persönlich wichtig ist, spiegelt sich in dem Vaterunser-Ordner wider. Denn auch der hat viele persönliche Noten. Die über 60 Versionen hat sie nicht einfach nur irgendwo abgeschrieben, sondern von vielen Menschen an der Haustür, bei einem Besuch oder per Post bekommen. Und allesamt handgeschrieben, nicht mit Schreibmaschine oder Computer. Darum hat sie stets extra gebeten und alle sind diesem Wunsch nachgekommen. Für sie steckt darin der Gedanke, dass sich jemand Zeit nimmt, sich in Ruhe hinsetzt und einen Moment mit dem Gebet beschäftigt. Gefragt hat sie für die Sammelaktion stets Leute aus ihrem Umfeld und deren Umfeld. Das waren dann mal ein Gastpfarrer aus Afrika oder ein Herz-Jesu-Priester mit Kontakten in die Mission, Teilnehmer einer Pilgertour in Irland oder eine Austauschschülerin aus Südamerika, Besucher einer Wallfahrt nach Lourdes oder Ordensschwestern mit Diensten im Ausland. „Alle Leute, die ich irgendwie kannte und irgendwo getroffen habe, habe ich einfach danach gefragt.“

Es gab kaum Absagen. Eher noch zusätzliches Material, das jetzt hinter den Gebeten in den Klarsichthüllen steckt: Fotos und Postkarten, Flyer und Liedzettel, Grüße und Dankesworte auf linierten und karierten Blättern, Andenken besonderer Art. So wird der Ordner wie eine Reise durch Glaubensorte und   geschichte. Zudem hat Karolina Schwarte ihre seit Jahren gepflegte kreative Ader in der Mappe ausgelebt. Viele Blätter hat sie mit Zeichnungen und kleinen Gemälden dekoriert. Mal sind es Blumen, mal passende Symbole, von der Friedenstaube über Kerzen bis zur haltenden Hand. So ist es nicht nur ein Lese-, sondern auch ein Schau-Buch.

Ist die Sammlung denn nun beendet? Karolina Schwarte klappt den Ordner  zu und lächelt sachte. „Wenn ich noch weiter was bekomme, wer weiß …“ Das Praktische an einem Ringordner ist ja, dass sie jederzeit ein Blatt dazuheften könnte. Platz ist noch da.

Petra Diek-Münchow