Neue Gesprächsgruppe für Angehörige von Suchtkranken
Endlich Entlastung
Foto: Myriam Zilles/Unsplash.com
Alarmierend: Der Medikamentenkonsum im Schulalter nimmt zu.
Sucht ist kein Randproblem, sondern betrifft Millionen Menschen. Warum wird eine Suchterkrankung dennoch oft verschwiegen?
Das hat viel mit der gesellschaftlichen Sichtweise zu tun. Wir erleben häufig, dass selbst Betroffene ihre Sucht nicht als Krankheit definieren, sondern als persönliches Versagen. Weil oft auch von außen suggeriert wird, dass man ja aufhören könne, wenn man das wirklich wolle. Suchterkrankte haben einen schlechten Ruf: Das sind doch diejenigen, die am Bahnhof sitzen! Dabei sind die meisten sind ganz normal unterwegs, gehen einer Berufstätigkeit nach und sind in einen Familienalltag eingebunden. Die Sorge, gesellschaftlich stigmatisiert zu werden, ist groß, deshalb outen sich nur wenige.
Ab wann wird es ein Zuviel: an Alkohol, an Tabletten oder anderen Suchtmitteln?
Sucht ist ein schleichender Prozess. Betroffene kommen oft erst in die Beratungsstellen, wenn sie merken, dass ihr Konsum gravierende Folgen hat. Sie brauchen im Schnitt zehn bis 15 Jahre, um sich Hilfe zu holen. Dem gehen oft viele Selbstversuche voraus, dem Teufelskreis Sucht zu entkommen. Man trinkt zum Beispiel einen Monat lang keinen Alkohol, und wenn man das schafft, denkt man, ach, so schlimm ist es gar nicht. Um sich eine Suchterkrankung einzugestehen – das ist mitunter ein langer therapeutischer Weg.
Wie haben sich Suchterkrankungen im Laufe der Zeit verändert?
Die Konsum-Muster verändern sich: Es werden mehr und härtere Substanzen konsumiert. Vor allem in den großen Städten nimmt der Crack-Konsum zu. Crack macht stark süchtig und wirkt sich verheerend auf die Gesundheit aus. Zugleich steigt die Kriminalitätsrate. Den klassischen Alkoholabhängigen erleben wir heute weniger. Stattdessen kommen viele jüngere Menschen zu uns, die verschiedene Sachen konsumieren, etwa Alkohol und Cannabis, um ruhiger zu werden, Kokain und Amphetamine, um Party zu machen. Was ich sehr bedenklich finde, ist eine Zunahme an Medikamentenkonsum im Schulalter. Wir sprechen da zum Beispiel von Opiaten. Hinzu kommt die Abhängigkeit von Medien, von Pornografie oder Gaming. Diese Zahlen steigen seit Jahren.
Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Die Ursachen sind verschieden. In einer jungen Therapiegruppe, die ich betreue, spielt zum Beispiel Leistungsdruck eine Rolle: In einer beschleunigten Gesellschaft wird immer mehr Leistung gefordert, Arbeit verdichtet sich. Wir sind auch nach der Corona-Pandemie nicht so richtig aus dem Krisenmodus herausgekommen. Menschen klagen über Einsamkeit oder sind in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Einigen jungen Menschen fehlen durch die Coronazeit soziale Kompetenzen, auch da ist beispielsweise Alkohol ein sozialer Schmierstoff, um leichter in Kontakt zu kommen. Suchtmittel „helfen“ nur kurzfristig, sich besser zu fühlen.
Wann wird die Sucht zum ernsthaften Problem auch für Familie und Freundeskreis?
Der Suchtkranke ist zum Beispiel reizbar, unberechenbar und unzuverlässig, Termine werden einfach abgesagt, und es gibt einen großen Vertrauensverlust, weil der Betroffene immer wieder verspricht, dass er sich ändert. Viele Angehörige erleben ein Ohnmachtsgefühl, sie sind verzweifelt, manche geraten über die Jahre in eine Co-Abhängigkeit und versuchen, das Familiensystem irgendwie aufrechtzuerhalten.
Wie können die Angehörigen selbst bei Kräften bleiben?
Wer mit einer suchterkrankten oder suchtgefährdeten Person zusammenlebt oder eng verbunden ist, kennt die Gefühle zwischen Sorge, Hilflosigkeit, Wut oder Schuld. Viele Angehörige gehen an ihre körperlichen und psychischen Grenzen. Es ist wichtig, dass sie sich entlasten, sei es in einer offenen Gruppe oder in Einzelgesprächen in einer Beratungsstelle. Manchmal empfehlen wir ihnen auch, sich eine Psychotherapie zu suchen.
Mit welchem Ziel ist die Gruppe für Angehörige von Suchtkranken und -gefährdeten gestartet?
Angehörige sind oft die Ersten, die Hilfe suchen – und gleichzeitig diejenigen, die am wenigsten Unterstützung bekommen. Unsere neue Gruppe setzt genau dort an: Wir wollen einen sicheren Raum schaffen, in dem sich Angehörige verstanden fühlen und neue Perspektiven entwickeln können. Wir bieten Entlastung, Wissen und den Austausch mit Menschen in ähnlichen Situationen. Wir freuen uns, dass ein ehemals selbst betroffener und erfahrener Suchtkrankenhelfer die Gruppe ehrenamtlich leitet. Seine Perspektive bringt besondere Nähe, Authentizität und ein besseres Verständnis.
Zur Sache
Die offene Gruppe für Angehörige von Suchtkranken und -gefährdeten ist ein Angebot der Fachambulanz Suchtprävention und Rehabilitation der Caritas Bremen. Sie trifft sich am ersten Montagabend im Monat (Ort und Zeit nach Anmeldung). Interessierte könnten ergänzend Einzelgespräche vereinbaren, sagt Leiterin Eileen Teuber. Das Angebot ist kostenlos. Anmeldung: montags bis donnerstags von 13 bis 14 Uhr unter Telefon 04 21/33 57 30.