Caritas im Bistum Osnabrück bietet Ukraine-Sprechstunden an

„Es ist ein harter Kampf“

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Beraterinnen Ukraine
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Foto: Anja Sabel

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Die Caritas-Beraterinnen Tanja Stockert (links) und Olga Ilustchenko bieten in Osnabrück zweimal wöchentlich Ukraine-Sprechstunden an.

Vor vier Jahren, am 24. Februar 2022, begann der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Seither haben die Menschen im Land unermessliches Leid zu tragen. Für Geflüchtete, die in der Stadt und im Landkreis Osnabrück leben, bieten die Caritas-Beraterinnen Tanja Stockert und Olga Ilustchenko zweimal wöchentlich Ukraine-Sprechstunden an. Denn Hürden, Angst und Sorge gibt es auch in der neuen Heimat.

Die beiden Sozialarbeiterinnen haben einen großen Vorteil: Sie sprechen auch Russisch. Tanja Stockert ist in Kasachstan geboren, Olga Ilustchenko in Weißrussland.

Der Krieg in der Ukraine geht ins fünfte Jahr. Inwieweit beschäftigt das die Ukrainerinnen und Ukrainer, die zu Ihnen in die Beratung kommen?

Ilustchenko: Viele von ihnen verfolgen täglich, was in der Heimat passiert. Wenn sie bei uns sitzen, piept ständig das Handy. Es ist gut, dass sie in Kontakt mit Familienmitgliedern und Freunden in der Ukraine sind, aber sie können das Gefühl, hier in Sicherheit zu sein, nicht immer genießen. Beunruhigt von den schlechten Nachrichten, sind sie oft angespannt. 
Stockert: Das kann ich bestätigen, aber ich habe auch Klientinnen und Klienten, die sich bewusst abgrenzen. Sie wissen, dass sich der emotionale Ausnahmezustand auf das Familienleben auswirkt. Die Sorge um das Heimatland und die Verwandten dort ist verständlich, wichtig ist aber auch das Hier und Jetzt und sich Ziele zu setzen. Viele haben sich damit abgefunden, hierzubleiben. Sie hätten ja nicht mal einen Ort, an den sie zurückkehren könnten, die Häuser sind zerstört, das Hab und Gut ist verloren; sie sind gezwungen, sich hier etwas Neues aufzubauen. Darin unterstütze ich sie.
Ilustchenko: Bei den einen geht das besser, bei anderen schlechter. Es hängt auch vom Alter ab. 
Stockert: Genau. Jüngeren Leuten fällt es leichter, neu anzufangen. Die etwas Älteren, ab 50 aufwärts, sind einfach müde, sie wollen ein ruhiges Leben. 

Wer kommt in Ihre Ukraine-Sprechstunde?

Stockert: Wir beraten Geflüchtete ab Mitte 20 bis ins Rentenalter. Meistens Frauen, aber auch Familien, die bei Kriegsbeginn noch die Möglichkeit hatten, auszureisen. Später wurde es für wehrpflichtige Männer schwierig, das Land zu verlassen.
Ilustchenko: Seit August 2025 dürfen ukrainische Männer vor dem wehrpflichtigen Alter ihr Land verlassen. Wer bleibt, muss jederzeit damit rechnen, einberufen zu werden. Es kommt auch vermehrt zu Familiennachzug. Ich berate zurzeit eine schwangere Frau, deren Mann Kriegsdienst geleistet hat und verletzt wurde. Jetzt will sich die Familie mit bald zwei Kindern ein neues Leben in Deutschland aufbauen.  

Wie können Sie helfen?

Stockert: Die erste Frage lautet oft: „Jetzt bin ich hier, was sind die nächsten Schritte?“ Die Menschen brauchen eine Wohnung, müssen Anträge stellen, unter anderem einen Antrag für den Paragrafen 24 des Aufenthaltsgesetzes, der den vorübergehenden Schutz für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine in Deutschland regelt. Wir helfen, geben Tipps – und ich weise darauf hin, dass alles mit Wartezeiten verbunden ist. Man muss sich in Geduld üben. Das fällt schwer. Aber bei vielen, die ich schon länger berate, funktioniert die Hilfe zur Selbsthilfe wunderbar, sie haben erfolgreich Sprachkurse abgeschlossen, arbeiten oder haben mit einer Ausbildung begonnen. Wenn es Probleme gibt, etwa mit Vermietern oder dem Jobcenter, bin ich natürlich weiterhin ansprechbar. Außerdem sind wir immer auf dem neuesten Stand, was neue Richtlinien und geplante Gesetzesänderungen betrifft.

Wie haben sich die Flüchtlingszahlen entwickelt?   

Stockert: Der Zustrom ist abgeebbt. Kurz nach Kriegsausbruch haben wir an vier Tagen in der Woche beraten, da saßen täglich 20 bis 30 Menschen hier. Mittlerweile sind die Zahlen überschaubar, aber wir haben noch immer neue Klienten. Wer einreist, hat meistens schon Familie hier. 

Wenn Sie ein Stimmungsbild zeichnen müssten: Wie geht es den Ukrainern in Deutschland?

Stockert: Ich berate meistens junge Familien, die mittlerweile integriert sind, wo es in der Schule, im Job, in der Ausbildung gut läuft. Aber es ist ein harter Kampf. Dazu gehört auch, gewisse Dinge anzunehmen und hinzunehmen, Erwartungen herunterzuschrauben. Zum Beispiel, wenn es um langwierige Anerkennungsverfahren für berufliche Qualifikationen geht. Ich sehe Lehrerinnen vor mir, Mitte 40, Anfang 50, die sich weigern, putzen zu gehen. Dafür habe ich volles Verständnis. Es gibt aber auch Menschen, die nicht vom Jobcenter abhängig sein wollen, die sagen: „Ich bin Ingenieur und gehe trotzdem erst mal putzen. Hauptsache, ich muss keine staatlichen Leistungen in Anspruch nehmen.“ Einfach nur zu Hause zu sitzen, ist für die meisten psychisch belastend – weil die Kommunikation, die sozialen Kontakte fehlen.

Was bedeutet es, wenn Menschen aus einem Kriegsgebiet fliehen und noch einmal ganz von vorn anfangen müssen?

Stockert: Es verlangt ihnen alles ab. Allein, wenn ich daran denke, wie schwer wir es damals als Spätaussiedler hatten – und wir sind freiwillig nach Deutschland gekommen. Welch ein Trauma muss es für Menschen sein, die ohne Hab und Gut fliehen mussten, die alles verloren haben. Vielen blieb nicht mal Zeit, ihre Papiere einzupacken.

Reden Ihre Klienten über diese traumatischen Erlebnisse?

Stockert: Ja, oft kommen die Emotionen hoch, dann fließen Tränen. Eine Klientin zum Beispiel hat bis zur Erschöpfung gearbeitet, um ihren Lebensunterhalt selbst finanzieren zu können, um keine Leistungen beantragen zu müssen. Sie hat sich unter Druck gesetzt, weil sie Angst hatte, sonst ausgewiesen zu werden. Andere steigern sich so stark in Ängste hinein, dass sie blockiert sind und regelrecht gelähmt. In der Beratung geben wir ihnen Raum. 
Ilustchenko: Sie erzählen uns vieles, ob von Problemen beim Einkauf oder bei Behördengängen. Sie dürfen alles, was ihnen guttut: ihren Frust ablassen und auch in ihrer Muttersprache reden. Ich verstehe Ukrainisch, kann aber nur auf Russisch antworten. 

Welche Erfahrungen machen Geflüchtete aus der Ukraine mit Einheimischen?

Stockert: Zu Beginn war die Hilfsbereitschaft enorm. Da sind ehrenamtliche Helfer sogar mit in unsere Beratung gekommen. Das ist zurückgegangen, alle sind müde. Nach vier Jahren wird erwartet, dass die Ukrainer selbst im Alltag klarkommen. Das ist auch der Fall. Viele sind gut sozialisiert und vernetzt, die Ukrainer sind in der Regel sehr offene Personen. Es gibt nur wenige, die keinerlei Kontakt zu Einheimischen haben.

In welchem Spannungsfeld bewegen sich Hoffnungen und Zukunftswünsche?

Ilustchenko: Die meisten fühlen sich in Deutschland wohl und schließen mit der Ukraine ab. Weil die Zukunft dort so ungewiss ist, selbst wenn der Krieg eines Tages endet. In die besetzten Gebiete zum Beispiel können sie nie wieder zurück.
Stockert: Wer aus großen Städten wie Kiew kommt, ist oft noch unentschlossen. Einige pendeln noch immer hin und her. Ich weiß von einer Familie, deren Tochter versucht hat, in Kiew zu studieren. Mittlerweile ist sie wieder in Deutschland. Der Winter kam, und sie hat wegen der Luftangriffe auf Kiew mehr im Keller gesessen als in der Uni. Kaum vorstellbar, wie extrem das auf die Psyche schlagen kann.
Ilustchenko: Ich kenne auch Familien, deren Kinder parallel zur deutschen auch online die ukrainische Schule absolvieren – weil sie sich alle Optionen offenhalten wollen. Und es gibt Studierende, die nachmittags noch Online-Vorlesungen an ukrainischen Unis haben. 
Stockert: Mit dieser Doppelbelastung sind aber viele überfordert. Ich rate deshalb, eine Entscheidung zu treffen und sich auf eine Sache zu konzentrieren. Denn fast jedes Kind und jeder Jugendliche hat neben der schulischen Belastung auch Kriegstraumata zu bewältigen.

Anja Sabel

3,8 Millionen Binnenflüchtlinge und 12,7 Millionen Menschen, die humanitäre Hilfe benötigen – die Zahlen der Vereinten Nationen offenbaren das katastrophale Ausmaß des menschlichen Leides in der Ukraine. Auch die Schäden an der Infrastruktur sind immens. Weit mehr als 250.000 Gebäude – unter anderem Wohnhäuser, Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser und Kulturdenkmäler – wurden seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine im Land bereits zerstört. Die Angriffe Russlands auf Kraftwerke, Umspannwerke, Fernwärmenetze setzen der Bevölkerung im strengen Winter 2025/2026 besonders zu.

Wer helfen möchte, kann auch über die Internetseite von Caritas international spenden. Dort finden sich auch weitere Informationen über die Projekte des Hilfswerkes in der Ukraine.

 

Ausstellung erinnert an getötete Kinder in der Ukraine

„Verlorene Kindheit“ heißt eine Ausstellung, die vom 4. bis 22. März im Osnabrücker Dom zu sehen sein wird. In ihr werden zwölf Schicksale von ukrainischen Kindern beschrieben, die im russischen Angriffskrieg getötet wurden. Zugleich thematisiert das Projekt – so die Initiatoren – auch die Kriegsverbrechen, die Russland in der Ukraine begeht und zeigt die brutale Realität des Krieges auf, der vor allem auch Kinder trifft.

Initiiert wurde die Ausstellung, die unter anderem auch schon in Münster gezeigt wurde, von der ukrainischen Gedenkplattform „Memorial“. Diese hat seit März 2022 mehr als 8500 Geschichten von zivilen Opfern und gefallenen ukrainischen Verteidigern dokumentiert. Für diese Ausstellung wurden nur jene Geschichten ausgewählt, deren Angehörige ausdrücklich der Veröffentlichung im Ausland zugestimmt haben.

Die Eröffnung findet statt am Mittwoch, 4. März, um 18 Uhr im Osnabrücker Dom. Den öffentlichen Wortgottesdienst feiert Generalvikar Ulrich Beckwermert. Der Chor der ukrainisch griechisch-katholischen Gemeinde in Osnabrück beteiligt sich an der musikalischen Gestaltung. Die Ausstellung in Osnabrück wurde von der ukrainisch griechisch-katholischen Gemeinde und der Fachstelle Weltkirche im Bistum Osnabrück organisiert.