Kunst in Russland
Hinter Gittern – Wie ein russischer Künstler im Gefängnis malte
Im November 2020 stellt Pawel Krisewitsch vor dem Gebäude des russischen Inlandsgeheimdienstes eine Kreuzigung nach.
Foto: Timur Markov
Als Häftling machte er Fetzen von Laken zu seinen Leinwänden und grundierte sie mit Zahnpasta. Darauf malte er mit einer Mischung aus Asche und Wasser. Für etwas Farbe schnitt er sich mit Einwegklingen in den Finger. Mit seinem Blut malte er die Gitterstäbe.
Pawel Krisewitsch (25) war 2022 in Russland zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Zuvor hatte er bereits anderthalb Jahre in Untersuchungshaft gesessen. Sein Vergehen: Kunst. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung war Krisewitsch 20 Jahre alt. Ein Jahr zuvor hatte er begonnen, mit Performancekunst auf rechtliche Willkür aufmerksam zu machen. Er wollte Aufmerksamkeit schaffen für politische Gefangene, indem er sich zum Beispiel mit Handschellen an den Zaun eines Gerichts kettete.
„Ich habe solche Aktionen durchgeführt, weil mir schon 2020 klar war, dass es keinen Sinn mehr macht, mit einfachen Parolen zu demonstrieren, weil es für alle Formen des Protests die gleiche Strafe gibt. Ich dachte, dass meine Aktionen auffällig und provokant sein dürfen, wenn ich dafür einen Tag ins Gefängnis muss, genauso wie jemand, der einfach nur ein Schild hochhält“, erklärt er. Damit die Öffentlichkeit verstand, dass es sich bei seinen Aktionen um eine Form des politischen Protests handelte, schrieb er Pressemitteilungen und ordnete seine Kunst ein.
Kreuzigung vor dem Gebäude des Geheimdienstes
Als gläubiger Protestant bediente sich Krisewitsch, der in Sankt Petersburg aufgewachsen ist, auch religiöser Symbole. Vor einem Moskauer Gebäude des Inlandsgeheimdienstes stellte er eine Kreuzigung nach. „Ich habe dieses Symbol gewählt, weil es ein bedeutendes Martyrium darstellt. Es schien mir am besten zum Bild eines modernen politischen Gefangenen zu passen“, sagt er. Für diese Performance wurde Krisewitsch 15 Tage inhaftiert.
Zur langjährigen Verurteilung kam es schließlich nach einer Aktion 2021 auf dem Roten Platz. Krisewitsch hatte eine entladene Pistole bei sich und schrie: „Vor dem Vorhang des Kremls werden Schüsse fallen.“ Er richtete die Waffe in die Luft und drückte den Abzug, den zweiten imitierten Schuss richtete er auf den Kreml, beim dritten Mal hielt er sich die Pistole an den Kopf. Der Künstler erklärt, er habe damit seine Ängste ausdrücken wollen – vor dem Himmel, vor der Regierung und vor sich selbst. Dafür wurde er festgenommen. Die Anklage: Randale.
„Ich tue, wozu ich geschaffen wurde, und folge meiner Berufung durch Gott“
„Als ich ins Gefängnis kam, war mir klar, dass es eine Prüfung ist, die ich durchstehen muss, ohne meine Würde und Menschlichkeit zu verlieren“, sagt er. Seinen Glauben habe er nie hinterfragt, im Gegenteil: Er habe ihm Kraft gegeben. „Ich dachte, dass ich tue, wozu ich geschaffen wurde, und meiner Berufung durch Gott folge. Ich habe mich darin bestärkt gefühlt, meine Fähigkeiten zu bewahren und sie zu verbessern.“ So begann der Performancekünstler zu malen und entwickelte eine eigene Technik aus Materialien, die er im Gefängnis vorfand, und eine Bildsprache mit Skeletten und verbogenen Gitterstäben. Bilder, die den Alltag der Wächter und die Innenwelt der Häftlinge darstellen.
Das Malen half ihm, denn im Gefängnis habe er sich tot gefühlt, sagt er. Besonders in der Untersuchungshaft habe er viel Zeit allein in einer Zelle verbracht und selten an die frische Luft gedurft. Deshalb wählte er Skelette als wiederkehrendes Motiv seiner Kunst. Er war inspiriert vom Schriftsteller des Goldenen Zeitalters der russischen Klassik. Fjodor Dostojewski hatte die Bedingungen in sibirischer Verbannung in seinen „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ festgehalten. Die Umstände damals seien noch schlimmer gewesen, doch die Gedanken und Formulierungen hätten ihn tief bewegt, sagt Krisewitsch – „zum Beispiel der Wunsch, die eigene Lebenszeit zu verkürzen“. Wenn er sich wünschte, dass die Strafe so schnell wie möglich vorbei gehe, dann bedeutete das im Umkehrschluss letztlich auch, dass seine Lebensjahre schneller vergehen sollen.
Katzen statt Skelette
„Neben dem Malen haben auch die vielen Briefe geholfen“, sagt Krisewitsch. Er habe Briefe aus Russland und Europa erhalten und sie alle behalten. Darin drückten Menschen ihr Mitgefühl und ihre Unterstützung aus. Seinen Antwortschreiben legte er Bilder bei, doch die wurden nach einer Weile nicht mehr an die Empfänger durchgestellt. Krisewitsch ersetzte die Skelette durch Katzen und schon wurden seine Bilder wieder weitergeleitet. „Die Katzen sind Selbstzensur“, erklärt der Künstler.
Im Januar 2025 wurde Krisewitsch vorzeitig aus der Haft entlassen, doch wiederholt unter fadenscheinigen Gründen inhaftiert, zuletzt im Dezember 2025. Den Jahreswechsel verbrachte er in Haft. Krisewitsch floh schließlich ins Exil, hält sich heute in Nordmazedonien auf und hat ein humanitäres Visum bei der Europäischen Union beantragt. Nun wartet er. Zwei Säcke voller Briefe habe er in Russland zurückgelassen, sagt er. Er hofft, sie eines Tages zu sich holen zu können.
Auf der Seite www.gefangen-in-russland.de finden Sie Informationen zu politischen Gefangenen in Russland und können vorgefertigte Briefe ausdrucken und versenden. Es besteht auch die Möglichkeit, gezielt religiös verfolgten Menschen zu schreiben.