Fröhliche Stadtspaziergänge in Bremen
Keine Schönheit im klassischen Sinne
Foto: Ulrike Kehlbeck-Staats
„Stay positive“: Beim Stadtspaziergang können auch Graffiti ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
Frau Michels-Uroic, was steckt hinter der Idee der fröhlichen Stadtspaziergänge?
Bremen ist sehr schön und hat eine beeindruckende Architektur; gleichzeitig gibt es hässliche Ecken wie in jeder Großstadt. Ich finde es spannend, mal zu schauen: Wo sind im Alltag die kleinen Dinge, die mich zum Lächeln bringen? Mir war aufgefallen, dass Laternenpfähle, Stromverteilerkästen oder Ampeln oft zugeklebt sind. Eigentlich ein Ärgernis. Aber manche dieser Sticker sind richtig witzig oder ermutigend. „Du bist gut genug“ stand da zum Beispiel. Ich habe überlegt: Vielleicht muss man genauer hinschauen, um sich positiv überraschen zu lassen. So ist die Idee entstanden.
Und wie wird sie angenommen?
In den Wintermonaten noch sehr zurückhaltend, aber das ändert sich gerade, so dass ich bis auf die Sommerferien jeden Monat eine Veranstaltung anbieten will. Die Orte, an denen wir uns treffen, gebe ich vorher bekannt, sie sind gut erreichbar. Anmeldungen helfen mir, besser zu planen, sind aber nicht notwendig. Alle Interessenten sind willkommen Auch Menschen, die keine regelmäßigen Kirchgänger sind, müssen nicht befürchten, dass es hochtheologisch zugeht. Das, was uns berührt, uns im Alltag nahekommt, ist ja eher das Kleine und Unauffällige.
Wie läuft so ein Stadtspaziergang ab?
Wir starten mit einem biblischen Impuls und lassen uns darauf ein, was uns der jeweilige Stadtteil zeigt. Im Winter zum Beispiel starteten wir am „Stern“, einem großen Kreisverkehr. Passend dazu fand ich eine Stelle im Korintherbrief, in der Paulus einen Vergleich mit Himmelskörpern anstellt. Natürlich meinte er damit nicht den Bremer „Stern“; es ging vielmehr um die Botschaft: Jeder Stern leuchtet anders. Auch in einer Kirchengemeinde ist jeder anders, trägt aber seinen Teil bei.
Wir gehen dann einzeln los, Paare auch gemeinsam, und halten die Augen offen, schärfen die Sinne, auch für Gerüche und Geräusche. Wer möchte, kann Fotos und Notizen machen. Der erste Spaziergang fand in der Nähe der Kunsthalle statt – weil ich mich dort ganz gut auskenne. Und ich wusste, in welcher Kneipe wir uns zum Schluss treffen konnten. Denn auch das gehört zum Konzept: dass wir uns bei einem Getränk noch austauschen. Und zwar nicht in kirchlichen Räumen, sondern an Orten, an denen wir als Christen vielleicht auffallen. Der Abend endet mit einem Segen und einem Kreuzzeichen.
Auf welche schönen Dinge sind Sie beim letzten Spaziergang im März gestoßen?
Wir waren am Bahnhof Neustadt unterwegs. Es gibt dort auch einen Hafen, eine kleine Werft und viele Lagerhallen. Eine auf den ersten Blick trostlose Ecke, wo das eine Veilchen, das aus dem Asphalt wächst, so richtig zur Geltung kommt. In dieser Gegend hat sich zum Beispiel ein neues Tonstudio angesiedelt. Dahinter entdeckten wir einen Imbissstand, hübsch gemacht mit Paletten und Lichterkette, so dass man dort ein Feierabendbier trinken oder eine Bratwurst essen kann. Mir gefiel, dass es Leuten mit wenigen Handgriffen gelungen ist, einen so netten Ort zu schaffen. Entdeckt haben wir auch eine alte, halb von Gras überwucherte Kutsche. Nichts Schönes im klassischen Sinne, aber es regt zum Nachdenken an: Wir Menschen greifen oft massiv in die Natur ein, und manchmal holt sich die Natur eben auch etwas zurück.
Wir sind auf bunt gestrichene Häuser gestoßen, auf Kreidebilder – von Kindern gemalt – und auf ein Graffitti mit dem Schriftzug „Stay positive“. Das sorgt für ein Lächeln im Gesicht. Genauso wie ein Peace-Zeichen, aus Narzissen am Straßenrand gepflanzt. Ein kleines Hoffnungszeichen: Da gibt es auch noch andere Menschen, die diese Sehnsucht nach einer friedlicheren Welt haben.
Was verändert sich, wenn wir den Blick bewusst auf schöne Dinge richten?
Es braucht schon ein bisschen Übung, aber auf Dauer verändert es unsere innere Haltung. Wir sehen oft nur das Negative, die Fehler, die wir machen. Natürlich lernen wir aus Fehlern, aber wenn wir uns nur darauf fokussieren, geht es uns nicht gut. Gott will, dass es uns gut geht. Unser Auftrag ist es, die Welt hier und jetzt so zu gestalten, dass alle gut leben können. Und es ist keine Realitätsflucht, wenn wir zwischendurch bewusst auf Dinge schauen, die uns positiv stimmen und berühren.
Und dankbar machen ...
Was die Natur angeht, auf jeden Fall. Aber auch dankbar für das Menschengemachte: Ich sehe das Gute in anderen Menschen oder in dem, was sie hinterlassen haben.
Wie fühlen Sie und die anderen Teilnehmer sich nach einem fröhlichen Spaziergang?
Die Stimmung ist in der Regel gelöst und freundlich. Jeder hat etwas entdeckt, was ihm gutgetan hat. Darüber zu sprechen, verdichtet das Erlebte, denn es macht einen Unterschied, ob ich Gedanken allein in meinem Kopf bewege oder mit anderen darüber spreche. Das ist auch im Glauben so. Wenn ich mit anderen eine Gemeinschaft bilde, wird es lebendig.
Haben Sie persönlich einen Lieblingsplatz in Bremen?
Auf den Spaziergängen lasse ich mich gern überraschen. Grundsätzlich mag ich Orte, die nicht offensichtlich schön sind. In feinen Stadtvierteln fühle ich mich nicht so ganz zu Hause. Ich bin zum Beispiel gespannt auf den Spaziergang in Huckelriede im Juni; der Treffpunkt ist ein Bus- und Straßenbahnknotenpunkt. Dort befindet sich der Gedenkstein für die Opfer des Gladbecker Geiseldramas – genau an der Stelle, an dem die Geiselnehmer 1988 einen vollbesetzten Linienbus gekapert hatten. Aber auch Weser und Werdersee sind nicht weit entfernt.
Zur Sache
Aufmerksamkeit und Achtsamkeit spielen auch bei einem weiteren Angebot der Citypastoral „Resonanzraum Bremen“ eine Rolle: Vom 4. Juli (11 Uhr) bis 5. Juli (14 Uhr) gibt es Stadtexerzitien in Bremen unter dem Motto „Wo das Geheimnis atmet“. Auf dem Programm stehen Wahrnehmungs-, Achtsamkeits- und Atemübungen, außerdem Gebete, Lieder, Impulse aus der Heiligen Schrift und aus heutiger Literatur sowie der Austausch mit anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Übernachtung im Birgittenkloster im Schnoor. Kosten insgesamt: 200 Euro. Weitere Informationen gibt es hier.