Ehrenamtliche in der Diaspora
„Man darf uns nicht alleinlassen“
Foto: privat
Wolfgang Kügler, Renate Albrecht und Karin Calsow (v.l.) sind ehrenamtlich aktiv in der Pfarrei St. Christophorus, Stolzenau und Liebenau.
Manchmal gelingt es noch, die Katholiken in der Diaspora im östlichsten Teil des Bistums Osnabrück zu überraschen. „Mit Pater Aswin haben wir schon gar nicht mehr gerechnet“, sagt Wolfgang Kügler. Renate Albrecht ergänzt: „Wir sind froh, dass er da ist und so gute Gottesdienste feiert.“ Und Karin Calsow: „Wenn es nach uns ginge: Wir würden ihn gern behalten.“
Jeweils eine Messe in der St.-Georg-Kirche in Stolzenau und in der St.-Stephanus-Kirche in Liebenau – die finden sonntags jetzt zuverlässig statt. Dank eines indischen Priesters vor Ort. Aber Pater Aswin Chhinchani ist nur Gast, er wird die Pfarrei St. Christophorus nach zwei Jahren verlassen. Gerade ist Halbzeit.
Danach sind die Gemeindemitglieder wieder auf sich gestellt. Ein vertrautes Gefühl nach dem Weggang des letzten Pfarrers Christoph Konjer, sagt Wolfgang Kügler. Aber kein Zustand, der auf Dauer zufriedenstellt. „Wir Ehrenamtlichen machen fast alles selbst und schaffen viel. In manchen Situationen bräuchten wir aber jemanden, bei dem alle Fäden zusammenlaufen.“ Karin Calsow stimmt ihm zu: „Wir haben wirklich engagierte Ehrenamtliche, auch junge Mütter. Uns fehlt aber ein Hauptamtlicher, den wir mal fragen können, wenn es Probleme gibt und wenn wir nicht weiterwissen.“
In Zukunft ein mindestens doppelt so großes Gemeindegebiet
Ursprünglich gab es in Stolzenau, Liebenau, Uchte und Steyerberg, Region Mittelweser, vier eigenständige Gemeinden. Seit den 1980er Jahren wurden sie nach und nach zusammengelegt – bis alle vier Kirchenstandorte die Pfarrei St. Christophorus bildeten. Inzwischen sind die Gotteshäuser in Steyerberg und Uchte geschlossen. Wolfgang Kügler spricht von einem langsamen Zusammenwachsen über die Jahre. „Das hat relativ gut geklappt, wir haben gemerkt, dass wir aufeinander angewiesen sind.“
Doch jetzt, nach baldigem Abschluss des Twistringer Dekanatsprozesses, kommen weitere Veränderungen: Geplant ist, dass Stolzenau und Liebenau eine Einheit bilden mit der Region Diepholz-Barnstorf-Sulingen. Etwa 9000 Katholiken an fünf Kirchenstandorten; zweieinhalb hauptamtliche Stellen sind für diese Flächendiaspora vorgesehen. Kügler rechnet vor: Über 53 Kilometer zieht sich die Pfarrei von Nord nach Süd aktuell, 18 Kilometer sind es von West nach Ost. „Wir werden dann mindestens doppelt so groß sein.“
Was die ehrenamtliche Arbeit betrifft, ist St. Christophorus ungewöhnlich gut aufgestellt. Die Liste, die Karin Calsow zusammengetragen hat, ist lang – und nicht mal vollständig: Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat, Lektorendienst, Wortgottesdienstleiter, Betreuung der Messdiener, Frauenkreis, Gemeindefahrten, Fahrdienste, Andachten mit anschließendem Gemeindekaffee, ein Kindermesskreis, der auch die Sternsingeraktion organisiert, Katechetinnen für die Erstkommunion, Hausmeistertätigkeiten, Gottesdienstvorbereitung, Kranken- und Hauskommunion, lebendiger Adventskalender, Krippenauf- und -abbau, Pfarrbrief, Besuchsdienste, Bibelteilen, Ökumene. Und schon jetzt ist man in Stolzenau und Liebenau stolz darauf, dass es ausreichend Kandidaten für die Gremienwahlen im Herbst geben wird.
Nicht nur wir, auch das Bistum muss sich bewegen
Am Dekanatsprozess, der über die Zukunft im Dekanat Twistringen beraten hat, haben Karin Calsow, Wolfgang Kügler und Renate Albrecht teilgenommen. Der Abschlussbericht hält fest: Ehrenamtliche sollen sich nicht überfordern, aber in dem, was sie tun, selbstständig agieren können. Dabei werden sie von Hauptamtlichen befähigt, unterstützt und begleitet. Das sei ein wichtiger Punkt, betont Karin Calsow, „jeder macht, was er gut kann und investieren will, aber im Rentenalter wollen wir auch nicht nur ehrenamtlich unterwegs sein“. Ein Hauptamtlicher vor Ort, etwa eine Gemeindereferentin, die alles koordiniert, sagt Kügler, „das würde uns schon helfen“.
Renate Albrecht hofft auch auf gute Bedingungen für die Hauptamtlichen – dass sie in Zukunft „nicht verheizt“ werden: „Drei Stunden Fahrzeit zu ein oder zwei Gottesdiensten, dann noch zu Beerdigungen oder Taufgesprächen, da ist der Tag rum.“ Auch über Jugendarbeit und Gottesdienstbesuche macht sie sich Gedanken: „Da sind zum Teil Strecken zu bewältigen, die man nicht mal eben so über das Ehrenamt abdecken kann.“
Karin Calsow sagt deshalb: „Nicht nur wir, sondern auch das Bistum muss sich bewegen. Warum dürfen Frauen zum Beispiel nicht Diakoninnen werden? Viele wollen das, und es wäre sehr entlastend. Man darf uns hier nicht alleinlassen nach dem Motto: ,Das läuft ja alles, macht mal.‘“ Ehrenamt sei nicht selbstverständlich, es müsse gewürdigt werden. Und nicht zuletzt hänge das Herz an der Heimatgemeinde. „Für mich ist das nicht Sulingen, sondern Liebenau oder Stolzenau. Wenn ich mich engagiere, muss ich eine emotionale Bindung haben.“
Wie viele und welche Angebote es im Gemeindeleben vor Ort geben soll – das wollen die Ehrenamtlichen auch in Zukunft selbst entscheiden. Beispiel Sternsingeraktion. „Solange wir genügend Kinder und Fahrer haben, machen wir das weiter", sagt Karin Calsow.