Großeltern und ihre Enkel

Oma hat viel mehr Geduld

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Großmutter spielt mit ihrer Enkelin
Nachweis

Foto: imago/Westend61

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Großeltern und Urgroßeltern bauen zu den Enkeln und Urenkeln eine Beziehung auf, wenn sie gemeinsam etwas unternehmen. Foto: imago/Westend61

Viele Großeltern wünschen sich ein gutes Verhältnis zu ihren Enkelkindern. Und oft sind sie zur Betreuung miteingeplant. Sie sollen aber nicht miterziehen: Oma und Opa können eine ganz eigene und wertvolle Beziehung zu den Enkeln aufbauen.

Wenn die Nachricht kommt, dass die eigenen Kinder Eltern werden, ist die Freude bei den künftigen Großeltern meistens groß. Sicher gibt es Ausnahmen, weil sich jemand mit dem Älterwerden nicht anfreunden kann, weshalb der Großelternstatus für diese Person negativ besetzt ist. Doch die meisten Großmütter und -väter freuen sich uneingeschränkt, möchten ihr Enkelkind sehen und rechnen auch damit, dass sie zur Betreuung miteinbezogen werden. Dabei gilt es, verschiedene Dinge zu beachten, wie Silke Geercken in ihrem Buch „Wir werden Großeltern“ schreibt. Geercken nennt es ein „Handbuch für eine besondere Beziehung“ und gibt viele gute Tipps.

Die erste Zeit
Geercken, die selbst vier Enkelkinder hat, warnt davor, die jungen Eltern gleich nach Geburt des Kindes zu überfallen. Vielleicht sei es möglich, im Vorfeld abzusprechen, ob die Familie erst einige Zeit für sich haben möchte, dann findet der erste „Besichtigungstermin“ eben erst nach 14 Tagen statt, oder ob die Großeltern sich bald melden sollen, vielleicht auch, um Unterstützung für die Mutter im Wochenbett anzubieten. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn ein Geschwisterkind zu betreuen ist, so können Großeltern mit dem älteren Kind etwas unternehmen. Sie können auch den Einkauf erledigen, damit der Kühlschrank gefüllt ist, eine warme Mahlzeit vorbeibringen oder sogar kochen, backen oder putzen, solange ihre Anwesenheit nicht stört. Das hängt von der Größe der Wohnung ab und auch davon, von wo die Großeltern anreisen – wer mit einem Neugeborenen anspruchsvolle Verwandte wie im Hotel beherbergen soll, wird durch deren Besuch nicht entlastet.

Bindung aufbauen
Aus der Bindungsforschung ist bekannt, dass Kinder zu verschiedenen Betreuungspersonen eine Bindung aufbauen können, nicht nur zur Mutter. Wenn das Kind gestillt wird, ist für den Säugling bei der Nahrungsaufnahme die Mutter die Hauptperson. Die Flasche geben, das  Kind hochnehmen und trösten, wickeln, tragen und beruhigend mit ihm sprechen können aber auch andere: Vater, Großeltern, Onkel und Tanten. Oma und Opa sind oft sogar besonders geduldig, denn sie haben mehr Zeit, wenn sie nicht mehr in berufliche Zwänge eingebunden sind.

Vorlesen, spielen, Ausflug
Um eine gute Bindung zum Enkelkind aufzubauen, ist es gut, sich regelmäßig zu sehen und gemeinsam etwas zu unternehmen. Zunächst kann man dem Kind vorsingen und Reime aufsagen, später mit auf den Spielplatz gehen, dann kommen kleine Ausflüge hinzu, in den Streichelzoo oder ins Spielparadies. Großeltern können mit dem Kind auch zum Schwimmkurs gehen, Radtouren unternehmen oder im Wald herumstromern. Bewegung tut Großeltern und Enkeln gleichermaßen gut.
Die Unternehmungen müssen aber gar nicht aufwendig sein, das Schönste ist einfach die geschenkte Zeit und das kostet nichts: mit dem Enkelkind auf dem Sofa sitzen und vorlesen, ihm zuhören, wenn es aus dem Kindergarten oder der Schulklasse erzählt, seine Interessen ernst nehmen. Lassen Sie sich einfach den Unterschied zwischen einem Schaufelbagger und Frontlader erklären, auch wenn Baufahrzeuge nicht wirklich ihr Interessensgebiet sind. 
Um eine gute Bindung zum Enkelkind aufzubauen, sind also Zeit und Zuwendung nötig. Autorin Silke Geercken schreibt: „Gut zu wissen: Geschenke bauen keine Bindung auf. Das kleine Kind weiß noch nichts von Geld und Besitz und kann daher den Wert eines Geschenks gar nicht ermessen.“

Sicherheit 
Wenn die Großeltern in die Betreuung des Kindes eingebunden sind oder der Enkel regelmäßig bei ihnen übernachtet, ist es ratsam, sich gut vorzubereiten. Wer einen Kurs Erste Hilfe am Kind besucht hat, fühlt sich sicherer. Es sollten Notfallnummern vorhanden sein und die Telefonnummer der Giftnotrufzentrale. Beim Wickeln muss man immer aufpassen, irgendwann kommt der Tag, an dem sich das Baby blitzschnell dreht und herunterfallen könnte.
In der Kleinkindzeit sollte man die Wohnung kindersicher machen, Steckdosenschutz anbringen, Herdplatte absichern, untere Schubladen nur mit ungefährlichen Gegenständen befüllen. Wo keine Tischdecke liegt, kann sie auch kein Kind mitsamt der Vase runterziehen. Und der Messerblock hat auf dem Küchentisch in Reichweite des Kinderhochstuhls nichts zu suchen. Die Autorin gibt den Lesern und Leserinnen in ihrem Buch eine umfassende Checkliste an die Hand, wie die Wohnung kindgerecht umgestaltet werden kann. Im Garten sollte man das Kleinkind nie unbeaufsichtigt lassen.

Verwöhnen oder Alltag teilen?
Zu den Großelternnachmittagen gehören die Dinge, die nur bei Oma und Opa so sind. Zum Beispiel, dass Opa zum Essen immer einen Nachtisch kocht oder der Hund der Nachbarin besucht wird. Es ist aber überflüssig, das Kind maßlos zu verwöhnen, mit „Süßkram“ vollzustopfen und stundenlanges Fernsehen zu erlauben. Großeltern können darauf achten, dass das Kleinkind nur die altersgerechten Kekse bekommt, die auch zu Hause erlaubt sind, und dass auch die anderen Ernährungsregeln beachtet werden, zum Beispiel, wenn das Kind vegetarisch essen soll. Der Teller wird nicht vollgehäuft und unbedingt leer gegessen, das Essen wird lieber in kleineren Portionen aufgetischt.
Schön ist es für die Kinder, wenn sie  ein bisschen den Alltag im Großelternhaushalt erleben dürfen. Kleinere Kinder sind mit Eifer dabei, wenn sie beim Kochen und Backen helfen dürfen. Die Oma hat Zeit und schimpft nicht, wenn das Ei für den Pfannkuchenteig danebengeht. Wenn es einen Garten gibt, können die Kinder im Herbst helfen, das Laub zusammen zu harken. Es müssen nicht immer besonders aufwendige Aktionen stattfinden.  

Konkurrenz vermeiden
Großeltern sollten Konkurrenz vermeiden. Sie können darauf achten, kein Enkelkind zu bevorzugen, nur weil einige weiter weg wohnen. Und sie sollten auch nicht in Konkurrenz mit den anderen Großeltern treten.

Betreuung mit Vollmacht
Großeltern, die zur Betreuung einge­plant werden, sollten dies gut überlegen. Wenn man sich verpflichtet hat, den Enkel an jedem Mittwoch von der Kita abzuholen, kann das nicht spontan geändert werden. Die Großeltern müssen verlässlich sein. Wer das nicht leisten will, sollte es frühzeitig kommunizieren. In dem Fall, in dem Großeltern einen Teil der Betreuung übernehmen, sollten sie mit wichtigen Vollmachten ausgestattet sein, zum Beispiel, wenn man mit dem Kind ins Krankenhaus muss und etwas zu entscheiden ist. Die berufstätigen Eltern können den Großeltern ein Entgelt zahlen und das bei der Steuer unter Sonderausgaben absetzen. Außerdem können sie sich an Fahrtkosten beteiligen.


Silke Geercken, „Wir werden Großeltern“, Das Handbuch für eine besondere Beziehung, Dorling Kindersley Verlag, 16,95 Euro.

Andrea Kolhoff