Trauerfeiern nach Katastrophen
Trost für alle
Foto: EOM/Robert Kiderle
Gedenkgottesdienst für die Opfer des Anschlags am 13. Februar 2025 in München. Mit dabei: Archimandrit Georgios Siomos (Mitte) von der griechisch-orthodoxen Kirche.
Fünf Tage nach dem Anschlag versammelte sich die Münchner Stadtgesellschaft im Liebfrauendom. Um zu trauern. Ein Auto war in eine Demonstration gefahren, eine muslimische Frau und ihre Tochter waren dabei ums Leben gekommen. Es war der 17. Februar 2025, kurz vor 18 Uhr.
Vertreter verschiedener Religionen sprachen und beteten in dem Gottesdienst mit den Menschen: Archimandrit Georgis Siomos von der griechisch-orthodoxen Gemeinde, der evangelische Landesbischof Christian Kopp, Kardinal Reinhard Marx, der Rabbiner Shmuel Aharon Brodman und der Imam Benjamin Idriz.
Kardinal Marx sprach von Leid, Schmerz, Unverständnis. Drückte sein Beileid aus für die getötete Mutter Amel und ihre Tochter Hafsa. Dann sagte er: „Der Dom zu unserer Lieben Frau in München ist seit über 500 Jahren ein christliches Gotteshaus.“ Doch er sei auch ein Haus „für alle Münchner“. Besonders für die Verängstigten, Zweifelnden, Trauernden.
Der Theologe Andreas Renz hat den Gottesdienst mit vorbereitet – nach dem Vorbild einer Feier aus dem Jahr 2016, nach dem Amoklauf am Olympia-Einkaufszentrum in München. Damals war erst eine christlich-ökumenische Gedenkfeier geplant. Doch plötzlich die Nachricht: Fast alle Opfer waren Muslime. Renz, der in den Vorbereitungen vor allem beratend tätig war und die Kontakte zu den religiösen Vertretern herstellte, erzählt: Den Verantwortlichen sei klar geworden, dass auch Vertreter der Muslime in der Trauerfeier vorkommen und zur Sprache kommen müssen. „Wir konnten nicht mehr nur einen rein christlichen Gottesdienst abhalten“, sagt Renz. Daraufhin ging man auf die Vertretung der Muslime in der Stadt zu und lud auch die jüdische Gemeinde zur Mitwirkung ein.
Renz bemerkte damals, was Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann schon viel länger beobachtet hat: Bei rein christlichen Trauerfeiern fühlen sich Menschen anderer Religionen ausgeschlossen. Um das zu vermeiden und nach einer Katastrophe alle Trauernden zu berücksichtigen, könne man sich unterschiedlicher Formen der Trauerfeiern bedienen, sagt Kranemann. Etwa durch ein multireligiöses Gebet, bei dem Menschen unterschiedlicher Religionen gleichberechtigt nebeneinander beten. „Dafür braucht es aber einen neutralen Raum“, sagt Kranemann. Eine solche Trauerfeier wurde etwa 2021 für die Corona-Toten ausgerichtet, im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt. „Das war sehr gelungen“, sagt Kranemann.
Dann gibt es noch die liturgische Gastfreundschaft: Die Vertreter der verschiedenen Religionen erhalten alle eine eigene Rolle im christlich vorbereiteten Gottesdienst, sprechen zum Beispiel nacheinander ein Gebet. Ort der Feier ist meist eine Kirche.
„Friede sei mit euch und die Barmherzigkeit Gottes“
Diese Form wurde dann auch für die Trauerfeier 2025 im Münchner Liebfrauendom gewählt. „Man will einfach nur Trost spenden und Sicherheit geben“, sagt Andreas Renz, der bei den Vorbereitungen half. „Das ist das eigentliche Anliegen.“ Die Idee funktionierte. Neben Kardinal Marx und Landesbischof Kopp wandten sich auch die anderen Religionsvertreter an die Trauernden im Dom.
Imam Idriz sprach das muslimische Totengebet. Zum Schluss sagte er: „Assalamu alaykum wa rahmatullahi“ und übersetzte es: „Friede sei mit euch und die Barmherzigkeit Gottes. Amen.“ Der Rabbiner Brodman betete singend die jüdische Version des Totengebets – erst auf Hebräisch, dann auf Deutsch. Und der griechisch-orthodoxe Priester Siomos betete: „Herr, wir sind unendlich traurig über den Tod von Amel und Hafsa. Gleichzeitig sind wir dankbar für ihre Leben und was wir mit ihnen erleben durften.“
Mehrere Trauergäste bedanken sich für die würdige Feier
Als die unterschiedlichen Religionsvertreter auf den Stufen vor dem Altar standen, sagt Renz, „und die Gebete ihrer Tradition, in ihrer Sprache nacheinander vorgetragen haben – das war sehr ergreifend“. Er berichtet, mehrere Trauergäste hätten sich nach der Feier bedankt und gesagt, dass sie sehr würdig und hilfreich war.
Der Theologe glaubt, dass jede Gemeinde nach einer Katastrophe solche Feiern ausrichten könnte. Es gebe dafür nützliche Handreichungen von der Deutschen Bischofskonferenz. In der Vorbereitung, so Renz, sei die Kommunikation mit den Religionsgemeinschaften das Wichtigste. Seien sie zur Mitwirkung bereit, sollten sie auch eingeladen werden. Während der Trauerfeiern selbst habe sich der Einsatz von Symbolhandlungen bewährt. Zum Beispiel das gemeinsame Anzünden von Kerzen oder das Verteilen von Friedensbändchen. Das verbinde die Menschen in Trauer miteinander, über religiöse Grenzen hinweg.
Liturgiewissenschaftler Kranemann sieht das ähnlich. Er sagt: Wenn eine Katastrophe geschehe, seien „eben nicht nur Menschen einer Religionsgemeinschaft betroffen“. In dem Moment, in dem man eine öffentliche Trauerfeier plane, sei es wichtig zu zeigen, „dass eine Gesellschaft auch religiös zusammenstehen kann“. Kranemann sagt: „Je pluraler unsere Gesellschaft wird, desto notwendiger wird es, über solche Feiern nachzudenken.“
Zu den Personen
Andreas Renz ist katholischer Theologe und Religionswissenschaftler. Er leitet den Fachbereich Dialog der Religionen im Erzbistum München und Freising.
Benedikt Kranemann ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt.