Impuls zur Sonntagslesung am 05. April 2026: Ostern

Verheißung und Versuchung

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Die Erschaffung Adams
Nachweis

Foto: wikimedia

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Berühren sie sich oder berühren sie sich nicht? Der Mensch mag Gott ähnlich sein – gottgleich ist er nur in seinem Wunschdenken.

Die erste Lesung der Osternacht denkt groß über den Menschen. „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn“, heißt es im Buch Genesis. Schön gesagt, aber worin besteht diese Ebenbildlichkeit?

Die Szene ist weltberühmt: Gottvater, schwebend und von Engeln umgeben, streckt seinen Arm aus und deutet mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf den Zeigefinger Adams. Fast berühren sich die ausgestreckten Finger. 

So stellt sich Michelangelo in den Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle in Rom die Erschaffung des Menschen vor. Am sechsten Schöpfungstag, so steht es in der ersten Lesung der Osternacht aus dem Buch Genesis, beschließt Gott: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!“ Und so kommt es: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn.“

Der Mensch als Abbild Gottes. Was heißt das? Sieht Gott aus wie die 8,3 Milliarden Menschen, die derzeit auf der Erde leben? Das kann wohl nicht gemeint sein. Doch was ist es dann, was uns zum Ebenbild Gottes macht? 

Bleiben wir erst einmal bei Äußerlichkeiten, bei der Schönheit. Es gibt sie, die Schönheit. Bei Menschen. Schöne Gesichter, schöne Körper, ein schönes Lächeln. Nicht jeder findet denselben Menschen oder dieselbe Eigenschaft schön, zudem wechseln Schönheitsideale im Lauf der Zeit und der Kultur. Aber jede und jeder findet Schönheit in anderen Menschen. Makellose Schönheit, so subjektiv sie letztlich ist, ist bestimmt eine Eigenschaft Gottes.

Doch vor allem sind es wohl die inneren Werte, die uns Gott ähnlich machen. Da ist zunächst einmal der Verstand zu nennen: Menschen können denken, sich selbst infrage stellen, ihr Verhalten ändern, nach Wahrheit und Erkenntnis suchen. Wir können verstehen und lernen. Dass Menschen, seit es sie gibt, Gott suchen, ist wohl ein Teil davon.

Wir haben einen freien Willen und eine freie Wahl. Unser Verhalten ist nicht nur das Ergebnis von Reiz und Reaktion, wir können Entscheidungen treffen. So wie Gott, der aus eigenem Entschluss die Welt erschuf und damit Pflanzen, Tiere, Menschen. Seit dem Sündenfall, so erzählt es die Bibel, können wir auch zwischen Gut und Böse unterscheiden. Das war ja das Verlockende, das die Schlange versprach: „Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.“ (Genesis 3,5)

Tatsächlich erreichen wir hier aber schnell die Grenze unserer Gottesebenbildlichkeit: Wir sind eben auch fähig, Böses zu tun. Und allzu oft tun wir das. Sonst wäre die Welt ja nicht so, wie sie ist. Gott, so glauben wir, ist aber die unendliche Liebe. Und die würde sich nie für das Böse entscheiden. Woraus folgt: Je seltener wir das Böse tun, desto ebenbildlicher sind wir.

Die Liebe ist das nächste Stichwort. Wir können lieben, in Beziehung treten. Wir brauchen menschliche Beziehungen. Ohne verkümmern wir, werden krank. Gott selbst ist auch Beziehung. Gottvater, Sohn und Heiliger Geist: ein Gott, der sich in drei aufeinander bezogenen Personen zeigt. Der darüber hinaus den Menschen geschaffen hat, weil er in Beziehung treten und seine Liebe weitergeben will. Wie Eltern, die sich für ein Kind entscheiden. 

Wir können verzeihen und neu anfangen. Das ist nicht leicht, aber möglich. Und wirklich gottebenbildlich. Denn die Bibel kennt viele Geschichten, in denen Gott Menschen verzeiht und mit ihnen einen neuen Anfang wagt – von der Arche Noah bis zum verlorenen Sohn.

Menschen sind Schöpfer, wie Gott. Menschen probieren aus, erdenken, planen und bauen. Viele Naturwissenschaftler sind fasziniert von der Schöpfung. Weil sie so genial sei, weil so vieles so perfekt ineinandergreife, erkennen sie dahinter die Handschrift eines Schöpfers und keinen Zufall. Menschen können das auch: Sie gewinnen Energie, bauen Maschinen, entwickeln Impfstoffe. Wo will man anfangen, den menschlichen Erfindungsreichtum zu loben? Bei der Dampfmaschine, dem Telefon, dem Auto, dem Computer? 

Menschen erschaffen auch großartige Kunst. Wieder zurück zu Michelangelo. Bevor er die Fresken der Sixtinischen Kapelle schuf, hatte er sich im Alter von nur 25 Jahren mit einer Statue ein Denkmal für die Ewigkeit gesetzt: die Pietà im Petersdom. Maria, die Mutter Jesu, hält ihren toten Sohn in den Armen. Bis in kleinste Details ist das Kunstwerk perfekt: die Muskeln Jesu, die Adern auf seinem Arm, der Wurf der Falten in Marias Gewand. Der strahlend weiße Marmor tut ein Übriges dazu. Denken wir aber auch an Literatur, Malerei oder Musik. Egal, ob Mozart oder die Rolling Stones: Überall zeigt sich geniale menschliche Schaffenskraft. 

Schließlich die Ewigkeit. Zu Ostern macht Gott uns Menschen ihm in noch einem Punkt gleich. Jesus überwindet den Tod und verheißt uns allen die Auferstehung. Damit ist auch uns das ewige Leben verheißen. Wie Gott. Bei Gott.

Und doch: Der Mensch bleibt Mensch, wie Herbert Grönemeyer – auch so ein genialer Schöpfer – singt. Denn der Mensch ist nicht Gott. Er missbraucht immer wieder Verstand und Kreativität, um Waffen zu erfinden und um höchst fantasievoll andere Menschen zu unterjochen. Er wählt das Böse und liebt den äußeren Schein. Wie Gott zu sein, ist eben nicht nur biblische Verheißung. Es ist vor allem Versuchung.

Ulrich Waschki