Wie geht es ukrainischen Familien in Deutschland?

Zerrissen zwischen Krieg und Frieden

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Foto: Astrid Fleute

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Ein herzlicher Kontakt: (v.l.) Christoph, Ramona und Marie (auf der Schaukel) Hungerkamp mit Olha, Oleh, Mascha und Lena aus der Ukraine.

Seit fast vier Jahren sind Olha und Lena mit ihren Kindern in Deutschland. Hals über Kopf mussten sie ihre stark umkämpfte Heimatstadt Charkiw verlassen, leben mittlerweile in Belm bei Osnabrück. Sie sprechen gut Deutsch, haben einen Job und eine Wohnung. In Gedanken, im Herzen und in der Zukunftsplanung ist die geliebte Heimat immer dabei.

Ohne das morgendliche Ritual geht es nicht. Vier Jahre tobt mittlerweile der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Bis heute geht Olhas erster Blick nach dem Aufwachen auf ihr Handy. Zeigt es viele Nachrichten an, „dann war es schlimm“, erzählt sie. Sind es nur wenige Nachrichten, dann war die Nacht in der Ukraine relativ ruhig. Jeder Bombeneinschlag, jeder Drohnenangriff wird auf ihrer Smartphone-App gemeldet. Jede Nachricht zerreist ihr das Herz: „Wir lesen das, wir hören die Nachrichten, aber wir können nicht helfen“, sagt die Ukrainerin.

Seit März 2022 lebt Olha in Deutschland. In Belm bei Osnabück wohnt sie mit ihrer Tochter Mascha, ihrer Schwester Lena und deren Sohn Oleh zunächst ein halbes Jahr bei Familie Hungerkamp. Dort erleben sie großherzige Gastfreundschaft, die zur Freundschaft geworden ist. Die deutsche Kultur, die Sprache, deutsche Gewohnheiten lernen sie dort ganz selbstverständlich kennen, nur noch selten kommt heute der Smartphone-Übersetzer zum Einsatz.

Aus Gastfreundschaft wurde Freundschaft: Dieses Foto entstand im Juli 2022, als der Kirchenbote schon einmal über die beiden Familien berichtete. Foto: Astrid Fleute 

 Sind sie in Deutschland angekommen? „Wir sind zufrieden hier. Wir haben ein gutes Leben“, sagt Olha. Sowohl sie als auch ihre Schwester haben einen Job und eine gemeinsame Wohnung, seit drei Monaten lebt auch Olhas Ehemann Andrej bei ihnen. Lena Ehemann ist noch in der Ukraine, produziert Kleidung für das Militär. Auch die Mutter und die Oma leben noch in der stark umkämpften Stadt Charkiw - im fünften Stock eines Mehrfamilienhauses, wo die Gefahr, von einer Drohne getroffen zu werden, besonders hoch ist. In der Bauernschaft nahe der russischen Grenze, in der die Großeltern zuvor lebten, sind alle Häuser zerbombt. Der Großvater wurde vor zwei Jahren an seinem 87. Geburtstag von einer Drohne getroffen. „Wir wissen nicht, wo er liegt“, sagt Olha traurig und denkt an die wunderbare Landschaft mit Wald, Teichen und Wiesen, die heute ein Minenfeld ist.

Deutsche Kontakte haben sie nur wenige. Familie Hungerkamp ist für sie da. Das Verhältnis ist nach wie vor herzlich und unkompliziert. Oma Anita ist ihre „deutsche Oma“. Olha sagt: „Wir arbeiten, die Kinder gehen zur Schule und erledigen auch noch die Aufgabe für den ukrainischen Unterricht.“ Regelmäßig schicken die Lehrer Mascha und Oleh aus der Ukraine Aufgaben für die Fächer Englisch, Deutsch und Mathe. Gerade in Mathe sind die ukrainischen Schulen im Unterrichtsstoff deutlich weiter als die deutschen. Mascha und Oleh sollen den Anschluss nicht verpassen und die ukrainische Sprache nicht verlernen. Denn Ziel ist nach wie vor: „Wenn der Krieg vorbei ist, gehen wir zurück. Ich vermisse die Ukraine sehr, sie ist unsere Heimat“, sagt Olha und schwärmt von Charkiw, ihrer Heimatstadt – voller Blumen und schöner Natur.

Nicht nur nachts, auch tagsüber piept Olhas Handy ständig. Drohnenangriffe. Bombeneinschläge. Wie die Zukunft wird? Sie wissen es nicht. Alle halbe Stunde hören Olha und Lena ukrainische Nachrichten im Radio, tauschen sich aus mit anderen ukrainischen Frauen, zu denen sie in Belm Kontakt gefunden haben. Sie sind dankbar in Deutschland, versuchen das Positive zu sehen. So haben sie in den vier Jahren in Belm viele deutsche Traditionen kennengelernt: „Weihnachten und Ostern wird bei uns zum Beispiel ganz anders gefeiert“, erzählen sie. Adventskranz, Adventskalender, Ostereiersuchen, Halloween und Karneval – all das sind für sie neue Traditionen, die sie lieben gelernt haben und auch in der Ukraine weiter pflegen wollen. Von ähnlich bereichernden Erfahrungen spricht auch die neunjährige Marie Hungerkamp, für die nicht nur die ukrainische Sprache nichts Fremdes mehr ist: „Mascha hat mir die Zahlen bis zehn beigebracht. Und die Pfannkuchen heißen bei uns jetzt nur noch Blinchiki. Lena macht sie am besten“, erzählt die jüngste Tochter der Familie, die mit dieser selbstverständlichen Gastfreundschaft und einem weiten Blick auf die Welt aufwächst. 

Und natürlich wollen die Hungerkamps die Familie in Charkiw besuchen, wenn der Krieg vorbei ist. Aus den Sommerferien, die sie in der Ukraine verbracht haben, haben Olha und Lena ihnen viele Bilder geschickt: „Es gibt sehr schöne Fotos, aber auch sehr schreckliche“, sagt Ramona Hungerkamp. Ihr ist es ein großes Anliegen, dass der Krieg und die Situation der Ukrainer nicht in Vergessenheit geraten – und dass es nach vier Jahren Krieg bald endlich Frieden gibt. 
 

Astrid Fleute