Mit dem Fahrradcamper vom Starnberger See an die Ostseeküste

Auf den eigenen Spuren pilgern

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Eine Frau in einem gelben Rock kniet vor ihrem Fahrradcamper. Neben ihr steht ein Hund
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Foto: Edmund Deppe

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Mit einem Fahrradcamper sind Mia Bäuerlein und Hund Lilly on Tour. Ausgeklappt bietet der Camper Platz zum Schlafen, Stauraum für Gepäck, Lebensmittel und Futter für den Hund. 

Mina Bäuerlein nennt sich selbst Rückwärtspilgerin. Mit Hund Lilly, Lastenrad und Fahrradcamper ist sie unterwegs vom Starnberger See bis hinauf zur Ostseeküste. Immer wieder macht sie Halt, um in Kirchen, Gemeindehäusern oder sozialen Einrichtungen aus ihrem Buch zu lesen.

„Die Rückwärtspilgerin oder Von einer, die auszog, das Leben zu küssen“ hat Mina Bäuerlein ihr Buch genannt. Darin beschreibt sie den wohl gewagtesten Schritt in ihrem Leben. Schon immer war sie offen für die Herausforderungen. Vor acht Jahren nach einer Krankheit konnte sie die Arbeit in der Küche eines Hospizes nicht mehr ausüben. „Ich stand vor der Arbeitslosigkeit und da war plötzlich die Miete für meine Wohnung für mich allein zu hoch, denn auch meine jüngste Tochter war gerade dabei eine eigene Wohnung zu beziehen“, erinnert sich die heute 52-Jährige. Da traf sie ihre Entscheidung und begann ein neues Leben.

„Ich machte mich von allem frei, vererbte und verschenkte alles, was ich besaß und zog los“, erzählt Bäuerlein. Von München aus ging sie auf Wanderung, ihr Ziel: Hohwacht an der Ostsee. „Für mich war es ein Pilgern zurück auf meinen eigenen Spuren“, sagt sie und geboren war der Begriff Rückwärtspilgern beziehungsweise Rückwärtspilgerin.

Alles, was mir unterwegs begegnet, werde ich ernst nehmen.

Hohwacht an der Ostsee hatte für Bäuerlein eine besondere Bedeutung. „Hierher sollte eigentlich mal meine Hochzeitsreise gehen. Doch kurz vorher war der Vater meines damaligen Partners gestorben, das hat ihn in eine Lebenskrise gestürzt. Die Beziehung endete. Und statt zusammen auf Hochzeitsreise zu gehen, bin ich dann eben allein gefahren.“ Hier verspürte sie eine Art Berufung und machte anschließend eine Ausbildung zur Trauer- und Sterbebegleiterin.

Eine Frau mit gelben Rock und schwarzer Jacke hantiert an der Rückseite eines Campers herum
Der Caravan, der vor allem mit Spendengeldern finanziert wurde, soll am Ende der Tour für einen guten Zweck versteigert werden. Foto: Edmund Deppe

Als sie dann 2019 ihre Wandertour startete, wurde in Ochsenfurth in der St. Andreas-Kirche aus der Wanderung eine Pilgerreise. „Dort führt ein Jakobsweg entlang. Ich habe die Kirche als Wanderin betreten und als Pilgerin verlassen. Es war ein spirituelles Erlebnis. Dann bin ich auf dem Jakobsweg weitergegangen, aber nicht in Richtung Santiago de Compostela, sondern rückwärts nach Norden. Und von diesem Zeitpunkt an habe ich mich unterwegs in den Kirchen in Gäste- und Fürbittbücher als Rückwärtspilgerin eingetragen“, erinnert sich Mina Bäuerlein.

Für ihre Tour hatte die damals 47-jährige Frau eine Art Gelübde abgelegt: „Alles, was mir unterwegs begegnet, werde ich ernst nehmen, verarbeiten, integrieren und versuchen, beruflich umzusetzen.“ Auf ihrem Weg führte sie viele Gespräche, „tolle Gespräche“, nahm Gelegenheitsjobs an. Denn wie Franziskus hatte sie ja all ihren Besitz weggegeben, bis auf ein paar Euros auf ihrem Konto. „Ich fand unterwegs immer ein Quartier, Menschen, die mich bei sich beherbergten, wo ich mich durch Arbeit revanchieren konnte“, erzählt die Pilgerin.

Unterwegs entwickelte sie das Konzept des biografischen Kochens, eine Art Therapiegespräch, kombiniert mit einem Essen aus der Erinnerung der Gesprächspartner. „In einem Hospiz traf ich eine Frau, die gern noch einmal ‚Schlesisches Himmelreich‘ essen wollte, einen ganz einfachen Eintopf, ein Armenessen. Das hatte sie auf der Flucht aus Schlesien gegessen, gekocht von ihrer Oma. In diesem biografischen Kochen nach den Rezepten der Gesprächspartner liegt ganz viel Potenzial der Aufarbeitung und der Erinnerung“, weiß Bäuerlein. So könne ein Kaiserschmarren eine Hüttentour noch einmal lebendig werden lassen – „mit all seinen schönen Erinnerungen“.

2025 ist Mina Bäuerlein wieder on Tour, nachdem sie auf einem Bauernhof in Tutzingen ihr Buch geschrieben hat, das Anfang des Jahres erschienen ist. Diesmal ist die Rückwärtspilgerin mit einem Lastenfahrrad, einem Fahrradcamper und Hund Lilly unterwegs. Der Caravan, der vor allem mit Spendengeldern finanziert wurde, soll am Ende der Tour für einen guten Zweck versteigert werden. „Das Geld wird ein Kinderhospiz bekommen“, verspricht Bäuerlein.

Es geht um die großen Fragen des Lebens, Krisen, Konflikte, Integration.

Die aktuelle Tour führt Mina Bäuerlein wieder vom Süden in den Norden. Diesmal ist es eine Erinnerungs- und Lese-Tour. „Aber auch eine ganz neue Tour, eine Tour des Kennenlernens, in der ich Menschen kennenlerne, mit denen ich unterwegs ins Gespräch komme. Dabei sind die Themen erst einmal egal. Aber ganz schnell geht es in die Tiefe, es geht um die großen Fragen des Lebens, Krisen, Konflikte, Integration. Es geht darum, das Leben zu leben, oder, wie ich im Untertitel des Buches geschrieben habe, das Leben zu küssen. Es geht darum, sich vertrauensvoll auf das Hier und Jetzt einzulassen“, betont Bäuerlein.

Nach dieser Tour wünscht sich die Rückwärtspilgerin wieder „etwas Festes“. „Kurz vor der Corona-Zeit habe ich mich in Tutzingen einquartiert, um mein Buch zu schreiben. Das war eine gute Entscheidung. Und seit dem ist Tutzingen für mich zum Lebensmittelpunkt geworden, zu einer neuen Heimat. Da möchte ich jetzt wieder hin. Und beruflich: Mal sehen, was kommen will. Ich schaue vertrauensvoll in die Zukunft!“, sagt Mia Bäuerlein voller Optimismus.

Edmund Deppe