Impuls zur Sonntagslesung am 14. Dezember 2025: Dritter Advent

Ein ehemaliger Obdachloser berichtet: „Es braucht Menschen, die an dich glauben“

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Tomasz Moron
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Foto: Lisa Discher

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Tomasz Moron arbeitet heute als Haustechniker im Laurentiushaus.

„Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie! Sagt den Verzagten: Seid stark, fürchtet euch nicht.“ Was der Prophet Jesaja verheißt, klingt großartig, ist aber leichter gesagt als getan. Niemand weiß das besser als Tomasz Moron.

Tomasz Moron hatte alles verloren. Er war wohnungslos, alkoholabhängig, am Ende. „Wie die meisten aus der Szene“, sagt er, „wäre ich wahrscheinlich irgendwann einfach eingeschlafen und nie wieder aufgewacht.“

Dass es einmal so weit kommen würde? Früher unvorstellbar. Doch ein Schicksalsschlag folgte dem nächsten. Wie schon sein Vater griff auch er irgendwann zur Flasche. Erst gelegentlich, dann täglich. „Dann ging alles ganz schnell“, sagt er. Ehe zerbrochen, Wohnung weg, Halt verloren. „Und plötzlich hat man nichts mehr“, sagt er, „bis auf den Alkohol.“

Morgens aufwachen, trinken, um zu vergessen oder das Leben jeden Tag zu feiern. Er feierte, dass es regnete, dass die Sonne schien, dass ein Wind wehte – stieß darauf an, mit einem Glas Wodka nach dem anderen. Bis zu zwei Flaschen am Tag. So sah sein Leben aus. „Dann war ich am Tiefpunkt, Mut war da nicht mehr“, sagt Moron. Doch er sagt auch: „Das war mein Wendepunkt, dass ich fast gestorben bin.“

Fünf Jahre ist das her. Damals saß Moron auf den Stufen der Wärmestube in Osnabrück, einem Zufluchtsort für Wohnungslose. Dort gab es warme Mahlzeiten – und ein bisschen Kraft und Mut dazu. Es ist der Ort, an dem sein altes Leben endete und das neue begann. Moron sagt: „Wäre die Schwester nicht gewesen, dann hätte ich das nicht überlebt.“ 

Die Schwester heißt Benedicta und ist Franziskanerin. Sie arbeitet in der Wärmestube und ist bis heute mit Moron in Kontakt. Sie erinnert sich: „Er war alkoholisiert, hatte Wasserblasen an den Beinen, die zum Teil offen waren, nachts schlief er sitzend im Auto eines Freundes auf dem Parkplatz.“ Als er sie um einen Eimer kaltes Wasser und ein Handtuch bat, um sich abzukühlen, fühlte sie an seiner Stirn. „Er hatte hohes Fieber.“ Darum versuchte sie, ihn zu überreden. „Ich rufe den Notarzt. Du gehörst ins Krankenhaus“, sagte sie ihm. Vergeblich. „Ich habe ihn dann ausnahmsweise ein paar Nächte in der Wärmestube schlafen lassen und ihn versorgt“, erzählt sie.

Doch irgendwann ging das nicht mehr. „Ich sagte zu ihm: Bitte fahre jetzt mit, das ist eine Chance, sonst kann es übel ausgehen.“ Doch Moron ging erst, als der Diakon hinzukam, ihn anschrie: „Geh mit den Sanitätern mit!“ Da machte es Klick. „Das hat mir das Leben gerettet“, sagt Moron. Das hat ihm die Augen geöffnet.

Im Krankenhaus konnte er keinen Alkohol trinken – ein Anfang. Doch die wahre Rettung, so Moron, kam von der Erkenntnis: „So kann es nicht weitergehen.“ Und von der Zuwendung anderer, die ihm die Kraft gab, die er längst verloren hatte. Schwester Benedicta besuchte ihn im Krankenhaus, machte seine Wäsche. Moron sei erstaunt gewesen, dass da jemand war, der ihm half, sagt Schwester Benedicta: „Aber genau das hat er gebraucht und ich wusste: Ich kann ihn jetzt nicht aufgeben.“ Und Moron fasste Zutrauen.

Fast zu sterben, hat gereicht

Sie half ihm, wieder auf die Beine zu kommen. Nicht durch große Worte, wie sie sagt. „Worte können das nicht beschreiben, was es in so einer Situation braucht.“ Immer wieder habe sie versucht, ihm Kraft zu geben, indem sie einfach da war. Ihm zeigte: „Ich vertraue dir!“ Sie sprach mit ihm, über früher und Ängste und Sorgen und die Zukunft. Noch während er im Krankenhaus war, organisierte sie Moron einen Platz im Osnabrücker Laurentiushaus, einer Unterkunft für Wohnungslose. Dort begann er dann richtig: der Neuanfang.

Keinen Tropfen Alkohol rührte er ab da an. „Fast zu sterben, hat mir gereicht“, sagt Moron. Noch etwas kann helfen, falls die Knie doch wieder wanken sollten. „Ich wollte die Menschen, die mir so sehr geholfen haben, nicht enttäuschen.“

Mit Glück und Mut

Und das hat er nicht. Im Laurentiushaus begleitete ihn Heidrun Ramirez. Damals war sie seine Sozialarbeiterin, heute sind die beiden Kollegen. Sie sagt: „Wenn jemand zweifelt, mutlos ist, dann höre ich mir die Gründe dafür erstmal an.“ Denn die seien berechtigt, begründet in der eigenen Vergangenheit. „Nur wenn man diese Sorgen ernst nimmt, die Person auch ernst nimmt, kann man gemeinsam Lösungen finden.“

Bei Moron bedeutete das: kleine Schritte. Gemeinsame Gespräche auf Spaziergängen, Zuhören, Vertrauen aufbauen. „Immer wieder gemeinsam zurückblicken und aufzeigen, was schon alles geschafft ist“, sagt Ramirez. Denn Erfolge machen stark und vertreiben die Angst.

Bald half Moron in der Cafeteria des Laurentiushauses aus. Übernahm kleinere Aufgaben. Man merkte: Auf ihn ist Verlass. Nach und nach bekam er immer mehr Verantwortung. Heute arbeitet er fest als Mitarbeiter mit, ist Teil des Kollegiums – an der Seite derer, die ihm in größter Not halfen.

Moron sagt: „Mein Glück? Das waren die Menschen, die mich gerettet haben und mir Mut gemacht haben.“ Schwester Benedicta fügt hinzu: „Mut und Demut, beides trägt Tomasz in sich.“ Denn beides gehöre zusammen. Es brauche Demut, sein Leben mit der eigenen Geschichte zu akzeptieren, und Mut, so offen darüber zu sprechen.

Das tut Tomasz Moron. Und wenn ihn heute ein Bewohner im Laurentiushaus fragt: „Wie hast du es nur rausgeschafft?“ Dann antwortet er: „Mit Menschen, die an dich glauben, einer Portion Mut und einer Portion Glück.“

Lisa Discher