Papst Leo über Segensfeiern für Homosexuelle
Er will die Lehre nicht ändern
Foto: kna/Vatican Media/Romano Siciliani
Unerwartet klar hat sich Papst Leo XIV. in einem Interview zu zentralen Themen in Kirche und Politik geäußert. Seine Aussagen sorgen weltweit für Schlagzeilen – und in Deutschland für Enttäuschung bei reformorientierten Katholiken. Unklar ist, wie viel Widerstand es innerkirchlich gegen diesen Kurs geben wird.
In zwei Gesprächen mit der US-Journalistin Elise Ann Allen vom Portal „Crux“ hat der Papst eine Art Programm für sein Pontifikat skizziert und damit Spekulationen über seinen kirchenpolitischen Kurs beendet. Die Frage, ob die Phase der Reformen unter ihm weitergehen wird, beantwortet er so: Statt die von Papst Franziskus begonnenen Aufbrüche fortzuführen, will er „vorerst“ nichts in der Dogmatik und Morallehre der Kirche ändern. Die Polarisierungen in der Kirche will er durch vertiefte Debatten heilen und überwinden.
Die im Vatikan viel gelesene römische Zeitung „Il Messaggero“ erwartet jedenfalls erhebliche neue Spannungen: „Für Leo XIV. wird es ein heißer Herbst. Die Waffenruhe zwischen Konservativen und Progressiven ist vorbei.“ Auch die offizielle Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ widmet dem Interview ihre Titelgeschichte, unter der Überschrift: „Aus den Polarisierungen herausfinden und Brücken bauen“.
Dass der Papst für ein Interview, das quasi sein Regierungsprogramm umreißt, nicht die eigenen Medien, sondern ein mittelgroßes privates US-amerikanisches Nachrichtenportal wählte, hat auch im Vatikanapparat für Verwunderung gesorgt. Offenbar suchte er ein Gegenüber, dessen kulturelle Codes er genau kennt. Denn im italienisch geprägten Umfeld bewegt er sich weiterhin mit einer gewissen sprachlichen Unbeholfenheit, und offenbar wollte er sicherstellen, dass seine Aussagen unverfälscht ankommen.
Nuancen waren ihm vor allem deshalb wichtig, weil Leo XIV. nicht als ein Papst neuer dogmatischer Festlegungen und Denkverbote wahrgenommen werden will. An mehreren Stellen des Gesprächs betont er, dass seine Einschätzungen „derzeit“ oder „auf absehbare Zeit“ gelten. Und er macht deutlich, dass es ihm keinesfalls darum geht, innerkirchliche Debatten abzuwürgen. Doch er will, dass diese Debatten ohne den unter seinem Vorgänger Franziskus angestauten Erwartungsdruck baldiger Reformen geführt werden.
Bischof Bätzing hält an Segen fest
Typisch sind dabei seine Gedanken zur Frauenfrage in der Kirche, wenn er sagt: „Ich denke, dass dies auch weiterhin ein Thema bleiben wird. (Allerdings) habe ich derzeit nicht die Absicht, die Lehre der Kirche zu diesem Thema zu ändern. (...) Ich bin auf jeden Fall bereit, den Menschen weiterhin zuzuhören. Es gibt diese Studiengruppen. Das Dikasterium für die Glaubenslehre, das für einige dieser Fragen zuständig ist, untersucht weiterhin den theologischen Hintergrund und die Geschichte einiger dieser Fragen, damit werden wir weitermachen und sehen, was dabei herauskommt.“
Schärfer positioniert sich der Papst zur Sexuallehre der Kirche. Zwar greift er den Gestus seines Vorgängers auf, alle Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder Identität in der Kirche willkommen zu heißen. Als erster Papst benutzt er die Formel LGBTQ, um die sexuellen Minderheiten zu beschreiben. Doch er bekennt sich klar zur „traditionellen Familie“ als Fundament der Gesellschaft. Und lehnt die in Deutschland und einigen weiteren Ländern eingeführten kirchlichen Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare und „Menschen, die sich lieben“, explizit ab.
Die katholischen Bischöfe in Deutschland wollen an ihrem Kurs im Umgang mit homosexuellen Paaren festhalten. Es gebe keinen Grund, die Handreichung „Segen gibt der Liebe Kraft“ zurückzunehmen, betonte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, zum Auftakt der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda. Das Papier versteht sich als Orientierungshilfe zu Segnungen unter anderem von gleichgeschlechtlichen Paaren. Es sei in enger Abstimmung mit der vatikanischen Behörde für die Glaubenslehre erarbeitet worden, so Bätzing.
Die Bewegung „Wir sind Kirche“ warf dem Papst vor, die traditionelle Familie zu verklären und die Bedeutung der Sexualmoral zu überhöhen. Das führe zu Ausgrenzung. Thomas Söding, Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), riet von Alarmismus ab. „Auch unter Leo XIV. wird es Reformen geben“, sagte er, allerdings „weniger disruptiv als bei Franziskus“. Das brauche aber nicht schlechter zu sein. Leo sei als Mann des Ausgleichs gewählt worden; doch auf Dauer reiche das nicht: Er dürfe die Reformkräfte nicht verlieren und müsse jene „in Schwung bringen, die auf überholten Überzeugungen beharren“.
Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) relativierte das Papst-Interview als „Moment-Aussage“ und zeigte sich kämpferisch. Die Vize-Bundesvorsitzende Ulrike Göken-Huismann sagte: „Wir sind der festen Überzeugung, dass eine wirkliche Erneuerung der Kirche Jesu Christi nur gelingt, wenn Frauen alle Dienste und Ämter in der Kirche offenstehen.“