Impuls zur Sonntagslesung am 23.11.2025

Gespräch mit dem Theologen Markus Lau: „Das Königtum Christi ist anders“

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Schachfiguren
Nachweis

Foto: imago/Zoonar

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Könige haben Macht. Ist Jesus auch so einer?

Er werde ins Paradies kommen, verspricht Jesus dem einen Schächer – weil der ihn am Kreuz hängend anerkennt. Ist das gerecht? Ist Jesus wie Donald Trump, der seine Fans auch willkürlich begnadigt? Fragen an den Theologen Markus Lau.


Herr Professor Lau, reicht Reue in letzter Minute? 

Das ist eine gängige Interpretation für diese Bibelstelle mit Jesus und den Schächern am Kreuz. Aber ich glaube, es geht da noch um mehr.

Nämlich?

Von Reue ist ja gar nicht direkt die Rede. Der eine Schächer am Kreuz spricht in Konfrontation mit dem anderen davon, dass ihnen Recht geschieht mit dieser Strafe, dass aber Jesus unschuldig ist. Hier wird also der klassische Tun-Ergehen-Zusammenhang problematisiert: Wer etwas angestellt hat, wird dafür bestraft; wer am Kreuz stirbt, ist ein von Gott Verfluchter. Und andersherum: Wer Gutes tut, der wird belohnt. Der Schächer erkennt, dass das für Jesus gerade nicht gilt. Er erkennt im Gekreuzigten einen Gerechten, ja den wahren König, wenn er zu Jesus sagt: Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst! 

Wird die Stelle auch deshalb gerade zum Fest Christkönig gelesen?

Ja, das passt. Denn der Schächer erkennt die tiefe Wahrheit hinter der Inschrift über dem Kreuz Jesu, die eigentlich ja als Spott angebracht wurde: „Dieser ist der König der Juden“. Das Königtum Christi ist etwas ganz anderes als die weltlichen Herrschaftsverhältnisse. 

Warum wird dann in Auslegungen die Sündenvergebung in letzter Minute so sehr betont?

Das liegt vielleicht auch daran, dass das für unsere Zeit besonders gut verständlich ist. Es ist hilfreich für meine persönlichen Fragen, wie ich mit Schuld und Vergebung und der Jenseitshoffnung umgehe. Und das ist ja auch nicht falsch. Aber ich finde es eine positive Horizonterweiterung, wenn auch der Aspekt hinzukommt, wer wirklich der König ist, also wie das Reich Gottes aufgestellt ist – nämlich ganz anders, als das menschliche Kategorien vermuten lassen.

Markus Lau
Markus Lau. Foto: Pressestelle der Universität Würzburg/Gunnar Bartsch 

Das kann aber auch verwirren. 

Ja, aber es ist auch eine Chance, denn dieser Text kann unsere Grundkoordinaten heilsam durcheinanderbringen. Er warnt nämlich indirekt vor vorschnellen Urteilen: Wer ist gut, wer ist böse; für wen gibt es Hoffnung, für wen nicht? Da sollten wir vorsichtig sein mit unseren Urteilen. In der Perspektive Jesu sind die Würfel noch nicht gefallen, auch wenn es aus menschlicher Sicht so aussieht, dass alles zu Ende ist, wenn jemand als Verbrecher am Kreuz hängt. 

Jesus verspricht das Paradies: Ist das nicht eine willkürliche Begnadigung? Ist so ein König gerecht?

Jesus sagt ja nicht zu dem anderen Verbrecher: „Dieses Versprechen gilt für dich nicht!“ Er bittet Gottvater sogar ein paar Verse zuvor: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Der lukanische Jesus hat in Sachen Vergebung eine große Weite, von der auch der andere Schächer nicht einfach ausgeschlossen ist. Es gibt Hoffnung für alle, nicht nur für ein paar Auserwählte, besonders Begnadete oder vom König Begnadigte. 

In den USA wendet sich die Bewegung „No Kings“, „Keine Könige“, gerade dagegen, dass Trump Verurteilte nach eigenen Vorstellungen begnadigt ...

Und genau hier wird deutlich: Das ist etwas ganz anderes. Trump begnadigt die, die ihm passen, die sein Wohlwollen erreichen, seine politischen Freunde. Seine Begnadigungen folgen einer klaren Logik des Tun-Ergehen-Zusammenhangs: was ihm Vorteile bringt oder wie er Loyalität zu ihm belohnt. Er wendet sich gerade nicht den Ausgegrenzten zu, den Schwachen, Randständigen, Marginalisierten. Das ist ein fundamentaler Unterschied zu Jesus, der diesen eindimensionalen Zusammenhang durchbrochen hat. Er schenkt Vergebung und Gnade nicht zum eigenen Vorteil, nicht nur für seine Fans und nicht entlang des Tun-Ergehen-Zusammenhangs.

Trump sieht sich aber auch als Friedensfürst und spielt mit dem Motiv des Königs.

Wie gesagt: Das ist genau der Unterschied zum jesuanischen Verständnis. Jesus belohnt nicht die Seinen mit dem Ziel, selbst groß zu werden, dafür gelobt zu werden und gut dazustehen. Er ist nicht der Friedensfürst, der den Friedensnobelpreis haben will. Trump folgt in seinem Bestreben, als Friedensbringer zu erscheinen, eher der Logik mancher römischer Kaiser, die sich als Friedensbringer darstellen, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Der uns in der lukanischen Weihnachtsgeschichte begegnende Kaiser Augustus ist dafür ein gutes Beispiel. Er will sich als Friedensfürst zeigen, um zu sagen: „Mit meiner Herrschaft beginnen goldene Zeiten des Friedens und Wohlstands“ – auch das findet sich übrigens bei Trump. Lukas hält dagegen und stellt Augustus nicht als Friedensbringer, sondern als Steuereinnehmer vor, der alle Welt in Steuerlisten eintragen will. Goldene Zeiten beginnen für Lukas mit Jesus.

Damit sind wir dann auch wieder beim Fest Christkönig, das vor genau einhundert Jahren, 1925, eingeführt wurde.

Ja, und ich denke, das Christkönigsfest ist auch heute in seiner Bedeutung hilfreich und aktuell. Es ist ein sehr herrschaftskritisches Fest. Die Botschaft ist: Es gibt mit Blick auf die Ewigkeit nur einen König, und der ist anders – und größer –, als wir uns das in menschlichen Kategorien und bei weltlichen Herrschern denken, so mächtig sie auch erscheinen. Es gibt eine andere, größere Gerechtigkeit. Das lässt hoffen und durchaus kritisch auf die Herren der Welt blicken.

Interview Michael Kinnen

Zur Person

Markus Lau (48) ist Professor für neutestamentliche Exegese an der Universität Würzburg.