Impuls zur Sonntagslesung am 08. März 2026

Theologin Annette Jantzen: „Jesus überschreitet regelmäßig Grenzen“

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Samariterin
Nachweis

Foto: wikimedia

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Samariterin geht mit Krug zum Brunnen

Dass Jesus am Jakobsbrunnen mit einer Frau spricht, wundert sogar seine Jünger, erzählt das Johannesevangelium. Die lange Diskussion ist dabei nur ein Beispiel für seinen unbefangenen Umgang mit damaligen Benimmregeln, sagt die Theologin Annette Jantzen.

Frau Jantzen, ist der Umgang Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen, wie er im Johannesevangelium geschildert wird, typisch für Jesus?

Ja, denn er ist ein Beispiel für das, was Johannes an vielen Stellen aus der Erinnerung an Jesus sehr lebendig hält: dass Jesus keine Vorbehalte hat und mit einer grundsätzlichen Offenheit auf Menschen zugeht. Die Vorstellung „Mit dem oder der redet man nicht!“ teilt Jesus nicht. Das gilt sowohl für den Umgang mit Andersgläubigen, Anderslebenden als auch im Umgang zwischen den Geschlechtern. Jesus überschreitet da sehr regelmäßig Grenzen. Er sieht den Menschen und nicht die Schublade, in die der gesteckt wird.

Was wären weitere Beispiele aus den Evangelien?

Da sind die anderen Gespräche mit Frauen wie etwa das sehr selbstverständliche Lehrgespräch mit Maria von Bethanien. Er überschreitet die Distanz der Geschlechter auch zu Maria Magdalena, die so etwas wie ein Lieblingsmensch in seiner Umgebung ist. Aber dazu zählt – vielleicht überraschend – auch sein Umgang mit unliebsamen Menschen wie etwa dem Zöllner Zachäus als Handlanger der Besatzer. Das provoziert und macht es schwierig für alle, die Jesus vereinnahmen wollen und ihn gerne auf ihrer Seite hätten.

Annette Jantzen
Annette Jantzen. Foto: Ute Haupts

In der Kurzfassung des Evangeliums, die ja in vielen Gottesdiensten gelesen wird, fällt unter anderem der Vers weg, nach dem die Samariter „auf das Wort der Frau hin“ zum Glauben kamen. Eine typische Kürzung?

Die aktuelle Leseordnung wurde in den 1960er Jahren nach dem Konzil entwickelt. Und ja, es zeigt sich oft, dass – mit welcher Absicht, sei dahingestellt – bestimmte Stellen auffallend gekürzt wurden. Das ist nicht ein Problem der biblischen Zeit oder gar des Umgangs Jesu mit Frauen. Da haben die Redakteure der Leseordnung oft ein engeres Bild als die biblischen Autorinnen und Autoren.

Gilt das insgesamt für die Bibel?

Ja, denn es gibt in der gesamten biblischen Überlieferung auch großartige Frauen-Traditionen und Prophetinnen. Das muss man aus den Texten manchmal herauskitzeln und so den Horizont erweitern. Aber in der folgenden Zeit der Überlieferung bis in unsere Zeit hinein hatten es Frauen immer wieder schwer. Da verengt sich manchmal der Blick, zum Beispiel auf Maria Magdalena – und sie wird als Prostituierte diffamiert. 

Auch von der Frau am Jakobsbrunnen wird gesagt, dass sie schon fünf Männer hatte und der aktuelle gar nicht ihr Ehemann sei …

Ja, aber das ist keine Kritik an der Frau wegen angeblicher sexueller Zügellosigkeit. Das ist eine sehr deutliche Armutskritik. Eine Frau musste damals eine weitere Ehe eingehen, wenn ihr Mann verstorben war, weil sie kein Erbrecht hatte. Und dass ihr aktueller Mann sie noch nicht mal zur Ehefrau nahm, macht sie noch ausgelieferter. Das richtet sich als Kritik dann gegen ihn, nicht gegen sie.

Im Evangelium heißt es auch, dass die Jünger sich wunderten, dass Jesus mit einer Frau spricht. Wie ungewöhnlich war das? Oder geht es eher um seinen besonderen Umgang mit Randgruppen?

Frauen sind keine Randgruppen – sie waren schon immer die Hälfte der Menschheit! Je mehr man es als Besonderheit herausstellt, dass Jesus mit ihnen spricht, desto mehr verfestigt man das scheinbare Normal, dass Männer nur mit Männern reden. Aus der Sicht Jesu war es womöglich die größere Grenzüberschreitung, dass er nach Samaria ging und mit jemandem von dort gesprochen hat. Dass das dann ausgerechnet eine Frau war, kommt noch hinzu, steht aber nicht an erster Stelle und ist für ihn gar nicht so ungewöhnlich, wie wir das vielleicht annehmen. 

Welche Gemeinsamkeiten sehen Sie in den Geschichten?

Dass es die Ungeliebten waren, denen sich Jesus zuwandte, diejenigen, die Schwierigkeiten gemacht haben, die Anstrengenden. Mit denen hat Jesus keine Berührungsängste. Es gibt ein schönes Zitat der amerikanischen Theologin Elizabeth Johnson. Sinngemäß: Das Problem heute ist nicht, dass Jesus ein Mann war, sondern dass nicht mehr Männer wie Jesus sind.

Was kann man heute aus dieser biblischen Geschichte von der Frau am Jakobsbrunnen lernen?

Offen in ein Gespräch zu gehen – und sich für dieses Gespräch auch Zeit zu nehmen! Das geht uns oft verloren, nicht zuletzt in kirchenpolitischen Debatten. Da genügen ja manchmal schon Stichworte und alle meinen zu wissen, was der oder die andere jetzt sagen wird. Jesus tritt ja nicht ohne eigene Verortung auf. Jesus hat auch eine Position, er weiß genau, wer er ist, wo er hingehört und wohin er gehören will. Aber er nimmt sich dennoch Zeit für die Erfahrung der anderen. Das ist kein Entweder-Oder, kein Schwarz-Weiß. Modern gesprochen: Jesus geht aus seiner Bubble raus. 

Interview Michael Kinnen

Zur Person

Annette Jantzen ist promovierte Theologin, Buchautorin und Verfasserin des Blogs www.gotteswort-weiblich.de. Gerade erschienen ist ihr Buch: Die ignorierten Frauen der Bibel. Was im Gottesdienst nicht gelesen wird. Herder Verlag, 304 Seiten, 24 Euro