Starke Frauen Teil 5
AIDS: Warum sie helfen, wo andere ausgrenzen
Foto: Imago/Berlinfoto
Dem ersten HIV-Infizierten begegnete Schwester Hannelore Huesmann (66) Ende der 1980er Jahre. Sie war damals Krankenpflegerin im St. Franziskus-Hospital in Münster. In ihrer Ausbildung in einem anderen Krankenhaus hatte sie zuvor große Unsicherheit im Umgang mit dem neuen Virus erlebt. „Was mich damals sehr gestört hat, war die Aussage, wir müssten uns besonders schützen, wenn jemand HIV-infiziert ist oder nur der Verdacht besteht“, sagt sie. Sie fand es fragwürdig, Schutzkleidung anzuziehen, nur um einem HIV-Infizierten einen Kaffee ans Bett zu bringen.
„Wir waren mal eine Clique von 20 und heute bin ich auf der 19. Beerdigung.“
Später, bei der Begegnung im St. Franziskus-Hospital, erfuhr sie, wo HIV-Infizierte außerdem noch Geringschätzung erleben: Der Patient erzählte ihr, dass er niemals in ein katholisches Krankenhaus gegangen wäre, wenn ihn der Rettungsdienst nicht gebracht hätte. Er hatte schon genug Ausgrenzung erlebt und fürchtete, nun auch dort wegen seines Schwulseins verachtet zu werden.
„Was stimmt bei uns nicht, dass jemand solche Vorbehalte hat?“, fragte sich Schwester Hannelore damals. Sie war zu dieser Zeit nicht nur Krankenpflegerin, sondern auch Novizin bei den Mauritzer Franziskanerinnen. Als Ordensschwester wollte sie solidarisch sein, wo Menschen ausgegrenzt werden.
Hilfe von Ehrenamtlichen
Mit Schwester Juvenalis Lammers, die auch Krankenpflegerin war, zog sie deshalb Ende 1992 nach Berlin. Sie arbeiteten in zwei Kliniken und in der ambulanten Pflege, um Erfahrungen mit der Behandlung von Aidskranken zu sammeln. Mit der Zeit erkannten sie, wo sie helfen konnten. Schwester Hannelore erzählt von einer Trauerfeier. Einer der Freunde des Verstorbenen habe zu ihr gesagt: „Wir waren mal eine Clique von 20 und heute bin ich auf der 19. Beerdigung.“ Sein ganzer Freundeskreis war an den Folgen von Aids gestorben. Von da an setzten sich Schwester Juvenalis und Schwester Hannelore dafür ein, dass Aidskranke am Leben teilnehmen können bis zuletzt.
Sie gründeten einen ambulanten Hospizdienst für HIV-Infizierte. Gemeinsam mit 30 Ehrenamtlichen haben sie in den vergangenen 28 Jahren mehr als 500 Menschen begleitet. An einem Gedenkvorhang in ihrem Büro erinnern kleine Kärtchen mit den Vornamen an die Menschen, die verstorben sind.
Viel Skepsis zu Beginn
Am Anfang begegneten ihnen viele Patienten mit Skepsis. Der Widerstand schwand, als sie merkten, „dass ich nicht komme, um zu urteilen“, sagt Schwester Hannelore. Stattdessen habe sie die Menschen gefragt, was ihnen jetzt hilft und was sie dazu beitragen kann. Was die Leute brauchten, war unterschiedlich. Es konnte ein Spaziergang sein, der ohne Begleitung nicht möglich war, ein gemeinsam geschautes Fußballspiel oder Unterstützung bei Anträgen. Oder ein Gespräch. Schwester Hannelore erinnert sich an einen Patienten, der fürchtete, dass er nach dem Tod vergessen wird, „so, als wäre ich nie dagewesen“, habe er gesagt. Am Ende des Lebens konnte auch Begleitung im Sterben oder Begleitung der Angehörigen gefragt sein.
Mit den Ehrenamtlichen bieten die Schwestern jetzt unter dem Dach der Caritas Beratung und Hilfe an. Schwester Hannelore sieht immer noch viel Diskriminierung. Sie beobachtet, „dass Türen zugehen, wenn eine Krankheit, die sexuelle Orientierung oder die Hautfarbe eine Rolle spielt“. Deshalb zeigen die Franziskanerinnen öffentlich Solidarität. Sie tragen die Aidsschleife an ihrer Kleidung und sind bei Veranstaltungen wie dem Christopher Street Day präsent.