Studie zum geistlichen Missbrauch – was Betroffene berichten
„Die CG-Zeit sitzt mir noch immer in den Knochen“
Foto: Aaron Burden/Unsplash.com
Die körperlichen und seelischen Folgen des geistlichen Missbrauchs bleiben.
„Du gehörst nach Thuine.“ Kaum ein Satz ist in der „Christusgemeinschaft“ (CG) häufiger gefallen. Er schmeckt bitter, denn S., ehemalige Thuiner Franziskanerin und Zuständige für das Freiwillige Soziale Jahr im Bistum Osnabrück, fühlte sich berufen, junge Menschen, die sich ihr anvertrauten, für ein Leben im Orden zu rekrutieren. In übergriffiger Weise. Sie übte Druck aus und erhöhte ihn noch, indem sie mit den Eltern sprach, ohne das Wissen der jungen Frauen. Eine Betroffene sagt: „Ich selbst hatte damals ein anderes Lebenskonzept, wollte gerne Ehe und Kinder. Das hat mich verunsichert, zumal all meine Freundinnen schließlich ins Kloster gingen. War ich berufen fürs Kloster? Musste ich ins Kloster, auch wenn ich gar nicht wollte?“
Die wissenschaftliche Studie „Macht durch Charisma“ blickt in die Abgründe einer sektenähnlichen Gemeinschaft. Sie dokumentiert geistlichen Missbrauch am Beispiel der „CG“ im Bistum Osnabrück. Aber was heißt das? Mitunter absolute Verfügungsgewalt bis hin zur Unterwerfung. Dabei stellen die in die „CG“ hineingeborenen Kinder noch einmal eine eigene Gruppe dar.
Zahlreiche Veranstaltungen, übers Jahr verteilt in enger Taktung, ein engmaschiger individueller Kontakt mit den beiden Leitungspersonen Schwester S. und Pfarrer H. oder delegierten Personen – so band die „CG“ ihre Mitglieder an sich. Zeit für Privates blieb kaum. Leben in und mit der „CG“ bedeutete nicht nur, quasi jedes Wochenende unterwegs zu sein und während der Woche noch ein Treffen in kleineren Gruppen zu haben. Leben in der „CG“ hieß auch, über sich und sein Leben bestimmen zu lassen.
Gemeinschaftliche Wohnformen an verschiedenen Orten verstärkten die Kontrolle. Einzelne junge Frauen lebten in „CG“-Familien. Neben ihren Ausbildungen und Berufstätigkeiten wurden die jungen Frauen auch als Arbeitskräfte innerhalb der „CG“ eingesetzt, haben geputzt, gekocht, Kinder beaufsichtigt. Frei entscheiden konnten sie darüber nicht. In der Gemeinschaft hatten sie eine eher schwache Position, die leicht ausgenutzt werden konnte, um das System der kinderreichen Familien aufrechtzuerhalten.
Unangefochtene Leitungsfigur war Schwester S. Sie hatte alle Fäden in der Hand, gab vor, was richtig und was falsch war – im Alltags- und im Glaubensleben. Sie „erkannte“ Berufungen und entschied, wer zur Gemeinschaft dazugehörte, wer wo wohnte, wer mit wem lebte, wohin es in den Urlaub ging – und wer wen heiratete. Druck übte sie beispielsweise auch in Exerzitien aus. Sie nötigte Teilnehmer, intimste Dinge zu offenbaren und reagierte auf Zögern mit Jähzorn und Willkür.
Also wenn ich jetzt das Wort Hingabe sage und höre, dann merke ich, dass ich schon wieder wirklich fast ein Kotzen im Hals kriege.
Druck und Angst gingen mit Praktiken der Beschämung und des Bloßstellens Hand in Hand. Das alles, sagt eine Studienteilnehmerin heute, sei kein Glaube gewesen, „der in die Freiheit führt, sondern ein Glaube, der voll und ganz in die Abhängigkeit führt“. Zur Seite stand Schwester S. Pfarrer H., der ihre Autorität nie infrage stellte. Die Mitglieder waren ihr ergeben. Auch „CG“-Priester, die sogar Beichtgeheimnisse weitergaben. Zitat aus der Studie: „Und am Samstag war ich beichten, und ich war noch nicht zu Hause, da hat die Schwester mich angerufen und hat mir all das vorgeworfen, was ich gerade gebeichtet hatte.“
Problematisch waren auch Sexualmoral und Geschlechterrollen in der CG. Für weibliche Mitglieder gab es nur die Wahl, entweder Ehefrau und Mutter zu werden oder Ordensschwester. Lieber letzteres. Als Ehefrau galt es, möglichst viele Kinder zu gebären, verbunden mit „Hingabe“: Frauen hatten zu geben, ohne Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse. Eine Betroffene schildert das mit drastischen Worten: „Hingabe, Hingabe, Hingabe. Also wenn ich jetzt das Wort Hingabe sage und höre, dann merke ich, dass ich schon wieder wirklich fast ein Kotzen im Hals kriege. (…) Es ging immer nur darum, was brauchen die anderen.“ Hinzu kam eine Spiritualität, in der behauptet wurde: „Wenn man zum Beispiel seine Kinder leicht bekommt, also wenn die Geburt einfach ist“, dass man dann „sehr offen für den Heiligen Geist“ sei, aber eben auch umgekehrt, insbesondere dann, wenn jemand keine leichten Geburten hatte.
Die Geschlechternormen erstreckten sich auch auf die Kleiderordnung. Schwester S. sagte zum Beispiel: „‚Mensch, Frauen, fühlt euch doch mal als Frauen. Kleidet euch doch mal als Frauen.“ Der Rock war die Kleidungsnorm, und zwar nur in einem bestimmten Schnitt, „also so diese weiten, karierten“, beschreibt es ein ehemaliges „CG“-Mitglied. Der Rock als Norm wurde dadurch aufgeladen, dass er zugleich auch mit dem Frau-Sein verbunden wurde und jede Frau, die keinen Rock trug, Gefahr lief, als „keine richtige Frau“ zu gelten.
Schlechtes Gewissen und negatives Selbstbild
Es braucht viel Zeit, sich von den festen Regeln während des Gemeinschaftslebens freizumachen. Zum Beispiel Sexualität zu leben, ohne den Normen der Kirche zu entsprechen. Das, berichtet eine Studienteilnehmerin, sei auch bis in die Gegenwart mit einem negativen Selbstbild und schlechtem Gewissen verbunden. Manche Dinge müssen neu gelernt werden: Nach der Arbeit einfach Pause zu machen, einen Kaffee zu trinken und keinen Rosenkranz zu beten – „ich wusste nicht, wie das geht“. Die ehemalige Mitgliedschaft beeinflusst das Leben und das Selbstbild, so dass „ich so ein bisschen defizitär von mir denke“, erzählt eine andere Betroffene.
Die körperlichen und seelischen Folgen des geistlichen Missbrauchs bleiben. Eine Betroffene beschreibt, wie sie Jahre nach ihrem Weggang reagiert hat, als während eines Gespräches in der Gemeinde das Thema „CG“ aufkam: „Da habe ich gemerkt, wie sehr mir diese ,CG‘-Zeit immer noch in den Knochen sitzt. Während des Gesprächs fing mein Körper, insbesondere die Hände, heftig an zu zittern, obwohl ich bei dem Treffen nur eine stille Teilnehmerin war. Ich werde auch in Zukunft damit rechnen müssen, dass immer mal wieder – vielleicht auch ganz unverhofft – mein Körper auf ,CG‘-Vergangenheit reagiert.“
Hintergrund
Die „Christusgemeinschaft“ (CG) ist eine in den 1970er und 1980er Jahren im Bistum entstandene geistliche Gruppierung. Kirchenrechtlich wurde sie nie anerkannt. Erste Mitglieder waren Teilnehmende am Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ). Die Thuiner Franziskanerin Schwester S. war Leiterin des FSJ und führender Kopf der „CG“. Später kamen Menschen aus den Gemeinden hinzu. Die Mitglieder trafen sich unter anderem zu Gebet, Bibelkreisen und geistlichen Wochenenden. Die „CG“ verlangte ein verbindliches Leben aus dem Glauben an Christus. Dabei hat sie Menschen geistlich abhängig gemacht, von Familien isoliert und einen rigorosen Glaubensweg mit Absolutheitsanspruch vertreten. Das belegt jetzt die Studie. (afl)